Dunkle Jahre einer Stadt Das Leiden der Freisinger Juden

75 Jahre nach der Pogromnacht: Der Politikwissenschaftler und Freisinger Stadtrat der Linken,Guido Hoyer, schildert in einem Vortrag das Schicksal von jüdischen Familien in Freising und Moosburg, die im Nationalsozialismus Diskriminierung, Gewalt und Deportation erlitten haben. Nur zwei der Verfolgten haben den Holocaust überlebt.

Von Thomas Radlmaier

Der Pogrom fegte auch über Freising hinweg. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zog ein wütender Mob von 3000 Personen durch die Innenstadt. Die Masse hatte sich die Vertreibung der ansässigen jüdischen Familien auf die Fahnen geschrieben. Jüdische Bürger wurden öffentlich an den Pranger gestellt, ihre Geschäfte beschmiert und zerstört. Die Nazis trieben auch Max Lehner durch die Stadt. Der spätere Freisinger Oberbürgermeister (1948-1970) war Anwalt und vertrat Juden vor Gericht. Er musste ein Schild tragen, auf dem stand: "Juda verrecke." Was sich in Freising und anderen deutschen Städten und Orten am 9. und 10. November 1938 abspielte, ging als "Reichskristallnacht" in die Geschichte ein.

Guido Hoyer ist Politikwissenschaftler und sitzt im Freisinger Stadtrat. Jahrelang hat er die Situation der Juden im Landkreis während des Nationalsozialismus in Archiven recherchiert. Kürzlich hat er im Hotel zur Gred seine Ergebnisse in einem Vortrag präsentiert - genau 75 Jahre nach den Pogromen. Seine Erkenntnisse verschärfen das, was ohnehin bekannt war. Hoyer erzählte die Geschichten von vier jüdischen Familien und drei Einzelpersonen. Sie alle waren im Landkreis sesshaft. Hoyer zeichnete den gut 20 Anwesenden ein Bild davon, wie die Nazis in Freising nach und nach ein Klima der Denunziation erschufen. Wie aus seinen Recherchen hervorgeht, gelang es nur zwei jüdischen Freisingern, rechtzeitig auszuwandern. Alle anderen verschleppten die Nazis in Konzentrationslager. Nur eine Frau aus Freising und ein Mann aus Moosburg überlebten den Holocaust. "Wir alle sind dazu aufgerufen, die Erinnerung an die Vergangenheit wach zu halten", sagte Hoyer nach seinem Vortrag:

Familie Neuburger

Familie Neuburger lebte in der Bahnhofsstraße 4. Ignaz Neuburger und seine Frau Lina unterhielten dort ein Textil- und Modewarengeschäft. Sie hatten drei Kinder: Alfred, Siegfried und Emma. Die Neuburgers waren in Freising sehr angesehen. Das kam daher, weil Ignaz Neuburger regelmäßig für caritative Zwecke spendete. So gab er einen Teil des Familien-Vermögens an den Kindergarten oder das Waisenhaus. Zudem galt die Familie als patriotisch und beteiligte sich zum Beispiel an der Finanzierung des Freisinger Kriegerdenkmals. Nach dem Tod ihrer Eltern führten die drei Geschwister das Familienunternehmen weiter. Alle drei waren bei den Kunden - hauptsächlich Bauern aus dem Freisinger Umland - sehr beliebt. Ein Grund dafür war, dass sich die Neuburgers regelmäßig bei den Bauern blicken ließen und dann das ein oder andere Bier zusammen getrunken wurde.

Im Oktober 1935, nach dem Erlass der Nürnberger Rassengesetze, verhörte die Freisinger Polizei Siegfried Neuburger. Angeblich ermittelten die Polizisten wegen Verdachts auf "Rassenschande", weil Siegfried Neuburger zusammen mit zwei weiblichen Angestellten seine Kunden in Wirtshäusern besuchte. Die Polizei drohte ihm mit Schutzhaft.

Der Antisemitismus in Freising hatte zu diesem Zeitpunkt schon unfassbare Ausmaße angenommen. Sogar die Jüngsten stachelte man zur Hetze gegen Juden an. Der Lehrer Oskar Döbl aus Hohenkammer soll einmal zu seinen Schülern gesagt haben: "Vor dem Krämergeschäft ist gerade der Jude Neuburger; so jetzt geht hin und spuckt das Dreckschwein an." Wie die meisten anderen Juden unterschätzte Siegfried Neuburger den Ernst der Lage: "Ich weiß, dass von Freising vier oder fünf Personen gegen mich Hetze treiben", zitiert ihn Hoyer.

Im Oktober 1938 verloren die Neuburgers ihre deutschen Vornamen. Die Nazis zwangen Siegfried, Alfred und Emma sich in Sally, Assur und Tana umzubenennen. In der Nacht auf den 10. November 1938 beschmierte die Menge das Haus in der Bahnhofstraße 4 mit der Aufschrift: "Der Jud Neuburger muss verschwinden."

