Im Frühjahr 1889, als sich die Blicke der Weltöffentlichkeit auf den soeben fertiggestellten Eiffelturm in Paris richteten, eröffnete ein junger Mann an der Freisinger Amtsgerichtsgasse ein Fotoatelier. Der Mann hieß Jakob Werkmeister (1859 bis 1938) und er war neu in der Stadt. Der Zeitpunkt, sich hier als Fotograf niederzulassen, schien allerdings günstig: Mehrere Freisinger Fotografen der Pioniergeneration hatten in den zurückliegenden Jahren ihre Ateliers aufgegeben und die Stadt verlassen. Als einziges längerfristig bestehendes Atelier war das von Franz Ress verblieben. Freising mit seinen damals etwa 13 000 Einwohnern konnte einen weiteren geschäftstüchtigen Fotografen also gut gebrauchen.
Jakob Werkmeister brachte zudem bereits einige Berufserfahrung mit. Zum Fotografen ausgebildet worden war der gebürtige Giesinger von 1874 an bei seinem Onkel in der südrussischen Stadt Saratow. Bevor er sich in Freising niederließ, war er in Höchstädt an der Donau tätig gewesen. In Freising gelang es Werkmeister dann, relativ schnell Fuß zu fassen. Sein Fotografengeschäft entwickelte sich gut und war aus dem städtischen Alltagsleben schon sehr bald nicht mehr wegzudenken. Als Mitglied des Kollegiums der Gemeindebevollmächtigten engagierte er sich auch politisch. 1902 wurde Werkmeister eine seltene Ehre zuteil: Durch die Verleihung des bayerischen Hoftitels durfte er sich fortan "Königlich Bayerischer Hofphotograph" nennen.
Neben seinem Hauptgeschäftszweig, der Porträtfotografie, widmete sich Jakob Werkmeister der Architekturfotografie. Unübersehbar war zudem sein Faible für spektakuläre Inszenierungen. Zahlreiche Fotografien, die der Meisterfotograf hinterlassen hat, veranschaulichen dies. Er verstand es, sich außergewöhnliche Begebenheiten zunutze zu machen. Das Ergebnis waren stets außergewöhnliche Fotomotive, wobei Jakob Werkmeister das eigentliche Geschehen nicht selten neu arrangierte und die Szenerie dabei plakativ übersteigerte.
So verhält es sich auch bei der Fotografie, die drei Spengler auf der Laterne des Freisinger St.-Georgs-Turmes zeigt. Sie ist das Archivstück des Monats Juli. Glücklicherweise finden sich auf der Rückseite des Fotokartons zeitgenössische Angaben zum Datum und zu den Personen. Demnach schoss Werkmeister die Fotografie am 14. Juni 1892 - um kurz vor halb elf am Vormittag, wie die Turmuhr anzeigt. Bei den drei Personen handelt es sich um die Brüder Josef, August und Otto Feichtmayr, Söhne des Freisinger Spenglers Xaver Feichtmayr. Aufgrund der Stellung des Turmkreuzes und der zaghaft erkennbaren Licht- und Schattenpartien, die auf einen Sonnenstand von Südosten her schließen lassen, muss die Fotografie aus nordöstlicher Richtung aufgenommen worden sein. Da das Werkmeister-Atelier in der Amtsgerichtsgasse (Nummer 3) vom Turm aus in nordöstlicher Richtung lag, wäre denkbar, dass Werkmeister die Kamera im Umfeld seines Hauses, vielleicht auf dem flachen Dach, positioniert hatte.
Ausgangspunkt für die Entstehung der spektakulären Fotografie waren verschiedene Renovierungsarbeiten am Außenbau der Stadtpfarrkirche St. Georg, mit denen man bereits 1891 begonnen hatte. Arbeiten an einem derart exponierten Platz wie der Turmlaterne sind den damaligen Freisingern sicher nicht verborgen geblieben. Im Gegenteil, im Juni 1892 war dies wohl ein bestimmendes Thema in der Stadt.
Jakob Werkmeister dürfte in dem ungewöhnlichen Treiben in luftiger Höhe schnell ein fotografierenswertes Motiv erkannt haben. Er begnügte sich jedoch nicht damit, die Arbeiter einfach abzufotografieren, sondern inszenierte das Geschehen gewissermaßen neu. Er muss mit den Spenglern Kontakt aufgenommen und sie angewiesen haben, wo und wie sie sich zu positionieren hatten. Die fein austarierte Anordnung auf der Laterne, auf dem Knopf und am Kreuz und die erkennbar arrangierten, demonstrativ lässigen Körperhaltungen brachten das von Werkmeister gewünschte Ergebnis: Es war nicht einfach nur eine Abbildung des Baugeschehens an einem außergewöhnlichen Ort, sondern die Formulierung einer (neuen) Bildaussage.
Demnach sind auf der Fotografie eben nicht nur drei die Spengler bei der Arbeit zu sehen, sondern vielmehr drei wagemutige, ja tollkühne Menschen, die ungeachtet der enormen Gefahr den kolossalen, eigentlich unerreichbaren Turm scheinbar mühelos und mit fröhlichem Leichtsinn bezwungen haben und dem Freisinger Himmel dadurch ziemlich nahegekommen sind.
Quellen: Stadtarchiv Freising, Fotosammlung; ebd., Familienbogen u. Ansässigmachungsakte Xaver Feichtmayr; ebd., Häuserkartei, Am Büchl 15 u. Untere Hauptstraße 9. Literatur: Notter, Florian: Freising in der Frühzeit der Fotografie. 60 Aufnahmen aus den Jahren 1860 bis 1900 (Kataloge des Stadtarchivs Freising 1), München 2015, bes. S. 9-16 u. 82-83; Notter, Florian: Aufbruch und Umbruch. Freising in Fotografien der Jahre 1900 bis 1920 (Kataloge des Stadtarchivs Freising 2), München 2017, bes. S. 9-10
