Geschichtsarbeit in Eching:Im Wandel der Zeit

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Geschichtsarbeit in Eching: Gemeindearchivarin Rebecca Eckl und der langjährige ehrenamtliche Archivpfleger Günter Lammel blättern in den aufgeklebten Zeitungsartikeln des Archivgründers Georg Kollmannsberger.

Gemeindearchivarin Rebecca Eckl und der langjährige ehrenamtliche Archivpfleger Günter Lammel blättern in den aufgeklebten Zeitungsartikeln des Archivgründers Georg Kollmannsberger.

(Foto: Johannes Simon)

Kommendes Jahr feiert Eching 1250. Jubiläum. Das Gemeindearchiv gibt Einblicke, wie Bürgerinnen und Bürger auf neue Entwicklungen reagiert und die Zukunft ihres Ortes mitgeprägt haben. Seit März 2022 ist Rebecca Eckl hauptamtliche Archivarin.

Von Marius Oberberger, Eching

Geschichtsarbeit in Eching, das war Jahrzehnte lang vor allem eines: viel ehrenamtliches Engagement. Das Echinger Gemeindearchiv wurde 1980 von Georg Kollmannsberger aufgebaut und anschließend betreut. Kollmannsberger und ab 2005 sein Nachfolger Günter Lammel sammelten jede Woche viele Stunden lang verschiedenste Dokumente und verzeichneten sie analog auf Karteikarten: Akten, Sitzungsprotokolle, Fotografien und Zeitungsartikel. Nach jahrelanger ehrenamtlicher Führung folgte in Rebecca Eckl im März 2022 nun eine hauptamtliche Gemeindearchivarin. In den kommenden Jahren wird vor allem die Digitalisierung einen großen Teil ihrer Arbeit ausmachen. Weiterhin sind für sie Provenienz, also die Herkunft der einzelnen Dokumente, und Quellenkritik sehr wichtig: Archivdokumente sind als Ausdruck ihrer Zeit im jeweiligen Kontext zu sehen und nicht als angeblich objektive Zeugnisse der Vergangenheit.

"Eching darf keine Schlafstube Münchens werden"

Kollmannsberger war beruflich bei der Bundesbahn tätig und schrieb nebenbei als Journalist über seinen Heimatort Eching. Seine gesammelten Artikel, als "Art Collage" geklebt und zu Büchern gebunden, übergab er dem Archiv. Heute könne man seine Artikelsammlung fast wie eine Mischung aus Echinger und persönlichem Tagebuch lesen, sagt Eckl. Ein Beitrag vom November 1964 titelt "Eching darf keine Schlafstube Münchens werden" und berichtet über eine wohl recht hitzige Bürgerversammlung mit 250 Teilnehmenden. Damals gab es große Diskussionen um die Ansiedlung des Kosmetikvertreibers Avon. Der Konzern verlegte im Mai 1965 seine Deutschland-Zentrale von Hamburg nach Eching, baute aber bereits im darauffolgenden Jahr ein neues Gelände in der benachbarten Gemeinde Neufahrn, da er nicht ausreichend Grundstücke von den Echingerinnen und Echingern aufkaufen konnte.

Dieser Konflikt zwischen expansionswilligem Konzern und verkaufsunwilliger Bevölkerung kann in Kollmannsbergers Artikel näherungsweise nachvollzogen werden: In der Versammlung habe der Landrat auf die enormen finanziellen Vorteile der Industrieansiedlung verwiesen und erklärt, dass Eching zwangsläufig vom Wachstum Münchens beeinflusst würde: Wolle Eching nicht zur reinen "Schlafstube" werden, müsse es sich um die Ansiedlung von Gewerbe und Arbeitsplätzen bemühen. Vorerst war dies nicht erfolgreich: Ein Artikel von Oktober 1965 namens "Kein Glück mit der Industrie" erläutert, dass ein Dutzend interessierter Industriebetriebe wegen zu hoher Grundstückspreise und Ablehnung im Gemeinderat von einem Umzug nach Eching abgesehen hätten.