Die drei Geschwister flohen daraufhin nach München. Sie verkauften ihr Haus weit unter Wert an die Sparkasse. Im ersten und zweiten Stock des Anwesens zog die Freisinger NSDAP ein. Die Neuburgers schafften es nicht mehr, Deutschland rechtzeitig zu verlassen. Schließlich gehörten sie zu den ersten, welche die Nazis aus München deportierten. Hoyer vermutet, dass die besonders deutschen Vornamen der Neuburgers den Nazis ein Dorn im Auge gewesen wären. Siegfried, Alfred und Emma Neuburger starben 1941 bei einer Massenerschießung in Kaunas in Litauen.

Familie Holzer

Der Mob holte sich Irma Holzer in der Nacht auf den 10. November 1938. Bevor man sie ins Gefängnis in der Fischergasse brachte, trieb man sie laut einem Polizeibericht "zum Anschauen" durch die Freisinger Straßen. Der Philosoph Theodor W. Adorno schreibt 1947: "Der Antisemitismus ist ein eingeschliffenes Schema, ja ein Ritual der Zivilisation, und die Pogrome sind die wahren Ritualmorde."

Das Warenhaus der Gebrüder Bernhard und Oskar Holzer befand sich in der Oberen Hauptstraße 9, wo auch beide Brüder mit ihren Frauen, Henriette und Hanna, und Kindern wohnten. Die Kinder von Bernhard hießen Irma und Siegfried, die von Oskar, dem jüngeren Bruder, Ilse und Martin.

Martin Holzer war Wirtschaftsprüfer und Steuerberater und unterhielt wie sein Vater eine eigene Firma. Schon früh hatten es die Nazis auf ihn abgesehen. Im Juli 1932 überfielen SA-Einheiten den Furtner-Keller in der Wippenhauser Straße, dem damaligen Parteilokal der Freisinger SPD. Es kam zu Straßenkämpfen zwischen den beiden Lagern. Die Freisinger Nazis gaben vor, "dass an der ganzen Sache im Furtnerkeller der junge Jude Dr. Holzer schuld ist." Martin Holzer ist der erste jüdische Freisinger, der seine Existenz verlor. Bereits 1933 musste er sein Unternehmen in Freising aufgeben. "Der Steuer- und Wirtschaftsprüfer Dr. Martin Holzer ist als solcher nicht mehr anzuerkennen. Holzer ist ein Jude", so die Bekanntmachung der Nazis im April 1933. Martin Holzer verließ Deutschland 1938.

Kurz vor den Pogromen am 9. November 1938 wurde das Warenhaus der Gebrüder Holzer "arisiert". Bernhard und Oskar verkauften das Gebäude an Hans O., der das Unternehmen in "deutsches Geschäft" umbenannte. Nach dem Pogrom in Freising flohen die Holzers nach München. Oskar Holzer starb dort 1939, seine Frau Henriette und Tochter Ilse brachten die Nazis nach Tschechien ins Konzentrationslager Theresienstadt. Beide überlebten das Lager nicht. Auch Bernhard und Henriette Holzer fanden in Theresienstadt 1943 den Tod. Siegfried Holzer gelang zunächst die Flucht nach Frankreich. Dort nahmen ihn die Nazis 1944 fest, brachten ihn nach Auschwitz und vergasten ihn. Irma Holzer starb nach jahrelanger Zwangsarbeit im KZ Piaski in Polen.

Marcus Lewin

Hoyer sagt in seinem Vortrag: "Die Juden-Hetze hat unter anderem auch eine ganz banale Wurzel, nämlich blanken Neid, Neid auf erfolgreiche geschäftliche Konkurrenten." Der Fall des Marcus Lewin war dafür ein trauriges Beispiel.

1901 zog Marcus Lewin nach Freising und heiratete Johanna Krell, der ein Kaufhaus am Marienplatz in der Unteren Hauptstraße 4 gehörte. Gemeinsam hatten sie eine Tochter, Hildegard Lewin. Unter dem Namen "Max Krell Nachfolger" führte das Paar das Geschäft gemeinsam weiter. Das Kaufhaus Krell war für damalige Verhältnisse ein Großbetrieb. Das Unternehmen hatte mehr als 20 Angestellte und war ursprünglich als ein Textilgeschäft gestartet. Doch da die Inhaber geschäftliches Geschick bewiesen und das Sortiment stetig erweiterten, konnte man dort bald von Schuhen über Teppiche alles mögliche kaufen. Nach dem Tod von Katharina Krell 1921 leitete Marcus Lewin die Firma alleine.

