Ihr Entsetzen über den russischen Überfall auf die Ukraine und ihre Solidarität mit den Menschen dort haben am Sonntagabend mehr als 600 Freisingerinnen und Freisinger bei einer Mahnwache auf dem Marienplatz zum Ausdruck gebracht. In seltener Einmütigkeit verurteilten Redner aus allen demokratischen Parteien das Vorgehen des russischen Präsidenten scharf und riefen zur Unterstützung der schon bald auch in Bayern zu erwartenden Flüchtlinge aus der Ukraine auf.
Über dem Bürgerbüro hing die ukrainische Flagge, daneben die Fahne Europas, manche der Menschen auf dem Marienplatz trugen Masken und Mützen in den Landesfarben, Kinder hatten gelb-blaue Luftballons dabei und die Stadtkapelle spielte zum Auftakt der Mahnwache die ukrainische Hymne. Auf sichtlich schnell angefertigten Plakaten wurde zur Solidarität aufgerufen und zum Frieden; der Krieg, der da so unvermittelt mitten in Europa losgebrochen ist, hat die Menschen auch in Freising aufgewühlt.
Putin habe mit seinem Überfall auf das Nachbarland Völkerrecht gebrochen, sagte der Grünen-Landtagsabegordnete Johannes Becher, Organisator der Mahnwache, "das ist unvorstellbar, aber Realität". Dabei könne man "nicht achselzuckend zuschauen", so Becher weiter. Überall auf der Welt würden "Menschen wie wir hier gegen diesen Irrsinn demonstrieren", doch es reiche nicht, die Solidarität nur zu bekunden, man müsse auch handeln.
Deshalb sei es richtig, dass der Bundestag jetzt kurzfristig beschlossen habe, Waffen in die Ukraine zu liefern: "Und ich habe nicht gedacht, dass ich das einmal so sagen werde", erklärte der Grünen-Politiker unter dem Beifall der Menschen auf dem Marienplatz. Schon bisher habe es wegen des Klimawandels gute Gründe gegeben, auf erneuerbare Energien zu setzen, ergänzte Becher einen Aspekt, der auch in der Regierungserklärung von Kanzler Scholz am Sonntag angeklungen war, jetzt komme ein weiterer hinzu: Denn die Energieversorgung in Deutschland müsse unabhängig werden von Russland.
Deutliche Worte fand auch der CSU-Staatsminister Florian Herrmann, der sich spontan auf die Rednerliste des Abends hatte setzen lassen. Er sprach von einem "durch nichts zu rechtfertigenden Angriffskrieg" und einem "barbarischen Akt". Putin sei alles andere als der angeblich "lupenreine Demokrat", er sei ein Kriegsverbrecher. Die aktuell von der Bundesregierung vollzogene Wende in der Sicherheitspolitik habe sicher niemand so gewünscht, unterstrich auch Herrmann: "Aber sie ist richtig."
"Schrecklich, furchterregend und völlig aus der Zeit gefallen", nannte Freisings Landrat Helmut Petz (Freie Wähler) den Angriff auf die Ukraine. Schließlich werde in Europa seit Jahrzehnten an einer Friedensordnung gearbeitet. Nun befinde sich die Ukraine in einem Krieg als Mittel der politischen Auseinandersetzung, so Petz ungläubig. Der Landrat rief ebenfalls dazu auf, jetzt auf Innovation zu setzen, den Zeitpunkt zu nutzen und Deutschland unabhängig zu machen vom russischen Gas. Der Landkreis habe zudem bereits damit begonnen, alle Kräfte zu mobilisieren, um Geflüchtete schnell und unbürokratisch unterbringen zu können.
Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher (Freisinger Mitte) gab nicht nur seiner Fassungslosigkeit über den Krieg in Europa und Putins Drohung mit Atomwaffen Ausdruck, er betonte auch, dass ein derartiger Überfall durch nichts zu relativieren sei - "egal mit welchem Argument". Das sei auch kein Krieg der Russen, stellte er klar: "Das ist Putins Krieg." Wie viele andere Redner auch, drückte Tobias Eschenbacher nicht nur den mutigen Ukrainern und ihrem Widerstand seinen Respekt aus, sondern auch denjenigen Russen, die sich jetzt gegen den Krieg wenden und in Russland demonstrieren würden - und dafür ins Gefängnis gingen.
Ein Fünkchen Hoffnung sah der Freisinger Oberbürgermeister darin, "dass Europa so einig ist, wie schon lange nicht mehr", und in der enormen Solidarität und der Hilfsbereitschaft, die sich aufgetan habe. Es müsse alles daran gesetzt werden, den Frieden wieder herzustellen, sagte Eschenbacher - und zitierte Mahatma Gandhi: "Es gibt keinen Weg zu Frieden, Frieden ist der Weg."
Freiheit habe ihren Preis, aber auch ihren Wert, deshalb müsse man sie verteidigen, sagte FDP-Kreisrat Tobias Weiskopf. Er forderte ein komplettes Handelsembargo gegen Russland und ein klares Bekenntnis zur Nato. Alina Graf drückte für die SPD unter anderem ihren Respekt für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi aus, der - anders als Putin - auf Präsenz und das Gespräch setze. Für die Zukunft müsse ein Energie-unabhängiges Europa konzipiert werden, sagte sie weiter, und machte deutlich: "Wir können uns nicht leisten, zu verlieren, wir dürfen nicht still sein und das nicht einfach laufen lassen."
Linken-Stadtrat Nicolas Pano-Graßy sprach an diesem Abend auf dem Freisinger Marienplatz von einem "barbarischen Angriffskrieg" und machte deutlich, "wo immer Völkerrecht gebrochen wird, muss man sich auflehnen, wer den Krieg wählt, muss geächtet werden". Der jetzt im Deutschen Bundestag verkündeten "Aufrüstungslogik" könne er gleichwohl nicht folgen. Der Landtagsabgeordnete Benno Zierer (FW) mahnte abschließend eindringlich, dem Wort von der Solidarität in den kommenden Tagen auch Taten folgen zu lassen, dann nämlich, wenn die Flüchtlinge aus der Ukraine tatsächlich in der Stadt ankämen.