Geschichtsarbeit in Eching: Diese Gemeindebroschüren aus den 1970er/80er Jahren stellten die Gemeinde Eching den neu zugezogenen Bürgerinnen und Bürgern vor. Sie geben Aufschluss über das damalige Selbstverständnis der Gemeinde.

Diese Gemeindebroschüren aus den 1970er/80er Jahren stellten die Gemeinde Eching den neu zugezogenen Bürgerinnen und Bürgern vor. Sie geben Aufschluss über das damalige Selbstverständnis der Gemeinde.

(Foto: Johannes Simon)

"Negativeinrichtungen" erregten den Protest der Echinger Bevölkerung

Die erste Echinger Gemeindebroschüre von 1977 war vor allem an neu Zugezogene gerichtet. Sie beschreibt den schnellen Strukturwandel: 773 wurde die Siedlung erstmals urkundlich als "Ehingas" erwähnt und war lange sehr arm, bis ab 1805 der Kartoffelanbau bescheidenen Wohlstand brachte. 1910 erhielt Eching elektrischen Strom und Telefonanschluss. 1935 bis 1938 bauten die NS-Machthaber die nahe Autobahn. Das Kriegsende war von einem Zustrom an Geflüchteten und Vertriebenen geprägt. Erst 1955 erhielt Eching flächendeckende Wasserleitungen, 1966 eine Kanalisation und 1975 Erdgasanschlüsse. Schon 1977 wurde der 1966 beschlossene Flächennutzungsplan hervorgehoben, der endlich Industrieansiedlungen ermöglichte. Die Broschüre stellt aber auch fest: "Überschattet wird die gemeindliche Entwicklung durch mehrere, für Eching in erster Linie nachteilige, überörtliche Einrichtungen". Es ging dabei um den im Bau befindlichen Flughafen, eine Großkläranlage der Stadt München bei Dietersheim sowie einen Truppenübungsplatz südlich von Eching.

Geschichtsarbeit in Eching: Diese Aufnahme aus dem Jahr 1980 drückt den Strukturwandel aus: Neben dem im Bau befindlichen Bürgerhaus stand anstelle des heutigen Bürgerplatzes noch ein landwirtschaftliches Gebäude, welches später abgerissen wurde.

Diese Aufnahme aus dem Jahr 1980 drückt den Strukturwandel aus: Neben dem im Bau befindlichen Bürgerhaus stand anstelle des heutigen Bürgerplatzes noch ein landwirtschaftliches Gebäude, welches später abgerissen wurde.

(Foto: Gemeindearchiv Eching)

Dass die Echingerinnen und Echinger sich nicht nur gegen solche sogenannten Negativeinrichtung wehrten, sondern aktiv ihre Gemeinde gestalteten, drückt sich im Wettbewerb "Bürger, es geht um deine Gemeinde" aus: Eching war 1980/81 unter 40 teilnehmenden Gemeinden einer der drei Landessieger und wurde im Bundeswettbewerb ausgezeichnet. Die Wettbewerbsbroschüre lobte die "kommunale Zusammenarbeit", den Flächennutzungsplan sowie ausgeprägte "Bürgerschaftliche Initiativen".

Geschichtsarbeit in Eching: Eching gewann den Bundeswettbewerb 1980/81 "Bürger, es geht um deine Gemeinde" dank eines umfangreichen Gemeindeentwicklungsprogramms. Die Echinger Bevölkerung nahm das Schicksal der Gemeinde in die eigene Hand.

Eching gewann den Bundeswettbewerb 1980/81 "Bürger, es geht um deine Gemeinde" dank eines umfangreichen Gemeindeentwicklungsprogramms. Die Echinger Bevölkerung nahm das Schicksal der Gemeinde in die eigene Hand.

