Nach dem WM-Sieg:Dream-Team ohne Allüren

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Weltmeisterin Simone Blum und ihr Springpferd Alice erholen sich auf dem heimischen Eichenhof. Die Reiterin genießt den Moment - und denkt auch schon an Olympia.

Von Katharina Aurich, Zolling

Starallüren hat sie keine, obwohl eine große Deutschlandfahne an der Tür ihrer geräumigen Box prangt. Alice, das Springpferd, mit dem Simone Blum bei der Weltmeisterschaft kürzlich die Goldmedaille für Deutschland holte, kaut wie alle anderen Pferde im Stall des Eichenhofs bei Zolling gerne genüsslich "Leckerlis" und ist gerne draußen im Gelände unterwegs. Vermutlich ist sie froh, wieder zu Hause zu sein nach dem Rummel in Tryon, USA, wo die elfjährige Fuchsstute auch dafür sorgte, dass die deutsche Mannschaft die Bronzemedaille mit nach Hause nahm. Sie blieb als einziges Pferd in allen fünf Durchläufen fehlerfrei.

Auch Simone Blum muss sich jetzt erst einmal sortieren, mit diesem Erfolg hatte sie nicht gerechnet. Der Reitsport sei wie die meisten Sportarten ein hartes Geschäft, man müsse sich den Erfolg verdienen, sagt sie. Jetzt, nach der Goldmedaille, stehen Blum und ihrer Fuchsstute aber alle Türen offen. Sie seien nun auf allen Turnieren weltweit gern gesehene Gäste, weiß die Weltmeisterin.

Drei Turniere stehen heuer noch an

Drei große Springwettbewerbe wird Alice unter Simone Blum in diesem Jahr noch bestreiten. Die Erwartungen sind natürlich hoch, aber Pferd und Reiterin werden sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Dann ist erst einmal Winterpause. "Wir Springreiter planen nicht lange im Voraus, sondern freuen uns am Hier und Jetzt und denken höchstens an die kommenden Monate", sagt die Goldmedaillengewinnerin. Sie selbst würde sich übrigens nicht so bezeichnen, ihr Pferd habe diese Leistung vollbracht, betont Blum. Alice liebe es, zu springen, je höher, umso besser und konzentrierter. Sie gebe alles und vermittle ihr als Reiterin ein tolles, sicheres Gefühl.

Eine Deutschlandfahne an der Boxentür ist die einzige Extravaganz, die sich die weltmeisterliche Fuchsstute Alice gönnt. Sie und ihre Reiterin Simone Blum sind trotz ihres großen Erfolgs sehr bodenständig. (Foto: Marco Einfeldt)

Als die Stute vor vier Jahren zu ihr kam und man ihr ein Ein-Meter -Hindernis aufstellte, sprang sie mühelos noch einen halben Meter höher. Da wusste ich, "sie will springen", sagt Simone Blum. Doch Alice ist nicht nur temperamentvoll, sondern auch vorsichtig. Das sei eine tolle Kombination für ein Springpferd, so Blum. Außerdem sei die Stute, genetisch bedingt, bei gutem Training sehr ausdauernd. Sogar im letzten der fünf anspruchsvollen Springrunden bei der Weltmeisterschaft sei sie immer noch frisch gewesen.

Das Siegerpferd stammt von einem Hobbyzüchter

Dass in diesem Pferd so viel steckt, hatte lange Zeit niemand bemerkt. Ein Hobbyzüchter in Brandenburg, in der sogenannten Altmark, besitzt Alice' Mutter. Er hatte wohl einen sechsten Sinn, als er den Deckhengst für den Nachwuchs auswählte. Für so eine Entscheidung braucht man Gespür und Glück. Die junge Alice ist jedoch kein einfaches Pferd gewesen, war temperamentvoll und ein bisschen ängstlich. Ihr Züchter hat sie bald an eine Familie verkauft, die sich viel Mühe mit ihr gegeben hat. Dafür ist Blum ihnen dankbar. Schließlich erwarb der Springreiter Steffen Buchheim Alice, der wohl schon ihr Talent sah und sie ausbildete.

Als Siebenjährige erlebte sie Blums Lebensgefährte, der Pferdetrainer Hans Günther Goskowitz, auf einem Turnier und holte die Stute auf den Eichenhof. Mit seiner Ahnung, dass Alice und Simone Blum ein Dream-Team werden könnten, lag er richtig. Offensichtlich hat die Reiterin die richtige Art, das Beste aus der talentierten Stute rauszuholen. "Ich habe sie in ihren Eigenarten so gelassen, wie sie ist, aber sie natürlich gut erzogen", sagt Blum. Die energiegeladene Stute hat viel Abwechslung, geht auf die Koppel, wird im Gelände geritten, longiert, geht aufs Laufband und steht unter der Höhensonne.

Mit Alice soll gezüchtet werden

Als die Profireiterin merkte, wie viel Potenzial in ihrer Stute steckt, wurde eine "Vollschwester" von Alice gezogen, die jetzt eineinhalb Jahre alt und natürlich eine große Hoffnungsträgerin ist. Simone Blum wird sicher noch lange Turniere reiten, aber die elfjährige Alice später einmal in die Zucht gehen und - so die Hoffnung - viele talentierte Fohlen bekommen. "Bisher haben wir hier nicht gezüchtet, sondern lediglich Pferde ausgebildet. Aber mit so einer Stute, da muss man das machen", betont Blum. Spätestens wenn Alice gedeckt wird, braucht die Springreiterin gut ausgebildeten Nachwuchs. Sie habe bereits einen Achtjährigen im Stall, "Cool Hill", auch aus ihm könnte ein Star werden, meint Blum. Er wurde von Goskowitz ausgebildet, jetzt wird ihn Blum reiten und weiter trainieren.

Doch die Konkurrenz im Pferdesport sei hart, es gebe viele tolle Tiere und Reiter im Pferdesportland Deutschland, sagt die Goldmedaillengewinnerin. Umso mehr freut sie sich über ihr erfolgreiches Jahr 2018, in dem so viele Träume in Erfüllung gingen. Blum und Alice siegten mit der deutschen Mannschaft im Nationenpreis in Aachen, erhielten im Viererteam in Tryon die Bronze- und schließlich als Krönung im Einzel die Goldmedaille. Natürlich habe sie nun die Olympischen Spiele 2020 im Auge, sagt Blum. Aber bis dahin könne noch viel passieren. Alice trainiert einstweilen fleißig weiter, genießt ihre Leckerlis und gönnt sich ab und zu ein bisschen Wellness unter der Höhensonne.

© SZ vom 06.10.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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