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Ehrenamt im Landkreis:"Ich wollte etwas zurückgeben"

Johanna Sticksel hilft allen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, eine passende Aufgabe zu finden.

(Foto: Marco Einfeldt)

Sie sind das Rückgrat von Vereinen und sozialen Einrichtungen: Im Landkreis Freising sind viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer im Einsatz - glücklich machen sie damit oft auch sich selbst

Von Gudrun Regelein,Alexander Kappen und Sara Livadas, Freising

An diesem Samstag ist der Internationale Tag des Ehrenamtes. Er wurde von der UN 1986 ausgerufen, seitdem wird er jedes Jahr am 5. Dezember begangen. In Deutschland sind es mehr als elf Millionen Menschen, die sich freiwillig engagieren und damit die Gesellschaft unterstützen: Sie übernehmen ein Ehrenamt im sozialen, pädagogischen oder politischen Bereich. Als Flüchtlingshelfer beispielsweise, bei Besuchen in Altenheimen, bei der Nachhilfe für Kinder aus sozial benachteiligten Familien oder in Naturschutzprojekten. Auch im Landkreis Freising gibt es viele Helferinnen und Helfer - wie unverzichtbar diese sind, wissen auch die Städte und Gemeinden.

In Freising beispielsweise wurde schon 2011 der Treffpunkt Ehrenamt eingerichtet. Wer sich engagieren will, findet dort eine Anlaufstelle und wird von der Leiterin Johanna Sticksel beraten und vermittelt. Die Bedeutung des Ehrenamts hat man auch im Moosburger Stadtrat erkannt und in diesem Frühjahr dafür einen eigenen Referentenposten installiert. Derzeit kümmert sich der Zweite Bürgermeister Georg Hadersdorfer als Ehrenamtsbeauftragter um diese Aufgabe. "Es ist lange Zeit von vielen unterschätzt worden, wie wichtig das Ehrenamt ist", sagt er. Hadersdorfer ist aber nicht nur Koordinator, er ist auch selbst ehrenamtlich tätig.

Johanna Sticksel, Leiterin Treffpunkt Ehrenamt Freising: Gut 100 Menschen hat sie in ihrer Datenbank, die sie ausführlich beraten hat - etwa zwei Drittel von ihnen sind als freiwillige Helfer aktiv. Bei der Tafel, der Wärmestube, beim Bund Naturschutz, in Altenheimen oder der Bücherei St. Lantpert beispielsweise. "Möglichkeiten gibt es sehr viele", sagt Sticksel. Manche Interessenten haben schon eine bestimmte Vorstellung von dem, was sie machen wollen, bei anderen gelte es erst herauszufinden, was die passende Einsatzstelle wäre. Manche könnten nur am Wochenende aktiv sein oder nur wenige Stunden, andere wollen projektbezogen tätig werden. Das sei so unterschiedlich, wie es auch die Helfer sind. "Die meisten sagen, dass sie nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung suchen, sich einbringen und der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen", berichtet Sticksel. Für viele sei auch der Wunsch, neue Kontakte zu knüpfen und Menschen kennenzulernen, der Grund für ein Ehrenamt.

Dieses freiwillige Engagement wisse die Stadt zu würdigen: Normalerweise gebe es immer einen Dankesabend zum Internationalen Tag des Ehrenamtes. Dieser muss in diesem Jahr nun Corona-bedingt ausfallen, dafür werde ein Brief verschickt. Die Bereitschaft, sich zu engagieren, sei durch die Corona-Krise aber nicht geringer geworden. "Mit Vorsichtsmaßnahmen ist auch noch vieles möglich - aber eben nicht mehr alles." Johanna Sticksel bietet inzwischen auch Video-Beratungen an, die sehr gerne angenommen werden.

Konstantin Freidl, Ehrenamtlicher bei den Balus: Der 30-jährige Polizist ist über eine App, die verschiedene Möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements vorstellt, auf die Balus gestoßen. Bei dem Mentorenprojekt "Balu und Du" begleiten junge Menschen Kinder aus sozial benachteiligten Familien, ihren Mogli. Die Kinder lernen gemeinsam mit ihren großen Freunden in vielen Bereichen etwas dazu, soziale Kompetenzen beispielsweise. Aber nicht nur die Moglis profitieren von den Begegnungen, sagt Freidl. "Die Balus lernen auch ganz viel."

Freidl ist noch relativ neu im Landkreis, er wohnt erst seit September hier. Sich ehrenamtlich engagieren wollte er eigentlich schon seit Langem - bislang aber habe das wegen seines Berufes nicht geklappt. "Ich bin so erzogen worden, ich wollte etwas zurückgeben", erzählt er. Er selber habe als Kind und später als Jugendlicher im Fußballverein gespielt und war im Musikverein. "Ohne die vielen Ehrenamtlichen hätte es dieses Angebot damals nicht gegeben."

Seit einigen Wochen trifft er sich nun einmal wöchentlich mit seinem Mogli, einem achtjährigen Jungen, für einige Stunden am Nachmittag. Sie waren schon Fußballspielen, in einer Bücherei, am Flughafen und haben sich zuletzt gemeinsam ein Nikolaussäckchen abgeholt, erzählt Freidl. Es sei für beide - für ihn, aber auch den Jungen - natürlich ein Wagnis gewesen, sich aufeinander einzulassen. Freidl aber will auf alle Fälle weitermachen: Ein Kind reagiere ganz anders, stelle ganz andere Fragen als ein Erwachsener. "Bei unserem ersten Treffen hat er mir gesagt, dass er Angst vor mir hatte", erzählt Freidl. So offen und ehrlich seien Erwachsene nur selten. "Die Sicht eines Kindes mitzubekommen, ist toll", sagt er begeistert.

