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Erinnerungen:Langsamer Tod eines Flusses

Der Barada in Damaskus ähnelte einst der Isar. Heute spiegelt die Natur die Lage in Syrien wider.

Von Aladdin Almasri, Landkreis

Für die kommende Woche sind noch einmal sonnige Tage angesagt: Damit ergibt sich noch einmal die Gelegenheit, in den Seen und Flüssen des Landkreises zu baden. Besonders beliebt ist dabei die Isar, bei Freisingern genauso wie bei Besuchern - doch mit ganz anderen Augen sieht all das, wer aus Damaskus kommt: Er wird den Fluss automatisch mit dem Barada vergleichen, dem einstigen Strom durch Damaskus.

Der Fluss Barada kommt aus dem Norden, durchkreuzt das Herz der syrischen Hauptstadt und strömt dann, nach 71 Kilometern, in den Otaiba-See. Das Wort Isar bedeutet ursprünglich "(fließendes) Wasser". Barada heißt "Fluss des Paradieses", oder, wie die Alten Griechen sagten: "Fluss des Goldes". Der Barada war einst lebhaft und hatte einen großen Einfluss auf die Bevölkerung der Stadt.

Ein einziger Besuch am Isarufer reicht, um zu bemerken, wie schön und wichtig der Fluss ist. Besonders im Sommer zeigt sich die Beziehung zwischen Bewohnern und Besuchern von Freising auf der einen und der Isar auf der anderen Seite. Es gibt Fahrradwege, wo die Menschen Sport treiben und oft bis nach München fahren. Junge Leute und Familien gehen am Isarufer spazieren, sie grillen, manche machen Partys, die teilweise bis nachts andauern.

Dass offizielle Stellen aufpassen, spielt eine wichtige Rolle beim Erhalt der Isar als Ort der Natur und auch der Unterhaltung. 2012 wurde das Isarufer in Freising aufgeräumt, Grillplätze wurden geschaffen und Mülleimer aufgestellt, um die Zukunft des Flusses und das Wohlergehen der Bürger sicherzustellen. Seit 2017 wird diskutiert, zwischen Freising und Moosburg einen dritten Nationalpark aufzubauen - das zeigt ernsthaftes öffentliches Interesse an dem Fluss und an der Natur.

Schmuckbild Isar Freising

Der Barada gehört zu Damaskus wie die Isar zu Freising.

(Foto: Veronica Laber)

Das ist anders als das, was in "Al Assad's Syrien" passiert. Früher war der Fluss Barada oder Paradise, wie er historisch heißt, ähnlich wie die Isar. Aber nur bis in die 1970er Jahre. Dann kam Hafiz Assad durch einen Militärcoup an die Macht. Die Situation in Syrien hat sich dadurch zum Schlimmsten gewendet. Und das hat sich schnell und direkt auch in der Natur widergespiegelt, vor allem am Fluss Barada. Zu dieser Zeit wurde der Abschnitt des Flusses um Al Muhajireen in Damaskus aus Sicherheitsgründen geschlossen und verlegt, weil dort die Familie von Präsident Assad wohnt.

Damit war der langsame Tod des Flusses aber nicht vorbei. Korruption und Bestechung haben dazu geführt, dass Fabrik- und Restaurantbesitzer ihren Müll an die Ufer gekippt haben, alles wurde stillschweigend hingenommen. Auch offizielle Stellen haben Abwasser in den Fluss geleitet, die Flussarme, die durch das Zentrum der Hauptstadt führen, wurden mit Steinen und Zement zugepflastert. All das hat den Fluss verschmutzt und dazu geführt, dass es dort in einem Großteil des Jahres kein fließendes Wasser mehr gibt. Und das stehende Wasser stinkt. Wer in der Nähe des Flusses ist, beschleunigt seinen Schritt, um den Gerüchen zu entkommen, anstatt die Aussicht auf das Wasser zu genießen. Die Verschmutzung hat auch das Trinkwasser beeinflusst. Zusätzlich ist die Bewässerung der Felder in der Umgebung der Hauptstadt Damaskus betroffen.

Der Fluss mit seinen sechs Ästen war früher die Nabelschnur der Stadt. Es ist der gleiche Fluss, der eines der wichtigsten Erkennungszeichen von Damaskus ist, der ewigen Stadt, die 1950 zur Modehauptstadt der Welt gekürt worden war. Das fruchtbare Ufer war Hauptreiseziel für die Bürger aus Damaskus und der Vororte der Stadt. Im Frühling und Sommer haben sie dort Picknick gemacht, sind mit Essen und Früchten hingefahren. Wer kein Auto hatte, hat den Zug genommen, der parallel zum Fluss gefahren ist. Leider gibt es auch diesen Zug nicht mehr.

Vielleicht ist das eine Art Gerechtigkeit in "Al Assad's Syrien". Vielleicht fasst der Fluss Barada die Geschichte Syriens unter Assad zusammen. Schlimm ist, dass man die Natur nicht mehr zurückholen kann - genauso wenig wie die Menschen, die im Krieg gestorben sind.

Aladdin Almasri, 34, floh 2013 aus Syrien in die Türkei. Zwei Jahre später kam er nach Bayern. Im Programm "Newscomer" schreibt er in loser Folge für die SZ Freising. Übersetzung: Nadja Tausche.

© SZ vom 01.09.2018

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