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Freisinger im Krisenmodus:Erstaunlich ruhig

Durch eine Lockerung seitens der Bundesstelle für Chemikalien dürfen Apotheken mittlerweile zwar Desinfektionsmittel selbst produzieren, "doch jetzt sind uns auch dafür die Rohstoffe ausgegangen", sagt Lisa Lettenmayer, Inhaberin der Freisinger Hof-Apotheke.

(Foto: Marco Einfeldt)

Während in Apotheken die Inhaltsstoffe für Desinfektionsmittel ausgehen, ist in einer Freisinger Drogerie, in der zuvor der Ausnahmezustand herrschte, seit der Merkel-Rede der Andrang vorerst abgeflaut.

Die harten Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie treffen auch die Menschen im Landkreis Freising auf den unterschiedlichsten Ebenen. Für manche bedeuten sie nur Einschränkungen in ihrem Freizeitverhalten, die weitaus meisten aber haben konkrete Sorgen - ob es nun um Gefahren für die eigene Gesundheit, die schwierige Betreuung der Kinder oder die Rettung des eigenen Geschäfts oder Unternehmens geht. Die Freisinger SZ will in einer Serie in den kommenden Tagen Einblicke in das Leben der Menschen im Krisenmodus geben.

Die Apothekerin

Am Anfang habe man die Nachfrage nach Desinfektionsmittel und Mundschutz noch händeln können, doch mittlerweile seien auch Fieberthermometer ausverkauft, erzählt Lisa Lettenmayer, Inhaberin der Freisinger Hof-Apotheke. "Es gab dann Lockerungen von Seiten der Bundesstelle für Chemikalien, dass auch Apotheken Desinfektionsmittel herstellen dürfen. Wir konnten dann circa 400 Fläschchen herstellen, doch jetzt sind uns auch dafür die Rohstoffe ausgegangen", so Lettenmeyer. Im Moment würde darüber verhandelt, vorübergehend auch Rezepturen mit anderen Inhaltsstoffen zuzulassen. Dann könnte auch in der Hof-Apotheke wieder eine gewisse Menge an Desinfektionsmittel produziert werden. "Wie viel das sein wird, müssen wir sehen. Sobald wir aber wieder etwas herstellen können, möchten wir zunächst die Arztpraxen im Haus versorgen."

Zum Schutz der Kunden und ihrer Mitarbeiter habe man sowohl die Anzahl an Verkäufern im Verkaufsraum reduziert, als auch die erlaubte Anzahl an Kunden in der Apotheke auf drei heruntergefahren, sagt Lettenmayer. Dadurch soll der Mindestabstand in der Apotheke gewährleistet sein. "Die Kunden haben dafür Verständnis und halten sich an die Regelungen. Das ist schön zu sehen", sagt sei. Von Montag an werde es im Verkaufsraum auch noch einen Spuckschutz aus Plexiglas geben, um die Sicherheit noch ein Stück zu erhöhen.

Freisinger im Krisenmodus

Die Verkäuferin

"Seit Angela Merkel gesprochen hat, also seit circa zwei Tagen, ist es erstaunlich ruhig geworden", sagt eine Verkäuferin der Rossmann-Drogerie-Filiale an der Unteren Hauptstraße in Freising. Die Wochen davor seien ein Ausnahmezustand gewesen. Die Kunden hätten an den Tagen, an denen sie Lieferungen bekommen haben, schon vor Ladenöffnung vor dem Markt gewartet und ihnen dann - im wahrsten Sinne des Wortes - den Laden eingerannt. "Zeit für eine Pause gab es dann kaum." Viele Kunden, ob jung oder alt, seien ausgeflippt und unfreundlich geworden, wenn es eine bestimmte Ware nicht mehr gab. "Jetzt ist unser Versuch, Dinge wie Toilettenpapier zu rationieren. Ein Teil kommt morgens ins Regal, der andere am Abend. So dass auch diejenigen, die erst spät kommen, nicht vor leeren Regalen stehen," erklärt die Verkäuferin. Was das Einhalten der Hygiene und Sicherheitsabständen angehe, gebe es solche und solche Kunden. Die Mitarbeiter selbst versuchen, sich durch regelmäßiges Händewaschen und Desinfizieren zu schützen. "Worum wir auch bitten, ist, mit Karte zu zahlen. Das ist uns lieber. Aber gerade ältere Leute kommen mit dem bargeldlosen Bezahlen nicht so gut klar", so die Verkäuferin. Sie und ihre Kollegen nähmen die Situation nun gelassen - so lasse diese sich am besten meistern, und alle seien zunächst froh, dass der größte Andrang für den Moment vorbei zu sein scheint.

Der Kandidat und Vater

Viel Schlaf hat Thomas Sellmeir in den vergangenen Tagen nicht bekommen. Er lebt mit seiner Familie in Marzling, die beiden Kinder sind eineinhalb und vier Jahre alt. Seine kleine Tochter besucht seit einigen Monaten die Krippe in Marzling, der Sohn geht in den Gemeindekindergarten. Beide Einrichtungen sind aber wegen der Corona-Pandemie schon seit einiger Zeit geschlossen. Drei Wochen lang sind die Kinder nun schon zu Hause, "das stellt unseren Alltag komplett auf den Kopf", sagt Sellmeir. Auch seine Frau ist berufstätig, an zwei Tagen in der Woche muss sie deshalb nach München. Sellmeir ist Marketingleiter einer Eventstruktur-Firma, momentan arbeitet er 70 bis 80 Stunden die Woche. "Wegen der Corona-Krise haben wir richtig viel zu tun." Bei der Betreuung der Kindern wechseln sich er und seine Frau derzeit ab. Die Großeltern wohnen zwar nur ein paar Schritte entfernt, aber beide sind schon alt. "Aus Vorsichtsmaßnahme haben wir momentan keinen persönlichen Kontakt, sondern telefonieren nur. Die Kinder können sie natürlich auch nicht übernehmen", sagt Sellmeir. Wenn seine Frau in München ist, passen enge Freunde oder Nachbarn für ein oder zwei Stunden auf die beiden auf, in dieser Zeit erledigt Sellmeir die wichtigsten Telefonate und E-Mails*. "Ansonsten arbeite ich, wenn die Kleine ihren Nachmittagsschlaf macht und am Abend, wenn beide im Bett sind", erzählt er.

Um drei Uhr nachts geht er dann selber schlafen, schon um halb sieben Uhr am Morgen klingelt wieder der Wecker. "Irgendwie geht alles", meint er. Irgendwie wird er auch noch die kommende Woche überstehen, denn Thomas Sellmeir ist einer der beiden Bürgermeisterkandidaten in Marzling, die in die Stichwahl gekommen sind. Vergangene Nacht hat er noch im ganzen Ort Plakate geklebt und Flyer verteilt. "Ein Spagat ist das schon, aber wir werden auch diese Zeit überstehen", sagt Sellmeir.

*Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch mit Thomas Sellmeir fand am Freitag, den 20. März statt, als die neuen Ausgangsbeschränkungen für Bayern noch nicht in Kraft getreten waren, nach denen Kinder nicht mehr zur Betreuung an andere Haushalte weitergegeben werden dürfen.

© SZ vom 21.03.2020/lada
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