Der Erfolg des Unternehmens fand in der Freisinger Gesellschaft schnell Neider. Zum Beispiel protestierte 1933 ein Geschäftsmann dagegen, dass ein Obst- und Kartoffelmarkt auf dem Marienplatz stattfinden sollte. Er störte sich daran, dass davon ausgerechnet das Kaufhaus Krell profitiere. Im selben Jahr bezogen SA-Einheiten vor dem Kaufhaus am Marienplatz und vor anderen von Juden geführten Geschäften in Freising Stellung. Die bewaffneten Männer riefen die Passanten zum Boykott auf und hielten Schilder hoch, auf denen stand: "Kauft nur in christlichen Geschäften als Abwehrmaßnahme der Judenhetze im Ausland." Adorno schreibt später über den Antisemitismus: "Darum schreit man: haltet den Dieb! und zeigt auf den Juden. Er ist in der Tat der Südenbock, nicht bloß für einzelne Manöver und Machinationen, sondern in dem umfassenden Sinn, dass ihm das ökonomische Unrecht der ganzen Klasse aufgebürdet wird."

Lewin verließ Freising 1936 und zog nach München-Schwabing. Seiner Tochter Hildegard gelang 1939 die Flucht nach Großbritannien. In der Anonymität der Großstadt hoffte Marcus Lewin dem Nazi-Terror zu entgehen. Das Kaufhaus vermietete er zunächst, ehe er es 1939 weit unter Wert verkaufte. Den Verkaufserlös zog das NS-Regime ein. Als 1942 feststand, dass er bald in ein Vernichtungslager käme, beging Marcus Lewin Selbstmord mit Schlafmitteln.

Max Schülein

1938 musste Max Schülein seinen alten Vornamen, Moses, wieder annehmen. Er hatte sich zwanzig Jahre vorher beim Freisinger Standesamt in Max umbenennen lassen. Damals war Max Schülein schon lange Teilhaber der Eisengießerei und Maschinenfabrik an der Münchner Straße. Zusammen mit seinem Verwandten Otto Schülein hatte er die Fabrik von Josef Frimberger übernommen. 1912 ersteigerte dann ein anderes Unternehmen die Fabrik. Seitdem ist das Gelände unter dem Namen "Schlüter" bekannt. Max Schülein leitete den Betrieb und war Prokurist, also derjenige, der die Unternehmensgewinne verwaltete. Er wohnte in Freising an verschiedenen Adressen, einmal auch an der Bahnhofsstraße 1. Er hat nie geheiratet. Nach der Gleichschaltung der Presse durch die Nazis erschien im Freisinger Tagblatt ein großer Hetzartikel. Die Überschrift war als Frage formuliert: "Wieviel Juden gibt es noch in Freising?" Darin bedauerte die Nazi-Presse unter anderem, dass eine große arische Firma immer noch einen jüdischen Provisionsvertreter beschäftige. Im November floh Max Schülein nach München. Bis 1942 lebte er im Ghetto in Milbertshofen. Von dort deportierten ihn die Nazis ins KZ Piaski, wo Max Schülein starb.

Alois Weiner

Alois Weiner aus Moosburg war einer der wenigen Juden aus dem Landkreis, die den Holocaust überlebten. Nach der Befreiung 1945 kam er aus der Gefangenschaft im KZ Theresienstadt nach Moosburg zurück. Er beteiligte sich am demokratischen Wiederaufbau, war Stadt- und Kreisrat, sowie zweiter Bürgermeister in Moosburg. Weiner trat 1918 der SPD bei.

Vor dem Krieg führte er ein Textilgeschäft in der Dreirosenstadt. Wie in Freising terrorisierten auch die Moosburger Nazis ansässige Juden. Sie überwachten Weiner und dessen Geschäft, fotografierten zum Beispiel Kunden, die den Laden betraten, um diese abzuschrecken. 1937 verließ Weiner Moosburg und zog nach München. Zuvor musste er sich von seiner Frau, Klara Brunner scheiden lassen, weil sie in den Augen der Nazis eine "Arierin" war.

Familie Selow

Über die Familie Selow ist sehr wenig bekannt. Nach Hoyers Recherchen führten Hermann Selow und dessen Sohn Kurt ein Geschäft in Freising, in dem man Wollwaren kaufen konnte. Der Laden befand sich in der Unteren Hauptstraße 39.

Emma Reißermeyer

Wie viele andere jüdische Freisinger deportierten die Nazis auch Emma Reißermeyer 1942 ins KZ Theresienstadt. Sie überlebte das Lager und wohnte nach der Befreiung in Gräfelfing. Emma Reißermeyer floh 1939 von Freising nach München. Dort verurteilte man sie 1939 zu einer Gefängnisstrafe, weil sie sich weigerte die diskriminierende Juden-Kennkarte zu tragen. Ihre Geschichte zeigt, wie akribisch genau die Nazis jüdische Bürger verfolgten: Emma Reißermeyer war eigentlich katholisch, doch entdeckten die Nazis bei ihr eine "jüdische Rassenzugehörigkeit". Sie war die einzige, welche die Nazis auf ihrer Liste über alle jüdischen Bürger in Freising namentlich genannt hatten. Über den Zusammenhang von Totalität und Antisemitismus schreibt Adorno: "Blindheit erfasst alles, weil sie nichts begreift."