Ernährung:"Aufklärungskampagnen reichen nicht aus"

Tanja Hanel, 25, hat ihre Bachelorarbeit im Studiengang Agribusiness an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf zum Thema Lebensmittelrettung geschrieben

Die 25-jährige Tanja Hanel studiert das Fach Agribusiness an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und ist in einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen.

(Foto: Privat)

Tanja Hanel hat in ihrer Bachelorarbeit untersucht, warum Lebensmittel so oft im Müll landen und wie man das ändern kann

Interview: Thilo Schröder, Freising

Rund ein Drittel der Nahrungsmittel, die für den menschlichen Verzehr bestimmt sind, landet im Müll. Wieso vorhandene Lösungen zur Lebensmittelrettung bislang nur teilweise fruchten und wie sich das Verhalten von Verbraucherinnen und Verbrauchern erklären lässt, damit hat sich Tanja Hanel in ihrer Bachelorarbeit beschäftigt. Die 25-Jährige studiert Agribusiness an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, ist in einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen und lebt seit Corona in der Nähe von Augsburg.

SZ: Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Tanja Hanel: Einer meiner Mitbewohner rettet Lebensmittel. Da habe ich gesehen, wie viel eigentlich übrig bleibt. Ich habe angefangen zu recherchieren und mich entschlossen, über Lebensmittelrettung meine Bachelorarbeit zu schreiben. Das Thema gewinnt immer mehr an Bedeutung - und ich finde, das ist eine gute Sache. Man kann auch neue Rezepte ausprobieren mit geretteten Lebensmitteln, die man sich vielleicht nicht gekauft hätte.

Greifen Sie denn inzwischen selbst auf entsprechende Angebote zurück?

Gerade nutze ich häufig die App Too good to go, da bekommt man Überraschungspakete. Die habe ich in der Arbeit auch behandelt. Oder die Beste Reste-App. Bei uns in der Nähe gibt's Fair-Teiler von Foodsharing. Oft gibt auch Facebook-Gruppen, in denen Leute Lebensmittel anbieten. Letztens beim Freisinger Innovationstag wurde das Thema Lebensmittelverschwendung auch aufgegriffen.

Worauf zielte Ihre Bachelorarbeit ab?

Das Ziel war, herauszufinden, warum zwischen den vielen vorhandenen Lösungsmöglichkeiten zur Lebensmittelrettung seitens Politik, Einzelhandel und Organisationen eine Unstimmigkeit zum Verbraucherverhalten besteht. Ich habe mir dafür die Ursachen entlang der Wertschöpfungskette angeschaut: von der Produktion, der Verarbeitung über den Handel bis zum Verzehr. Es hat sich gezeigt, dass Privathaushalte den größten Anteil beim Wegwerfen von Lebensmitteln ausmachen mit 52 Prozent. Ich habe dann Gespräche mit zwei Expertinnen der HSWT geführt, Larissa Drescher und Mirjam Jaquemoth, um die Gründe und Schwierigkeiten herauszufinden, die den Verbraucher daran hindern, sein Verhalten zu ändern.

Welche sind das?

Es fängt an beim Bewusstsein. Die ganzen Kampagnen gegen Lebensmittelverschwendung zielen darauf ab, ein Bewusstsein für das Thema zu wecken. Unbewusste Gewohnheiten im Alltag spielen auch eine Rolle dabei, was alles weggeschmissen wird. Es gibt außerdem einen Unterschied zwischen den Absichten der Verbraucher und ihrem tatsächlichen Handeln.

Wie lässt sich diese Kluft überwinden?

Es reicht nicht aus, Aufklärungskampagnen und Botschaften zu übermitteln. Wenn man den Prozess der Verhaltensänderung beobachtet, ist das nur der erste Schritt. Das Problem muss dem Verbraucher auch wichtig sein, es muss für ihn akzeptabel sein, etwas zu verändern. Mein Fokus lag zwar auf dem Verbraucherverhalten, hier trägt aber jeder Verantwortung, in der kompletten Wertschöpfungskette. In Lebensmitteln stecken Ressourcen, Arbeitskraft und Rohstoffe. Die Bundesregierung möchte bis 2030 Lebensmittelabfälle um die Hälfte reduzieren, dem kann man nur gerecht werden, wenn alle in dieses Ziel integriert werden.

Was ist das Fazit Ihrer Arbeit?

Das Ergebnis war letztlich, dass die Corona-Krise, ein Trend hin zu mehr Nachhaltigkeit und die Fortschritte in der Digitalisierung eine effektive Wirkung erzielen können, um den Verbraucher in seinem Verhalten zu unterstützen, weniger Lebensmittelabfälle zu haben.

Sie haben bis zum Ausbruch der Corona-Krise vor Ort in Freising gelebt. Wie ist man in der Stadt Ihrer Ansicht nach aufgestellt in Sachen Lebensmittelrettung?

In Freising existiert glaube ich schon ein großes Netzwerk. Es gibt den Verein Übrig, der gerettete Lebensmittel kostenlos anbietet. Auch die Foodsharing-Bewegung hat schon viel Anklang gefunden. Es gibt das Startup Sonnengläschen, das Brotaufstriche aus gerettetem Gemüse produziert. Zur Lebensmittelrettung beitragen kann auch die Gründung von Ernährungsräten, das gibt es in Fürstenfeldbruck. So wie ich Freising erlebe, werden hier schon viele Lebensmittel gerettet.

© SZ vom 08.07.2021
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