Georg Hadersdorfer vom RGSV Moosburg.

(Foto: Marco Einfeldt)

Georg Hadersdorfer, Übungsleiter beim RGSV Moosburg: "Alle Vereine tun sich schwer, Ehrenamtliche zu finden", sagt Georg Hadersdorfer, der beim Reha- und Gesundheitssportverein Moosburg als Übungsleiter für Reaktiv-Fitness, Nordic Walking, Aqua-Jogging und Wassergymnastik aktiv ist. Dabei bekomme man als Ehrenamtler auch viel zurück. "Man bekommt bei uns laufend die Bestätigung von den Leuten, weil die wirklich dankbar sind und sich darüber freuen, dass es jemanden gibt, der Übungsstunden anbietet und das für sie macht", sagt er. Gerade auch in diesen schwierigen Corona-Zeiten. Im Sommer, zwischen den beiden Lockdowns, "haben wir fast alle Stunden beim RGSV anbieten können, natürlich auch für uns unter erschwerten Bedingungen mit einem Hygienekonzept und so weiter", berichtet Hadersdorfer. "Aber die Leute waren sehr diszipliniert, weil sie heiß auf Sport waren und hochzufrieden, dass sie mit anderen in der Gruppe was machen konnten." Dass in diesem Winter die Wassersportangebote ausfallen müssen, "macht die Leute natürlich nicht glücklich, aber sie akzeptieren es".

Christl Orthen-Schmuker, Hospizbegleiterin und Vorstandsmitglied der Hospizgruppe Freising: Christl Orthen-Schmuker wurde schon sehr früh mit dem Tod konfrontiert, ihre Mutter starb, als sie ein Kind war. "Eine Freundin hat mich damals aufgefangen, sie war für mich da", erzählt die 63-Jährige. Sie habe damals gespürt, wie einem ein anderer Mensch helfen kann - und sie hat das niemals vergessen.

Als dann vor 25 Jahren die Hospizgruppe Freising gegründet wurde, konnte sie sich dort noch nicht engagieren, damals waren ihre drei Kinder noch zu jung. 2010 war ihre familiäre Situation dann aber eine andere, Christl Orthen-Schmuker nahm Kontakt zur Hospizgruppe auf und ließ sich zur Hospizbegleiterin ausbilden. Seitdem begleitet sie Menschen ambulant in der letzten Phase ihres Lebens - bis zu deren Tod. Was man bei den Treffen macht, sei abhängig davon, wie gut es dem Patienten geht, erzählt Orthen-Schmuker. Das könne ein Caféhaus-Besuch oder ein Spaziergang sein, später dann werde viel geredet oder auch gemeinsam geschwiegen und die Hand des Sterbenden gehalten. "Man bekommt sehr viel zurück. Das sind so unglaublich intensive Gespräche oder auch nur ein Satz, der im Gedächtnis bleibt."

Die Hospizgruppe passe sehr gut darauf auf, wie es den ehrenamtlichen Begleitern gehe. So würden Supervisionen angeboten und die Koordinatorin achte darauf, ob sich jemand verändere und spreche ihn darauf an, berichtet Orthen-Schmuker.

Niemand müsse kontinuierlich sterbende Menschen begleiten, eine Pause sei immer möglich. "Ich kann das aushalten, weil sich auch um mich so gut gekümmert wird." Durch die Begleitung habe sich ihre Sichtweise verändert, sagt Christl Orthen-Schmuker: Werte würden zurechtgerückt. "Ein Regulativ tut gut."

Irmgard Schiffer, Freisinger Wärmestube.

(Foto: Marco Einfeldt)

Irmgard Schiffer, Vorsitzende des Vereins Freisinger Wärmestube: Bereits vor sieben Jahren, mit Beginn ihres Rentenalters, trat Schiffer dem Verein bei. "Für mich war von Anfang an klar, dass ich nach 49 Jahren im Vollbetrieb nicht einfach aufhören kann zu arbeiten. Das wäre für mich furchtbar gewesen. Deswegen habe ich mir über den Treffpunkt Ehrenamt die Möglichkeiten in Freising angeschaut und die Wärmestube war mir einfach am sympathischsten", berichtet sie. Schiffer begann als normale Helferin. Einmal in der Woche teilte sie Essen aus, führte Gespräche oder erledigte anfallende Büroarbeiten. Doch als die damals amtierende Vorsitzende in die USA auswanderte, wurde Schiffer gefragt, ob sie Lust habe, den Vorstandsposten zu übernehmen. Seit 2014 ist sie nun die Vorsitzende und es macht ihr immer noch viel Spaß, wie Schiffer erzählt. Ein Ehrenamt mache glücklich. Vor allem Menschen im Rentenalter könnten davon profitieren. "Mein Ehrenamt ist wirklich zu meinem Hobby geworden. Auch im Alter bringt es eine gewisse Kontinuität. Dadurch hat man eine Aufgabe, die einen erfüllt - und das macht glücklich."

Die Corona-Krise hat jedoch auch die Arbeit in der Wärmestube erschwert. Der Großteil der Helferinnen und Helfer zählt aufgrund des Alters selbst zur Risikogruppe. "Natürlich wollen wir den Bedürftigen auch weiterhin helfen. Doch wir wissen nicht, wo sie sich den ganzen Tag aufhalten. Und es ist meine erste Pflicht als Vorsitzende, darauf zu achten, dass alle Ehrenamtlichen gesund bleiben. Deswegen arbeiten wir, gemäß den amtlichen Vorschriften, mit einem Hygienekonzept."

© SZ vom 05.12.2020/psc
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