Die Westtangente ist gerade einmal ein paar Wochen fertiggestellt, der Umbau der Oberen Altstadt läuft auf Hochtouren, da richtet die Stadtverwaltung ihr Augenmerk bereits auf ein nächstes Projekt, mit dem sich das Gesicht der Stadt Freising zum Positiven wandeln soll: die Neugestaltung des Bereiches am Aufgang zum Lindenkeller und damit der gesamten Karlwirtkreuzung. Für Projektkosten von etwa 285 000 Euro soll zunächst ein "hochwertiges Gestaltungskonzept" entwickelt werden, finanziert zu einem guten Teil aus einer Innenstadt-Förderinitiative der EU für bayerische Städte und Gemeinden.
Der Lindenkeller ist mit seiner Gastronomie und wechselnden Unterhaltungsangeboten seit Jahrzehnten, eigentlich sogar seit Jahrhunderten ein kultureller "Hot Spot". Seit zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den westlichen Ausläufern des Weihenstephaner Berges, damals Veitsberg genannt, Eiskeller für den Brauprozess der Märzenbiere angelegt wurden, seit nunmehr also fast 200 Jahren, existiert zumindest ein Sommerausschank auf diesem Berg. Aktuell sind es Stadtcafé, Eishaus, Stadtgarten oder die Räume für Konzerte und Kulturveranstaltungen aller Art, die den Freisingerinnen und Freisingern als Treffpunkt dienen.

Doch so attraktiv die Einrichtungen dort oben auf dem Berg sein mögen, so unschön kommt der Bereich an dessen Fuß daher, wofür die Stadtverwaltung unter anderem den ausschließlich auf motorisierten Verkehr ausgerichteten Städtebau der Vergangenheit verantwortlich macht. Als die Stadt Freising Mitte der 1950er Jahre die Johannisstraße als Teil des Altstadtrings anlegen ließ und die Vöttinger Straße durch Abbruch mehrerer Anwesen unterhalb des "Veitsbergs" aufgeweitet wurde, seien "über Jahrhunderte gewachsene städtebauliche Zusammenhänge durcheinander geraten". Die Bedürfnisse von Fußgängern oder Radfahrern hätten - in wörtlichem Sinn - lediglich am Rande eine Rolle gespielt. Das Vorfeld des Lindenkellers biete somit im jetzigen Zustand, von den Konzepten der "autogerechten Stadt" geprägt, wenig Aufenthaltsqualität und sei von Verkehr, Parkplätzen und Erschließung dominiert, so die durchaus kritische Zusammenfassung.
Spätestens aber seit der Klimawandel ins Bewusstsein der Menschen gerückt und auch in Freising der Ruf nach einer neuen Mobilität und klimagerechtem Städtebau lauter geworden ist, wird die Nutzung des öffentlichen Raums diskutiert und neu interpretiert. In den Augen von Stadtbaumeisterin Barabara Schelle bietet sich damit nun die Gelegenheit, das Umfeld des historischen Lindenkellers nicht nur neu zu denken, sondern die Konzepte dafür umzusetzen - und sollte die neue Westumfahrung die ihr zugedachte Funktion erfüllen und den aus Westen heranströmenden Verkehr künftig um die Stadt herumleiten, dann wird aus der verstopften, lauten Karlwirtkreuzung der Vergangenheit vielleicht wirklich ein Platz, an dem sich die Freisingerinnen und Freisinger einmal gerne aufhalten.
Erste Ideen für das zu entwickelnde Gestaltungskonzept liegen der Stadt bereits vor - unter anderem hat die Stadt außerdem ein Grundstück in dem Bereich gekauft, das laut Stadtbaumeisterin Schelle zu einer Grünfläche umgewandelt werden könnte. Weitere Elemente des künftigen Platzes könnten in einem neuen Bodenbelag, einladendem Mobiliar und einem Lichtkonzept bestehen. Die Verwaltung würde das Konzept als "wichtige Initialzündung" verstehen, welche "die Potenziale und Entwicklungsmöglichen dieses Ortes aufzeigt und zu weiteren Schritten, wie einer kompletten Umgestaltung der Verkehrserschließung der Karlwirtkreuzung anregt".
Möglich wird dieses Projekt auch durch eine Förderinitiative der Europäischen Union. Aus dem Wiederaufbaufonds der Europäischen Union werden den Regionen Europas über das Programm REACT-EU Mittel zur Verfügung gestellt, "um damit die Krisenbewältigung im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie und den Übergang zu einer nachhaltigen, digitalen und insgesamt zukunftsfähigen Wirtschaft zu unterstützen", wie es heißt.
Die Stadtverwaltung hat das zum Anlass genommen, für dieses Programm im September vergangenen Jahres für insgesamt acht Maßnahmen eine "Interessensbekundung" abzugeben (s. Infokasten unten). Im Dezember dann kam bereits die Zusage: Der Stadt Freising wurde dafür eine Finanzhilfe von insgesamt 877 500 Euro in Aussicht gestellt.
Geknüpft ist das allerdings an eine Bedingung: Alle geförderten Maßnahmen müssen bis 30. Juni 2023 vollständig umgesetzt und abgerechnet sein. Eine Verlängerung ist ausgeschlossen. Die Stadtverwaltung sei bereit, sich dafür richtig anzustrengen, schilderte Schelle zuletzt im Planungsausschuss des Stadtrats: "Weil es einfach am Schönsten ist, wenn etwas fertig wird."
