Datenerfassung "Big Data": Verhängnisvolle Spuren im Internet

Ohne das Wissen der Menschen werden ihre persönlichen Daten und Spuren im Internet gespeichert und mit künstlicher Intelligenz ausgewertet.

(Foto: Karly Domb Sadof/AP)
  • Persönliche Daten im Netz werden ohne das Wissen der Nutzer gespeichert und ausgewertet.
  • IT-Unternehmerin Yvonne Hofstetter entwickelt Technologien für künstliche Intelligenz - und warnt davor Persönliches preiszugeben.
  • Apps, Facebook und Funkwasserzähler lehnt sie selbst ab.
Von Katharina Aurich, Zolling

Die IT-Unternehmerin Yvonne Hofstetter entwickelt mit ihren Mitarbeitern - Informatikern und Mathematikern - in der kleinen Ortschaft Gerlhausen bei Zolling Kerntechnologien für künstliche Intelligenz. Damit werden große Datenmengen gespeichert und ausgewertet. Inzwischen ist sie jedoch auch deutschlandweit eine gefragte Digitalisierungskritikerin und warnt vor Überwachung und Eingriffen in Persönlichkeitsrechte.

Denn Hofstetter weiß, wie "Big Data" funktioniert, die Erfassung, Speicherung und Auswertung von Daten aus dem Internet mit Hilfe Künstlicher Intelligenz. Allerdings betreibe ihre Firma dies ausschließlich mit Daten von Maschinen, von Drohnen im militärischen Einsatz oder für Logistikunternehmen. "Daten von Menschen fassen wir nicht an", betont Hofstetter, die Rechtswissenschaften studierte.

Ohne das Wissen der Menschen werden ihre persönlichen Daten und Spuren gespeichert und ausgewertet

Die Juristin hatte kurz nach ihrem Studienabschluss, fasziniert von den Möglichkeiten des Internets, in den Neunzigerjahren umgesattelt und begonnen, in einem IT-Unternehmen zu arbeiten. Von ihren Fachkollegen lernte sie das nötige Rüstzeug. Dann, vor 20 Jahren, gründete sie mit einem ehemaligen Kollegen ihre eigene Firma "Teramark Technologies".

Die IT-Unternehmerin Yvonne Hofstetter warnt vor Eingriffen in Persönlichkeitsrechte.

(Foto: Marco Einfeldt)

Hofstetter kritisiert, dass ohne das Wissen der Menschen persönliche Daten und Spuren, die sie im Internet hinterließen, gespeichert und mit künstlicher Intelligenz ausgewertet würden. So würden ganze Profile von Menschen gespeichert, was diese tun, was sie denken. Das klinge zwar nach Science Fiction, sei jedoch Realität, sagt die Juristin und berichtet vom Vorstoß des Freistaates, dass jeder Haushalt per Gesetz verpflichtet werden solle, einen Funkwasserzähler zu installieren. Die Zähler funkten alle paar Sekunden, wie viel Wasser verbraucht werde. Dies geschehe angeblich, um das Wasserablesen zu vereinfachen.

Eingriff in die Grundrechte der Bürger

Laut Hofstetter greift das die Grundrechte der Bürger ein: Der Artikel 13 des Grundgesetzes sieht die die Unversehrtheit der Wohnung vor. Niemand dürfe gesetzlich gezwungen werden, seinen Wasserverbrauch sekundengenau erfassen zu lassen. Denn mit diesen Daten, die der Wasserversorger speichern und analysieren könne, ließe sich mit künstlicher Intelligenz ein genaues Wohnprofil von Menschen erstellen. Ginge es nur um den Wasserverbrauch, würde ein einmaliges, jährliches Ablesen des Zählers genügen, argumentiert Hofstetter.

Als ein weiteres Beispiel, wie sehr jeder im Alltag bereits vernetzt sei und Persönliches preisgebe, erklärt die Datenfachfrau am Unterschied zwischen einem Handy und einem Smartphone. Beide Geräte könnten zwar über Funkmasten geortet werden und selbst wenn das Handy abgeschaltet sei, ließe sich noch der letzte Aufenthaltsort ermitteln. Dies sei jedoch nicht so präzise wie die Ortung über Wlan und GPS in einem Smartphone. Die exakte, dauerhafte Ortung und Verfolgung dieser Computer sei möglich, wenn der Nutzer die Wlan-Funktion eingeschaltet lasse. Das Gerät versuche, sich bei jedem Geschäft, jedem Restaurant in dessen Wlan zu schalten und sende dabei seine Mac-ID.

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Das sei die einzigartige Kennung, die exklusiv für jedes Smartphone vergeben werde und "schon weiß man genau, wann Sie sich wo aufhalten", sagt Hofstetter. "Man", das sei zum Beispiel der Hersteller des Betriebssystems, oftmals Google. Deshalb empfiehlt sie, die Wlan-Funktion auszuschalten, wenn man sie nicht benötige. Außerdem warnt Hofstetter eindringlich vor der Installation von Apps. Denn die Computerprogramme könnten registrieren, wann man mit wem wie lange telefoniere. App-Hersteller verkauften diese Daten auch weiter an Datenhändler, beispielsweise die Information, dass jemand wahrscheinlich Geld benötige, erklärt sie. Dieser Mensch erhalte dann überraschend Kreditangebote.

In Chicago und Kent wird heute schon berechnet, ob ein Facebook-Nutzer demnächst eine Straftat begeht

Durch die Nutzung sozialer Netzwerke wie Facebook oder Whatsapp gebe man preis, mit wem man verbunden sei. Mit einer Netzwerkanalyse könne dann nicht nur berechnet werden, wie hoch der Finanzbedarf, sondern auch wie kriminell ein Bürger vermutlich sei, schildert Hofstetter. In Chicago und Kent werde heute schon aus den Facebookdaten berechnet, ob ein Nutzer demnächst eine Straftat begehe. So etwas gebe es in Deutschland noch nicht, aber manche Länderpolizei würde diese Möglichkeiten auch gerne nutzen, warnt die Juristin. Da Smartphones Computer seien, könne man sie auch leicht hacken. Nach wie vor besonders gefährdet sei das Betriebssystem Google Android. Per Fernbedienung könnten Hacker Kamera und Mikrofon einschalten, ohne dass es der Nutzer bemerke. Sie selbst verwende kein Smartphone und sei auch nicht bei Facebook, sagt sie. Ihr genüge ein Telefon, das Handy, um SMS zu verschicken und das Mailprogramm auf dem Laptop.

Die Datenfachfrau und Digitalisierungskritikerin empfiehlt, möglichst wenig von sich selbst preiszugeben, in dem man auf Facebook oder Smartphones verzichte. Man solle aufmerksam gegenüber neuen Erfindungen oder bei der Aufweichung der Grundrechte sein, sagt sie. Von den scheinbar harmlosen Möglichkeiten des Internets solle man sich nicht verführen lassen.

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