Zweite Chance für Elektrogeräte:Der elektrische Patient

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Die alte Kaffeemühle muss nicht auf den Müll: Das Gerät von Klaus Peter Nohr (r.) erhält eine zweite Chance. Elektriker Thomas Brunner (l.) hat den Defekt ist schnell gefunden. (Foto: Lukas Barth)

Im Repair-Café bei Rentabel retten drei ehrenamtliche Mitarbeiter kaputte Elektrogeräte, die ihnen die Freisinger bringen. Auch bei einem Reiskocher mit einem geheimnisvollen Leiden geben sie nicht auf.

Von Eva Zimmerhof, Freising

Der Reiskocher macht Ärger. Aufgeschraubt steht er auf der improvisierten Werkbank des Repair-Cafés an der Kepserstraße, während mehrere Augenpaare seine metallischen Innereien betrachten. Manfred Ramin schiebt seine Hände in das Drahtgedärm, sein Assistent, der Besitzer, hält die Bodenplatte offen. "Wir haben die Wärmeleitung der Heizspirale schon gemessen, sie funktioniert", sagt der Physiker Ramin. Dass der kaputte Reiskocher schon zuvor von jemandem obduziert wurde, gefällt Ramin nicht. "Das macht es schwer, den Aufbau zu verstehen."

Überhaupt seien ältere Designs oft leichter zu öffnen als die neuen. Andererseits sollte sich ein Laie besser gar nicht an der Elektrik versuchen - zu gefährlich. Der Physiker aus Freising arbeitet unentgeltlich für die Reparaturwerkstatt. Insgesamt drei ehrenamtliche Elektriker seien dabei, sagt Johannes Zenger vom Gebraucht-Kaufhaus Rentabel, wo das Repair-Café aufgebaut ist. Die Drei opfern Zeit dafür, vermeintlichen Elektroschrott anderer Leute zu untersuchen. "Der Herr Brunner hat extra Urlaub genommen." Zenger selbst hat am Abend zuvor Möbel gerückt, damit in der Nähe der Kaffeetheke, hinter der er selbst steht und ausschenkt, Platz für die Werkstatt ist. Das macht er jedes Mal so - das Repair-Café gibt es seit fast zwei Jahren, immer am letzten Mittwoch im Monat von 12 bis 15 Uhr. Sonst steht hier alles voll mit gespendeten Möbeln, die Rentabel zum kleinen Preis weiterverkauft. Geführt von der Caritas bietet der Laden eigentlich Langzeitarbeitslosen, psychisch kranken Menschen, Asylbewerbern und anerkannten Flüchtlingen die Möglichkeit einer Beschäftigung.

Im Laden reicht die Warteschlange schon einen Wassersprudler, einen englischen Toaster, einen Rasenmäher und einen Staubsauger weit

Zwei, drei Kunden, sagt Zenger, hätten sich angemeldet, deshalb hätten sie gedacht, mit zwei Elektrikern - Ramin und Brunner - komme man diesmal hin. Doch jetzt reicht die Warteschlange schon einen Wassersprudler, einen 25 Jahre alten englischen Toaster, einen Rasenmäher und einen Staubsauger weit in den Raum hinein. Wartend daneben jeweils die Besitzer. "Halbe Stunde Wartezeit", ruft Zenger einem weiteren Ankömmling entgegen. Zum Glück gibt es genug Stühle. "Mein Staubsauger hat von einem auf den anderen Tag keinen Mucks mehr getan", wundert sich eine Kundin. "Oft liegt es nur am Kabel", beruhigt sie Elektriker Brunner. "Ist eine schnelle Sache." Liegt der Kabelbruch nahe beim Stecker, reicht es aus, das Kabel zu kürzen und den Stecker zu montieren. Ein 300 Euro teurer Staubsauger sei damit, zack, gerettet. Er habe schon erlebt, sagt Brunner, dass Leute solch ein Gerät, am Wertstoffhof einfach wegwerfen. "Warum geben die Leute ihre Geräte nicht beim Hersteller zur Reparatur? Weil ihnen die Kosten zu hoch sind." Dabei kostet ein neuer Stecker nur ein paar Euro.

Neben ihm hat Brunner bereits drei Geräte repariert, doch Ramin will den Reiskocher nicht für tot erklären

Für die Reparatur in der kleinen Werkstatt aber, zahlt jeder, was er möchte. Dafür gibt es die Spendenbox auf dem Tisch. Ersatzteile müssen die Kunden selbst besorgen, ebenso wie sie Rentabel einen Haftungsausschluss in Bezug auf das Gerät unterschreiben müssen. "Und die Kunden müssen mithelfen", ergänzt die Fachdienstleiterin der Rentabel-Betriebe, Andrea Lachner, die To-do-Liste der Kunden. Der Kunde muss seinen Reiskocher jetzt schon eine ganze Weile festhalten. Wo steckt bloß der Fehler? "Wir fragen die Leute immer: Wie alt ist das Gerät", erklärt Ramin währenddessen. Neben ihm hat Brunner bereits drei Geräte repariert, doch Ramin wird den Reiskocher nicht für tot erklären. "Wir legen hier keine Hand an Geräte, auf die noch Garantie ist. Wir werden dem Handel nicht reinpfuschen. Aber wir wollen nicht, dass defekte Geräte vorschnell weggeworfen werden." "Die Müllberge sind schon jetzt zu groß, überall auf der Welt", sagt Brunner. "Es geht uns um Nachhaltigkeit", sagt Lachner.

"Früher, da haben wir viel Irish Coffee getrunken, Mit frischem Mokka und Whisky". Wer nicht weiß, was los ist, mag sich wundern. Dabei geht es bloß um die elektrische Kaffeemühle von Klaus Peter Nohr, die nicht mehr läuft - einfach, weil sie so lange nicht Betrieb war, wie Brunner schnell herausfindet. Während die Hände geschickt montieren, ist im Café viel Zeit für Gespräche. Der Föhn war innen verdreckt, die Zeitschaltuhr des englischen Toasters brauchte etwas Kontaktreiniger. Auch das geheimnisvolle Leiden des Reiskochers ist endlich gelüftet. "Ist er mal ohne Wasser gelaufen?", fragt Ramin. Die Übertemperatursicherung ist kaputt, der Kunde soll eine neue besorgen. "Wiedervorlage dann beim Novembertermin."

© SZ vom 27.10.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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