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Dritte Startbahn:Große Chance vergeben

Am besten wäre es gewesen, die Flughafenerweiterung ganz zu beerdigen

Von Kerstin Vogel

Der 16. September 2020 hätte auf den ersten Blick das Zeug gehabt, als einer dieser Tage in die Geschichte einzugehen, von denen man auch in einigen Jahren noch ganz genau weiß, wo man da gewesen ist - als der Tag nämlich, an dem die dritte Startbahn im Erdinger Moos beerdigt worden ist. Doch schon der zweite Blick machte an diesem Mittwoch klar, dass Ministerpräsident Markus Söder zwar die Zeichen der Zeit richtig erfasst hat. Kaum jemand hätte wohl Verständnis, wenn die Flughafengesellschaft wie angekündigt wegen der Corona-Krise Personal abbaut und gleichzeitig schon fast krampfhaft an ihren Ausbauplänen festhält. Für die Menschen im Umland des Münchner Flughafens hat der Ministerpräsident aber leider nicht die richtige, weil endlich endgültige Entscheidung getroffen.

Für fünf Jahre lag das hoch umstrittene Projekt seit den Koalitionsverhandlungen mit den Freien Wählern ohnehin schon auf Eis. Söder hat dieses Moratorium nun sozusagen um weitere fünf Jahre verlängert - und damit die Zeit der Ungewissheit. Nun sind es also noch acht Jahre, in denen die Stadt Freising im Süden quasi ihrer Planungshoheit beraubt ist. Weitere acht Jahre, in denen beispielsweise die Menschen in Attaching nicht sicher wissen, ob sie langfristig in ihrer Heimat werden bleiben können, ob sich die Sanierung, der Bau des Austragshäusls lohnt oder ob das Dorf nicht doch irgendwann unter Feinstaub, Dreck und einem unerträglichen Lärmteppich begraben wird. Kein Wunder also, dass die Freude bei Kommunalpolitikern und Startbahngegnern an diesem Tag eher verhalten ist.

Tatsächlich wird hier gerade eine große Chance vergeben. Corona hat die Luftverkehrsbranche in die Knie gezwungen, wann und ob die Wachstumszahlen jemals wieder die Dimensionen von vor der Pandemie erreichen werden, steht in den Sternen. Viele Menschen haben erkannt, dass vielleicht nicht jede Geschäftsreise zwingend erforderlich ist, dass man auf den Wochenendtrip nach London auch gut verzichten kann. Die richtige Entscheidung wäre es - auch mit Blick auf den fortschreitenden Klimawandel - genau jetzt gewesen, den Bau der dritten Startbahn endgültig zu begraben. Den Managern in den Chefetagen der FMG könnte man dann aufgeben, sich jetzt ausschließlich um den Bestand zu kümmern, die Arbeitsplätze zu erhalten und für die Zukunft endlich die Partnerschaft auf Augenhöhe mit den Kommunen im Umland anzustreben, die sich diese schon seit Jahren wünschen.

© SZ vom 17.09.2020

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