Explodierende Energiekosten:"Wir sind absolut machtlos"

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Explodierende Energiekosten: Die hohen Energiekosten sind auch für viele alte Menschen, gerade für Seniorinnen, die oftmals nur eine geringe Rente beziehen, ein großes Problem.

Die hohen Energiekosten sind auch für viele alte Menschen, gerade für Seniorinnen, die oftmals nur eine geringe Rente beziehen, ein großes Problem.

(Foto: Catherina Hess)

Schon jetzt wissen viele nicht, wie sie ihre Strom-, Öl- und Gasrechnungen bezahlen sollen. Die Zahl der Hilfesuchenden wird angesichts der steigenden Preise aber noch weiter ansteigen. Die Wohlfahrtsverbände haben keine Lösung.

Von Gudrun Regelein, Freising

Schon jetzt kommen die ersten Menschen in die Caritas-Beratung, weil sie Probleme haben, Nachzahlungen zu begleichen. "Anderen reicht das Geld wegen der deutlich teurer gewordenen Lebensmittel nicht mehr aus", sagt Markus Mehner, Leiter der Sozialen Dienste der Caritas Freising. Bei vielen Menschen - auch solchen, die ein gesichertes Einkommen haben - sei alles auf Kante genäht, das Geld komplett verplant. Unerwartete Ausgaben oder Rechnungen würden diese komplett überfordern. "Momentan ist das aber erst der Beginn", befürchtet Mehner. Denn noch seien die meisten Nebenkostenabrechnungen noch nicht verschickt worden, viele Haushalte werden ihre Strom-, Öl- und Gasrechnungen nicht mehr bezahlen können. "Die Zahl der Hilfesuchenden in unserer Beratung wird noch einmal enorm nach oben schnellen."

Es geht auch um Teilhabe

Zwar gebe es eine einmalige Energiepauschale in Höhe von 300 Euro, aber diese sei bei den explodierenden Energiekosten nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. "Frage ist, wie die Jobcenter und Grundsicherungsämter, die für Hartz-IV-Empfänger und Geringverdienern zuständig sind, mit diesem Problem umgehen werden, ob die soziale Grundsicherung gedeckt sein wird", sagt Mehner. Ob die Heizkosten - wie ja eigentlich vorgesehen - in die Wohnkosten in voller Höhe übernommen werden, werde sich zeigen. Auch für die Mitarbeiter in der Beratung sei das eine schwierige Situation, berichtet Mehner. Zwar könne man in Einzelfällen Stiftungsanträge für eine finanzielle Hilfe stellen, aber eine derartige Preissteigerung könne auch mit diesem Geld nicht kompensiert werden. "Wir sind da ein Stück weit ratlos", sagt Mehner. Selbst wenn die Stromversorgung wegen nicht bezahlter Rechnungen aber - um eine akute Energienot zu verhindern - nicht gekappt, sondern verfristet werde, würden enorme Schulden auflaufen. "Und zu einem späteren Zeitpunkt landen die Menschen dann bei uns in der Schuldnerberatung." Die gesamte Entwicklung sei sehr beunruhigend. "Da geht es letztendlich auch um soziale Teilhabe, darum, dass ein Teil der Menschen nicht komplett abgehängt oder isoliert wird", sagt er. Bei derartig hohen Energiekosten zumindest bestehe diese Gefahr.

Und nicht nur für Hartz-IV-Empfänger und Langzeitarbeitslose. Sondern auch für Menschen mit Einkommen. Für Alleinerziehende beispielsweise - oder auch für alte Menschen, gerade für Seniorinnen, die oftmals nur eine geringe Rente beziehen. Das Bürgergeld, das im neuen Jahr Hartz-IV ablösen soll, werde mit den geplanten 500 Euro nicht ausreichen. Eigentlich müsse der Lebensunterhalt - falls er nicht aus eigener Erwerbstätigkeit bestritten werden kann - vom Leistungsträger übernommen werden, sagt Mehner. "So zumindest funktioniert unser Sozialstaat in der Theorie."

Anfrage der SPD im Stadtrat

Die Energiekosten seien zwar schon länger ein Thema gewesen, sagt Freisings Awo-Vorsitzende Heidi Kammler. "Aber jetzt eskaliert es, die Ängste vieler Menschen sind groß." Die Preissteigerung treffe zwar alle, aber für bedürftige Menschen oder solche, die gerade so über die Runden kommen, bedeuten diese ein unlösbares Problem. Hier seien auch die Kommunen und Energieversorger gefragt, betont sie. Kammler, die viele Jahre lang für die SPD im Freisinger Stadtrat saß, hat deshalb den SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Warlimont gebeten, im Stadtrat eine Anfrage an die Stadt zu stellen. In dieser gehe es darum, zu erfragen, ob es zwischen Stadt und den Energieversorgern schon Gespräche gibt, wie die Not vieler Menschen angesichts der horrenden Preise gemildert werden kann, erklärt sie.

Schon jetzt gebe es Menschen, die einfach nicht wüssten, wie es weitergehen kann. "Die Leisen, die nichts fordern, sorgen mich besonders", sagt Kammler. Die nämlich würden sich keine Hilfe holen, sondern einfach weniger essen oder trotz Kälte kaum mehr anheizen. "Das nagt so an mir, aber wir sind absolut machtlos."

Tafel rechnet mit vielen Neukunden

Die Tafel Deutschland habe bereits gemeldet, dass die Kundenzahlen steigen, die Lebensmittel aber weniger werden, berichtet Manfred Schimmerer, Vorsitzender der Tafel Freising. Bei der Tafel Freising sei das aber nur bedingt so: Zwar habe sich die Zahl der Abholer durch die aus der Ukraine geflüchteten Menschen im Vergleich zu früher mehr als verdoppelt - deutschlandweit liege Freising damit an der Spitze. "Aber derzeit halten sich die Zugänge von Neukunden, die wegen der Preisexplosion kommen, noch in Grenzen." Auch die gespendeten Lebensmittel würden ausreichen. "Es ist aber abzusehen, dass sich das bald ändern wird und wir neue Kunden bekommen." Derzeit habe die Tafel noch Kapazitäten für etwa 100 Abholer - falls die Lebensmittelmenge, die derzeit jede Woche zwischen dreieinhalb und vier Tonnen umfasst, gleich bliebe. Notfalls aber könne man mit Spenden auch etwas dazukaufen. "Irgendwann aber sind auch unsere Möglichkeiten ausgeschöpft", fürchtet Schimmerer.

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