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Herzinfarkt:"Den Defibrillator kann man nicht falsch benutzen"

Der Standort für den öffentlich zugänglichen Defibrillator auf dem Freisinger Marienplatz sei gut gewählt, sagt Hubert Böck vom Bayerischen Roten Kreuz.

(Foto: Marco Einfeldt)

Bei Herz-Kreislauf-Versagen entscheidet schnelle Hilfe über Leben und Tod. Eine App zeigt den nächsten Defibrillator an - auch in Freising.

Von Eva Zimmerhof, Freising

Der Vater stürzte mitten auf der Straße, so plötzlich kam der Herzinfarkt. "Eine oder mehrere Personen eilten herbei, reanimierten ihn an Ort und Stelle." Nun will die Tochter den Lebensrettern danken. "Wer hat meinen Vater reanimiert?" Ein Post mit dieser Frage tauchte kürzlich in mehreren Freisinger Facebook-Gruppen auf. Zahlreiche Freisinger haben ihn mit einem "Like" versehen. Doch wie sieht es aus, wenn es tatsächlich darum geht, ein Leben zu retten? Wie wichtig sind dabei Defibrillatoren - und wo im Landkreis Freising hängen solche Reanimationsgeräte?

Wenn ein Mensch bewusstlos ist und nicht mehr richtig atmet, dann muss zunächst so schnell wie möglich ein Notruf abgesandt und dann mit der Wiederbelebung, vor allem mit der Herzdruckmassage, angefangen werden. "Weil viele bei einer Beatmung Angst vor Infektionen haben, sagt man mittlerweile, dass eine Druckmassage zunächst ausreicht", schildert Hubert Böck vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK). Am besten wäre es aber, Beatmung und Druckmassage zu kombinieren. "Natürlich wird dabei auch mal etwas verkehrt gemacht. Das ist eine Stresssituation und man tut etwas, was man sonst nie macht", sagt der Leiter des Rettungsdienstes in der Geschäftsstelle Freising.

Was beim Reanimieren zählt

Wenn ein Mensch bewusstlos ist und nicht mehr richtig atmet, ist sein Leben in Gefahr. Ersthelfer müssen Folgendes tun: zuerst einen Notruf absenden und dann mit der Herzmassage - am besten kombiniert mit der Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beatmung - beginnen. Bei Kindern ist es entscheidend, zuerst zu beatmen und dann den Notruf abzusenden. Für sie gibt es außerdem besondere Wiederbelebungsmaßnahmen.

Ist ein Defibrillator vorhanden, werden bei einem Erwachsenen die Elektroden des Gerätes je seitlich neben dem Herzen aufgeklebt. Das Gerät misst, ob es sich um ein Kammerflimmern handelt und der Elektroschock ausgelöst werden darf. Eine elektronische Stimme gibt Anweisungen zur Herzmassage.

Bei der Herzmassage liegt ein Handballen auf der Mitte des Brustkorbes, der andere Handballen liegt auf der ersten Hand. Mit gestreckten Armen wird der Brustkorb etwa fünf Zentimeter tief eingedrückt - hundertmal pro Minute. "Solange, bis der Rettungsdienst eintrifft, bis man selbst nicht mehr kann oder bis der Patient sich dagegen wehrt", sagt Hubert Böck von der BRK-Kreisgeschäftsstelle. Niemand solle Angst haben, dabei etwas falsch zu machen, meint Böck. "Denn der größte Fehler ist, gar nichts zu machen." zim

"Trotzdem darf keiner Angst haben, etwas falsch zu machen", so Böck. "Der größte Fehler ist, nichts zu machen. Wenn jemand mit Herz-Kreislauf-Versagen umkippt, dann stirbt er, wenn nichts gemacht wird." Wenn aber etwas getan wird, könne er vielleicht weiterleben. Er empfiehlt jedem, der sich unsicher ist, "unbedingt" einen Ersthelfer-Kurs zu machen. Der Kurs, der für den Führerscheinerwerb nötig ist, reiche irgendwann nicht mehr.

Der größte Fehler ist, gar nichts zu tun

"Mit der Herzmassage wird der Kreislauf auf Minimalbetrieb gehalten", erklärt der Kardiologe Josef Reisinger - auch er betont: "Das Schlimmste ist, wenn bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes nichts geschieht." Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkte und Schlaganfälle sind Todesursache Nummer eins in Deutschland. "Einsätze wegen Herzinfarkten, Angina Pectoris oder Herzbeschwerden haben wir mehrmals täglich", sagt Böck. Zu 140 bis 150 Wiederbelebungen komme es jährlich im Landkreis Freising.