(Foto: Johannes Simon)

Die Echinger Chronik spiegelt den selektiven Fokus und die Arbeitsweise des Verfassers wider

Die 1990 von Kollmannsberger verfasste Chronik "Geschichte der Gemeinde Eching" zeichnet die positiven Entwicklungen nach. Der 1972 zum Bürgermeister gewählte Joachim Enßlin (SPD) schuf ein umfassendes Gemeindeentwicklungsprogramm: Es legte einen neuen Fokus auf die Lebensqualität in Eching, förderte den Bau kultureller Einrichtungen wie Gemeindebücherei und Bürgerhaus, Geschäfte in der Ortsmitte sowie vielfältige Architektur anstelle von eintönigen Wohnblocks. Eching zog qualifizierte Arbeitsplätze an, um eben keine bloße "Schlafstätte" zu werden. Ausführlich widmet sich die Chronik der "Last der überörtlichen Entwicklungen". Die Echinger Bevölkerung setzte sich von 1970 an gegen den Bau des Flughafens ein und trug damit zur Begrenzung auf zwei Startbahnen bei, auch wenn der Flughafen schließlich 1992 eröffnet werden sollte. Die Chronik berichtet, dass die Stadt München 1961 die Entscheidung für den Bau des Großklärwerks traf und 1981 in einem Vertrag zwischen Eching und München Maßnahmen zur Geruchsreduzierung beschlossen wurden. Was in den 20 Jahren dazwischen geschah, lässt die Chronik offen. Dagegen beschreibt sie sehr detailliert die einzelnen politischen Schritte, mit denen Eching den Bau des Truppenübungsplatzes abwendete. Auch die Wirtschaftsgeschichte fällt sehr knapp aus: Die Ansiedlung der ersten Ikea-Niederlasung Deutschlands von 1975 wird nur kurz erwähnt - ob es ähnliche Auseinandersetzungen wie um Avon in den 1960ern gab, bleibt offen. Die Chronik spiegelt die Arbeitsweise und den damaligen Fokus des Verfassers wider und gilt heute als vergriffen. Eckl wird in den kommenden Jahren an einer Überarbeitung und Neuauflage der Ortschronik arbeiten, welche die Wirtschaftsgeschichte Echings stärker in den Blick nehmen soll.

Geschichtsarbeit in Eching: Günter Lammel hat von 2005 bis 2022 das Gemeindearchiv Eching gepflegt. Im Frühjahr 2022 hat er seine Nachfolgerin, die nun festangestellte Gemeindearchivarin Rebecca Eckl, eingearbeitet.

Günter Lammel hat von 2005 bis 2022 das Gemeindearchiv Eching gepflegt. Im Frühjahr 2022 hat er seine Nachfolgerin, die nun festangestellte Gemeindearchivarin Rebecca Eckl, eingearbeitet.

(Foto: Johannes Simon)

Eckl versteht Archive als öffentliche Orte und möchte Interessierte für Projekte ansprechen, auch um gegen den "manchmal verstaubten Blick" auf Archivarbeit vorzugehen. Insbesondere mit Blick auf das anstehende Ortsjubiläum sollen Angebote der historischen Bildungsarbeit ausgebaut werden, etwa Kinder die Arbeit im Archiv hautnah erfahren. Dabei sollen aber die archivarischen Kernaufgaben nicht vernachlässigt werden: Das Bewahren und Erschließen von Dokumenten, die Recherche für alle Interessierten und die Fortführung der Chronik. Um die Echinger Geschichtsschreibung zu ergänzen, lädt Eckl alle Bürgerinnen und Bürger ein, dem Archiv Dokumente zukommen zu lassen, welche das historische Wissen des Archivs ergänzen: Das können Fotos, Briefe, Protokolle, aber auch Ortspläne oder Werbeplakate sein. Denn jede Quelle gibt Aufschluss über die Vergangenheit. Werden sie im Archiv bewahrt, bleiben sie zugänglich und helfen, die Echinger Geschichte zu verstehen.

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