Literarischer Herbst des Kulturvereins Modern Studio:"Bücher sind kein Allheilmittel, aber sie können trösten und helfen zu verstehen." 

Literarischer Herbst des Kulturvereins Modern Studio: Dana Vowinckel wurde vor zwei Jahren beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet.

Dana Vowinckel wurde vor zwei Jahren beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet.

(Foto: Heike Steiweg/privat)

Die Autorin Dana Vowinckel hat mit "Gewässer im Ziplock" einen berührenden und zugleich politischen Roman geschrieben. Im Mittelpunkt steht die 15-jährige Margarita, geschildert wird aber auch das jüdische Leben zwischen Deutschland, den USA und Israel.

Von Ella Rendtorff, Freising

"Gewässer im Ziplock" heißt der Debütroman der Berliner Autorin Dana Vowinckel, der von jüdischem Leben zwischen Deutschland, den USA und Israel erzählt. Für ihr Schreiben über jüdische Identitäten wurde sie bereits vor zwei Jahren beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet. Der Freisinger Kulturverein Modern Studio hat Dana Vowinckel zu seiner Reihe "Literarischer Herbst" eingeladen.

Anmerkung der Redaktion: An diesem Dienstag, 5. Dezember, war eine Lesung im Camerloher-Gymnasium in Freising geplant. Aufgrund der Witterungsbedingungen musste der Termin kurzfristig verschoben werden, ein Nachholtermin steht noch nicht fest.

SZ: Frau Vowinckel, im August 2023 ist Ihr Debütroman "Gewässer im Ziplock" erschienen. Können Sie kurz zusammenfassen, worum es geht?

Dana Vowinckel: Der Roman erzählt von der 15-jährigen Margarita und ihrem alleinerziehenden Vater Avi, der als Kantor in einer Synagoge in Berlin arbeitet. Margarita verbringt erst einen langen Sommer voller Heimweh bei ihren Großeltern in den USA und reist dann kurzerhand zu der ihr fremd gewordenen Mutter nach Jerusalem. Die beiden unternehmen einen Roadtrip durch Israel, während der Vater Avi weiterhin die Gebete in der Synagoge in Berlin leitet. Irgendwann explodiert alles, es gibt einen riesigen Streit in Israel und die Familie trifft letztlich am Krankenbett der Großmutter in Chicago zum ersten Mal seit Jahren wieder aufeinander.

"Gewässer im Ziplock" erzählt viel über jüdisches Leben in Deutschland und anderen Teilen der Welt, gleichzeitig ist es ein Coming-of-Age Roman. Aus welchem Interesse heraus ist die Geschichte entstanden?

Ich fand die Rolle des Kantors und die Welt der Synagoge spannend. Oft denken die Leute, der Roman sei sehr autobiografisch, nur weil ich auch mal ein 15-jähriges jüdisches Mädchen war, aber das alles hat ziemlich wenig mit meinem eigenen Leben zu tun. Die erste Figur, die ich entwickelte, war auch Avi und nicht Margarita, was viele erstaunt, wenn sie den Roman lesen. Klar, eigene Erfahrungshorizonte spielen da auch mit hinein, aber vor allem habe ich ein Interesse an den Figuren.

Seit dem 7. Oktober herrscht Krieg im Nahen Osten. Wie wirkt sich das auf die Besprechung Ihres Romans aus?

Der Roman spielt im Sommer 2023 und endet zwei Wochen vor den Anschlägen. Es ist ein sehr klar im Jetzt verankerter Roman und ich glaube, die Besprechung wäre eine schlechte, wenn die aktuelle politische Lage nicht in die Rezeption mit einbezogen werden würde. Und ich finde, das muss ich auch aushalten. Aber klar, seit der Veröffentlichung hat sich viel geändert, einfach weil es das Israel, das es in dem Roman gibt, so nie wieder geben wird. Das ist ein anderes Land. Natürlich muss das besprochen werden.

Gibt es überhaupt Literatur, die nicht politisch ist?

Ich glaube nicht. Ich würde sagen, der Literaturbetrieb per se ist politisch. Zumindest stehen hinter Literatur meistens politische Menschen, zu denen ich mich auch selbst zähle. Aber ich bin keine Historikerin oder Politikwissenschaftlerin, sondern Autorin. Es ist mir wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass ich einen Roman geschrieben habe und vor allem gerne über diesen Roman spreche.

"Das größte Kompliment ist, wenn 15-Jährige meinen Roman lesen."

Mit wem würden Sie am liebsten über Ihr Buch sprechen?

Das Schönste ist für mich, wenn es eine diversifizierte Zielgruppe an Leserinnen und Lesern gibt. Leute, die noch nicht so viel Kontakt mit jüdischem Leben hatten und vor allem auch Jugendliche. Das ist eigentlich das größte Kompliment, wenn 15-Jährige meinen Roman lesen. Schön ist auch, wenn Leute, von denen ich es nicht unbedingt erwartet hätte, das Buch lesen und dadurch ein Gespräch zustande kommt.

Sie unternehmen Ihre Lesereise zu einer Zeit, in der die Gesellschaft eine starke Polarisierung erlebt. Wie fühlt es sich für Sie momentan an, öffentliche Lesungen zu geben?