Entscheidend für den glimpflichen Ausgang eines Herzinfarktes ohne Folgeschäden sei es, unbedingt erste Symptome ernst zu nehmen, warnt Reisinger. Brustschmerzen, die zum Teil bis in den Arm, Hals, Oberbauch oder Rücken ausstrahlen können, seien typisch für Gefäßverkalkung. Die Beschwerden könnten bei Belastungen, etwa beim Treppensteigen, auftreten, "bleibt der Patient stehen, verschwinden sie wieder". Schon dann sollte sich der Patient untersuchen lassen und keinesfalls noch stundenlang damit warten.

Ein 40-jähriger Raucher mit hohem Blutdruck ist gefährdet

Bei Angina Pectoris, der sogenannten Gefäßverkalkung, verengen sich die Gefäße durch Kalkablagerungen. Zum Herzinfarkt kommt es, wenn ein Blutgerinnsel in einem so verengten Herzkranzgefäß hängen bleibt. Bald darauf verspürt der Mensch Brustschmerzen, Luftnot und Schweißausbrüche. Gerade im Alter komme es zur Gefäßverkalkung, sagt der Kardiologe. Weitere Faktoren seien hoher Blutdruck, Rauchen und Diabetes. Diese gingen oft mit Übergewicht einher - und auch Vererbung spiele eine große Rolle. "Ein 40-jähriger Raucher mit hohem Blutdruck, dessen Mutter oder Vater einen Herzinfarkt hatte, kann vielleicht mit 50 Jahren ebenfalls einen erleiden", so Reisinger.

Bei einem Herzanfall ist ein Blutgefäß im Herzen betroffen oder es handelt sich um Durchblutungsstörungen des Herzen, beim Schlaganfall hingegen ist ein Gefäß im Gehirn betroffen. Auch beim Schlaganfall kann es zu Bewusstlosigkeit und Atemproblemen kommen, auch dabei sind Herzdruckmassage und Beatmung lebensrettend - ein Defibrillator-Einsatz ist jedoch nicht ratsam.

"Den Defibrillator kann man auf keinen Fall falsch benutzen", sagt jedoch Böck. Dafür sorge das Gerät selbst. "Wenn die Elektroden auf der Brust aufgeklebt werden, so dass das Herz dazwischen liegt, misst es automatisch, ob ein Kammerflimmern vorliegt. Nur dann wird der Elektroschock ausgelöst. Der Moosburger Kegelverein habe vor einigen Jahren ein Gerät angeschafft und schon nach wenigen Monaten "einen damit wiederbelebt", berichtet Böck. "Das hat gut geklappt."

Die Zahl der Defibrillatoren im Landkreis könne er nur schätzen, sagt Böck, etwa 20 müssten es sein. "Nandlstadt hat zum Beispiel drei." Im viel größeren Freising gibt es hingegen nur zwei von städtischem Geld angeschaffte Wiederbelebungsgeräte. Als Missstand empfindet Böck dies aber nicht. "In Freising kann der Rettungsdienst sehr schnell da sein", sagt er. "Zu anderen Orten im Landkreis kann es etwas länger dauern. Der Defibrillator kann dann helfen, die zehn bis 15 Minuten zu überbrücken."

Die "Rot Kreuz Defi App" zeigt den nächsten Standort an

"Es gibt keine Verpflichtung zur Anschaffung von Defibrillatoren", sagt die städtische Pressesprecherin Christl Steinhart. Sicherlich gebe es in Freising noch weitere in den Vereinen und in einigen Sparkassen. Auch auf dem Domberg gibt es ein Gerät im zweiten Stock des Kardinal-Döpfner-Hauses.

Schnell finden lässt sich ein Defibrillator über eine Smartphone-App. Bei eingeschaltetem GPS zeigt etwa die kostenlose "Rot Kreuz Defi App" sofort den nächsten Standort an. "Wichtig sind Defibrillatoren an Orten mit viel Publikumsverkehr", sagt Böck. Der Freisinger Marienplatz sei daher die richtige Wahl. Zusätzlich gibt es in der Mehrzweckhalle in der Luitpoldanlage ein städtisches Reanimationsgerät. "Das macht Sinn, wenn Volksfest ist", sagt Böck. "Allerdings sind wir dann ebenfalls mit Fahrzeugen vor Ort - und haben immer ein Gerät dabei."

Ihr Vater habe dank der "sehr kompetenten Wiederbelebung nicht einmal Hirnschäden davongetragen", schreibt die Tochter in ihrem Facebook-Post. Die Bereitschaft von Passanten schnell zu handeln, hat sich hier ausgezahlt.

© SZ vom 27.10.2016/zim

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