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Beschluss im  Freisinger Kreisausschuss:Mehr Selbstbestimmung

Das Möbelhaus Rentabel könnte in Schwierigkeiten kommen, wenn es vom kommenden Jahr an nicht mehr die Erstausstattungen für Wohnungen von Hartz-IV-Empfängern stellen darf.

(Foto: Marco Einfeldt)

Hartz-IV-Empfänger entscheiden künftig selbst, wie sie ihre Wohnung ausstatten, bisher ist dafür das Sozialkaufhaus Rentabel zuständig. Für die Caritas-Einrichtung könnte dies negative Folgen haben

Von Peter Becker, Freising

Des einen Freud, des anderen Leid: Hartz-IV-Empfänger sollen vom neuen Jahr an selber entscheiden dürfen, wie sie ihre Wohnungen ausstatten. Dafür hat sich der Kreisausschuss des Kreistags am Donnerstag ausgesprochen. Was für die Betroffenen ein Mehr an Selbstbestimmung bedeutet, könnte für das Sozialkaufhaus Rentabel der Caritas Folgen haben, die derzeit noch nicht abzusehen sind. Dieses war bislang für die Erstausstattung von Wohnungen zuständig. Den Kreisräten ist die Bedeutung von Rentabel durchaus bewusst, weshalb sie die künftige Entwicklung des Kaufhauses im Auge behalten wollen.

Der Vertrag mit der Caritas läuft aus

Die Erstausstattung für Wohnungen einschließlich Geräten umfasst etwa eine Küche ohne Spülmaschine, Möbel, Geschirr, Lampen und Ähnliches, was zu einer geordneten Haushaltsführung notwendig ist. Ein ähnliches "Starterpaket" zu Beginn einer neuen Lebenssituation gibt es bei der Bekleidung sowie einer Ausstattung bei Schwangerschaft und Geburt. "Der Empfänger entscheidet selbst, was er für sein Geld will", sagte Bernhard Reiml, Leiter des Freisinger Jobcenters. Er begründete dies damit, dass die Betroffenen gerne mehr Verantwortung übernehmen wollten. "Das ist wichtig für den Neustart des Lebens." Dazu bietet das Jobcenter ein Coaching an. Das Projekt ist nach Vorschlag von Rainer Schneider (FW) zunächst auf drei Jahre befristet. Nach gut der Hälfte der Laufzeit soll Reiml ein Zwischenfazit ziehen.

Hintergrund der Umstellung ist, dass der Vertrag mit der Caritas als Träger von Rentabel Ende des Jahres ausläuft, was die Erstausstattung von Wohnungen mittels gespendeter Einrichtungsgegenstände anbelangt. Offenbar hatte es Beschwerden gegeben, weshalb das bisherige Verfahren evaluiert wurde. Eine Befragung der Kunden ergab, dass eine zentrale Bereitstellung der Gegenstände nicht mehr zeitgemäß ist. Sie wünschen sich im Gegenzug mehr Selbstbestimmung, um sich auf Möbel- und Flohmärkten oder Tauschbörsen über das Internet selbst versorgen zu dürfen. Auch über eine mangelnde Einflussnahme, welche Gegenstände in welchem Umfang durch die Mitarbeiter von Rentabel ausgehändigt werden, wurde moniert.

Eine Prognose, wie sich die Kosten für den Landkreis entwickeln, ist derzeit nicht möglich. Ebenso, wie sich die Situation für Rentabel gestaltet. Die Verwaltung geht davon aus, dass die Umstellung dort zu einem Umsatzrückgang führen könnte. Zur Kompensation sei es deshalb Rentabel frei gestellt, bei den Leistungsempfängern für das Sortiment und den Lieferservice zu werben. Überdies könne sich die Caritas für das aus Bundesmitteln finanzierte Coaching bewerben.

Als schlimmstes Szenario beschrieb es Landrat Helmut Petz (FW), dass sich Rentabel nicht mehr rentiere und eingestellt werde müsse. Das wäre nicht gut, weil die dort Beschäftigten durch ihre Arbeit Sinn fänden. "Ich möchte nicht, dass Rentabel schließt", bekundete Eva Bönig (Grüne) ebenso wie Manuel Mück (CSU). Das will Sebastian Thaler (SPD) auch nicht. Er wünschte sich aber zusätzlich einen Leistungsnachweis dafür, was die Leistungsempfänger mit dem Geld anstellten. Das wiederum sei mit erheblichem Aufwand verbunden, sagte Reiml. Denn der Betreffende könne den Zutritt zu seiner Wohnung verweigern.

© SZ vom 28.11.2020/beb
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