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Das Jahr der Ratte:Karaoke und Frühlingsrollen

Begrüßung des 'Jahr der Ratte'

Auch im Landkreis Freising feiern viele hier lebende Chinesinnen und Chinesen am Samstag das chinesische Neujahrsfest und begrüßen damit das "Jahr der Ratte".

(Foto: Then Chih Wey/dpa)

Auch die chinesischen Familien im Landkreis feiern das traditionelle Neujahrsfest

Das Erste was man bemerkt, wenn man den geräumigen Saal betritt, ist die große Leinwand im Hintergrund. "Willkommen im Jahr der Ratte", steht da in Rot und Gold, willkommen im neuen chinesischen Sternzeichen. Um das Fest auch in Freising ordentlich vorzufeiern, sind an diesem Januarnachmittag zirka sechzig Menschen gekommen, vor allem Familien sind dabei: In der Mitte haben Hao Sun und die anderen Mitglieder des Chinesischen Kulturvereins etwas Platz gelassen, in einem Halbkreis drumherum sitzen die Zuschauer. Dann geht es los.

Kinder spielen auf ihren Instrumenten vor, eine Gymnastin tritt mit ihrem Band auf, Eltern verfolgen das Ganze mit ihren Handys. Zum Karaoke-Singen, das in China genauso beliebt ist wie etwa der Fußball in Deutschland, kommen dann viele ans Mikrofon: Das Lied heißt etwa "Eine unvergessliche Nacht" und wird traditionell beim Neujahrsfest gesungen. Am Samstag, 25. Januar, ist es soweit - Feuerwerke gibt es in Freising zwar nicht, gefeiert wird das neue Jahr natürlich trotzdem.

656 Chinesen leben im Landkreis Freising, Hao Sun ist eine von ihnen. 2013 hat sie den Chinesischen Kulturverein mitgegründet - um sich über das Leben in Deutschland auszutauschen und dabei die eigenen Wurzeln nicht zu vergessen. "Unser Verein richtet sich vor allem an chinesische Familien, die häufig die gleiche Geschichte und die gleichen Probleme teilen", sagt die zweifache Mutter, die ursprünglich aus Peking kommt. Die gleiche Geschichte heißt: wegen des Studiums nach Deutschland gekommen, die Rückreise schon gebucht oder zumindest geplant, dazwischen die Liebe, Familie, Arbeit und doch keine Rückkehr mehr. Die gleichen Probleme hingegen sind: das Schulsystem, das man nicht kennt, die Kindererziehung, die komplett anders ist. "In China wird gemacht, was Eltern und Lehrer sagen. In Deutschland haben Kinder hingegen mehr Freiheit", sagt Hao Sun, die, wie sie sagt, in Freising sehr gerne lebt.

Zweimal im Monat treffen sich die chinesischen Familien aus der Gegend im Raum der Begegnung, einige kennen sich seit mehreren Jahren, andere sind erst vor kurzem dazu gekommen. Besonders die Neuen freuen sich über die Unterstützung des Vereins: auf praktische Tipps über Schulen und Behörden, auf fröhliche Momente wie beim Neujahrsfest - das eigentlich in China "Frühlingsfest" genannt wird und schon als größte Reisewelle des Planeten bezeichnet wurde. Denn an diesem Tag machen sich Hunderte Millionen Menschen auf den Weg zu ihren Familien, um endlich, wie es die Tradition verlangt, zusammenzukommen - und das passiert häufig nur ein einziges Mal im Jahr.

Yarong Huang, die in Shanghai Medizin studiert hat und in Marzling eine Praxis für traditionelle chinesische Medizin leitet, muss noch etwas Geduld haben, um wieder in ihr Heimatland zu fliegen - denn Urlaub hat sie jetzt erstmals nicht. Aber natürlich will sie wie üblich Fenster und Türe ausschmücken, mit der Familie telefonieren ("Die Jüngeren sollen die Älteren anrufen"), um Wohlstand und Erfolg zu wünschen, und ihrem Kind den traditionellen roten Umschlag mit Geld, auf Chinesisch Hong Bao, als Geschenk überreichen. Und kochen natürlich, 20 bis 30 verschiedene kulinarische Köstlichkeiten will sie zubereiten, dafür dauern die Vorbereitungen "mehrere Tage": "Gemüse, Fisch, Rindfleisch, Schweinefleisch... an diesem Tag darf man nicht wählerisch sein", sagt sie. Auch die Frühlingsrollen gehören zum Menü: Das ist kein Zufall, denn sie werden traditionell eben zum chinesischen Neujahrsfest serviert - und das ganze Jahr hinweg überall in der Welt gekostet.

© SZ vom 25.01.2020
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