Lesungen machen mir Spaß, nach wie vor. Auf Lesereise gehen zu dürfen und eingeladen zu werden, ist eine tolle Erfahrung und ein großes Privileg. Ich finde es sehr schön, im Gespräch mit Menschen immer wieder Neues im eigenen Buch zu entdecken. Die Veranstalter sind immer sehr bemüht und sorgfältig. Aber klar, es gibt für mich als Autorin im Moment natürlich andere Sicherheitsvorkehrungen als vor dem 7. Oktober. Ich glaube, das geht den meisten jüdischen Menschen so, die in der Öffentlichkeit stehen. Und ja, das ist beängstigend, aber gleichzeitig bin ich es von Klein auf gewohnt, dass ich als jüdische Person Schutz brauche.

Wird dieser Schutz für marginalisierte Gruppen in der Öffentlichkeit gewährleistet?

Ja und Nein. Die Frage ist eher, wer einen da schützt. Der Sicherheitsapparat in Deutschland ist in Teilen verseucht von rechtsextremem Gedankengut. Es braucht definitiv mehr Schutz, aber ich finde, die Lösung dafür ist nicht mehr Polizeischutz. Aber das sind natürlich strukturelle Fragen, die sehr langfristig gedacht werden müssen.

"Ich denke nicht, dass Literatur einen Krieg lösen kann."

Denken wir mal kurzfristig: Was müsste passieren, damit ein differenzierter Diskurs über die Situation in Gaza möglich wird?

Es sollten einfach alle erstmal fünf Bücher zum Israel-Palästina-Konflikt lesen und dann nochmal eine Unterhaltung aufmachen. Ich glaube, die extreme Spannung in der Gesellschaft kommt daher, dass die Leute oft sehr wenig wissen. Ich glaube nicht, dass Literatur einen Krieg lösen kann, es wäre größenwahnsinnig, das als Autorin zu denken. Aber ich bin der Überzeugung, dass Literatur festgefahrene Perspektiven brechen kann. Bücher sind kein Allheilmittel, aber sie können trösten und helfen zu verstehen.

Viele Menschen beziehen ihre Haltungen aber größtenteils aus den sozialen Medien. Die unübersichtliche Gemengelage an politischen Statements, die man dort vorfindet, kann schnell in die Irre führen. Was denken Sie, welchen Stimmen sollten wir aktuell Gehör schenken?

Erstmal würde ich sagen, man sollte sich diese Stimmen nicht auf Instagram suchen. Instagram-Kacheln sind keine objektiven Nachrichten, selbst wenn sie so tun, als wären sie es. Deshalb hilft das Medium Buch. Zu Romanen zu greifen, ist immer auch eine Übung in Empathie. Es gibt unglaublich facettenreiche Literatur über jüdisches Leben und jüdische Identität in Deutschland. Ich denke da zum Beispiel an "Über Israel reden" von Meron Mendel. Aber auch Sachbücher können helfen, politische Zusammenhänge zu verstehen. Es gibt zum Beispiel ein kleines Büchlein, das heißt "Kleine Geschichte des israelisch-palästinensischen Konfliktes" von Jörn Böhme und Christian Sterzing. Das sind vielleicht hundert Seiten, die einen historischen Abriss des Großen und Ganzen abbilden.

Bücher sind für die Figur Margarita aus "Gewässer im Ziplock" ein Rückzugsort. Würden Sie sagen, die Literatur kann in Zeiten der Diaspora zu einem Zuhause werden?

Gute Frage. Ich glaube, nach Heimat suchen weder Margarita noch ich im Lesen. Heimat ist ein Begriff, mit dem ich eigentlich gar nicht so viel anfangen kann. Das Besondere ist für mich eher, dass Literatur Türen zu anderen Welten öffnet.

Der Literaturbetrieb müsste diverser werden

Allerdings ist auch die Literaturlandschaft in vielerlei Hinsicht einseitig.

Ja, leider. Ich glaube, der Literaturbetrieb steht immer noch vor der riesigen Aufgabe, diverser zu werden. Und dazu gehören ja nicht nur Jüdinnen und Juden, die mehr gehört werden sollten. Ich sehe da zwar schon viel Bewegung, aber das geht leider nicht über Nacht. Die Verantwortung sitzt bei den Verlagen, und es ist die Aufgabe der Lektorinnen und Lektoren, neue und diverse Literatur einzukaufen. Es gibt so viele tolle migrantische Stimmen in Deutschland!

Haben Sie Empfehlungen?

"Dschinns" von Fatma Aydemir war für mich eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahre, das wäre zum Beispiel ein Anfang. Aber auch "Vatermal", das Debüt von Necati Öziri, kann ich sehr empfehlen. Es lohnt sich auch immer, mit Buchhändlerinnen zu sprechen. Die sitzen direkt am Hebel und sind meistens extrem schlau.

Wie sieht eine Zukunft aus, die Ihnen Hoffnung gibt?

Ich würde mir tatsächlich einfach wünschen, dass die Leute mehr lesen und sich ein bisschen Mühe geben, informiert zu bleiben. Lesen hilft dabei, nicht mehr so viel um sich selbst zu kreisen. Nachrichten lesen, Zeitung lesen, ein Abo abschließen. Aber das muss man den SZ-Leserinnen und Lesern ja nicht erzählen, die dieses Interview hier gerade lesen (lacht).

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