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Eching:Reanimation erfolgreich

Richard Wagner hat mit zwei früheren Kollegen "Kittel Supplier", einen 2008 insolvent gegangenen Automobilzulieferer übernommen. Mit Erfolg.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der frühere Abteilungsleiter des insolventen Automobilzulieferers "Kittel Supplier" belebt den Traditionsbetrieb im Norden der Gemeinde wieder. Auch die Mitarbeiter von einst hoffen auf eine neue Zukunft

Weihnachten 2008 meldete "Kittel Supplier", ein Automobilzulieferer im Echinger Gewerbegebiet Nord, Insolvenz an. Über 500 Mitarbeiter waren betroffen. 2013 schloss die Binder GmbH, die in der Nachfolge am gleichen Standort die gleichen Teile produzierte, erneut die Werkstore. Richard Wagner, er im April 2000 als Anlagenführer bei Kittel einstieg, erlebte als Abteilungsleiter die Insolvenz von Kittel mit und vier Jahre später als Leiter der Oberflächentechnik das Ende von Binder. Und jetzt ist er dabei, den einstigen Traditionsbetrieb auf seinem gigantischen Areal im Norden Echings wiederzubeleben.

Binder hatte das Echinger Werk 2013 aufgegeben und kaufte die bisher dort produzierten Zierleisten mit Hochglanzpulverbeschichtung auf Acrylbasis nun im Ausland ein. 26 000 Quadratmeter Betriebsfläche an der Fürholzer Straße standen leer. Zum Ende von Kittel waren hier 500 Menschen beschäftigt.

Im April 2014 sperrte Richard Wagner mit zwei Kollegen die Werkstore wieder auf. "Ich kenne hier jede Schraube", sagt der 45-Jährige. Zwei Meisterbriefe in Oberflächentechnik hat er, dazu ein Studium als Betriebswirt. Neun Jahre war er bei Kittel, vier Jahre bei Binder, danach ein kurzes Engagement im Ausland, ehe sich die Option ergab, die einstige Produktion wiederzubeleben. "Die Kapazität war wieder gefragt", sagt Wagner. Bis Oktober war der Betrieb so weit reanimiert, dass eine Schicht der neuen "Pulver Gesellschaft Eching (PGE)" wieder pulverbeschichtete Zierleisten produzierte. Abnehmer der Produktion des Unterlieferanten ist nun wieder die Binder GmbH, der auch das Gelände weiterhin gehört, eingebaut werden die Acrylleisten in Fahrzeuge der VW-Gruppe.

Mit den ersten Erträgen wurde der Mitarbeiterstamm ausgebaut, derzeit sind wieder 30 Leute im Einsatz. Potenzielle Mitarbeiter stehen dabei scharenweise in den Startlöchern, denn die Arbeit bei Kittel und Binder war hoch spezialisiert; nach dem Ende der beiden Unternehmen mussten die Beschäftigten aus der Region unter Wert neue Jobs annehmen, so dass die meisten jetzt "dankbar sind, wenn sie zurück können", hat Wagner erfahren.

Aktuell ist geplant, als zweite Schiene der Produktion die Galvanik zu reaktivieren. Während in den übrigen Werksteilen ein ziemlicher Investitionsstau abzuarbeiten ist, kann die PGE in der Galvanik auf eher neuwertige Anlagen zurückgreifen, teilweise wurden sie noch 2010 modernisiert. Dennoch ist der Aufwand für die mit vier Monaten angesetzte Reanimierung dieses Produktionsteil deutlich höher als vor dem Start.

Komplett erneuert wird etwa das Lüftungssystem, das im alten Betrieb ständig Ärger bei der Nachbarschaft wegen der Lärmentwicklung verursacht hatte. Mit der Sanierung werde das abgestellt, versichert Wagner. Das Echinger Rathaus hat den hierfür nötigen Umbau bereits genehmigt. Ende des Jahres will die PGA mit der Galvanik dann 80 Mitarbeiter beschäftigen.

"Das ist nicht die letzte Investition, die hier getätigt wird", verspricht Wagner. Allein an Gebäudeflächen gibt der Betrieb 13 000 Quadratmeter her - 2800 sind bisher wieder in Gebrauch. Bislang gibt es nur einschichtige Auslastung, auch das könnte sich ändern. Mittelfristig will die PGE "auch andere Kunden mal wieder ansprechen", sagt ihr Geschäftsführer. Nur fünf Betriebe in ganz Deutschland bieten das Portfolio, das in Eching angeboten wird.

Die 1949 in München gegründete Carl Kittel GmbH, ein ursprünglich noch nicht hoch spezialisierter Autoteilezulieferer, war 1970 aus Milbertshofen an die Fürholzener Straße im Echinger Gewerbegebiet Nord gezogen, seinerzeit auf 12 000 Quadratmeter Produktionsfläche. Den Erfolg der Firma in den Anfangsjahren begründeten die von Kittel erfundenen Chromfelgenzierringe. Anfang der 80er Jahre wurde hier das erste Sicherheitsnabenlenkrad entwickelt und patentiert. 1987 wurde die Produktion auf Erstausstattung und Oberflächentechnik konzentriert, später auf Zier- und Funktionsteile. Kittel belieferte dabei fast alle Fahrzeuge der gehobenen Mittel- bis Oberklasse der europäischen Automobilhersteller. 1989, nach dem Tod des Firmengründers, wurde die GmbH von der Wanderer AG übernommen. Nach der Insolvenz 2008/09 kaufte die Binder GmbH die Anlage auf. "Die Insolvenz war schon Drama", erinnert sich Richard Wagner. Doch das scheint vorbei zu sein.

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