Café Übrig in FreisingWie die Schrumpelrübe wieder knackig wird

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Simon Steiberg und Melanie Rihm kümmern sich um die Gäste im Café Übrig. Das hat sich in kurzer Zeit zu einem beliebten Treffpunkt in Freising gemausert.
Simon Steiberg und Melanie Rihm kümmern sich um die Gäste im Café Übrig. Das hat sich in kurzer Zeit zu einem beliebten Treffpunkt in Freising gemausert. Marco Einfeldt

Das „Café Übrig“, das erste Foodsharing-Café in Bayern, ist in Freising längst zu einem beliebten Treffpunkt geworden. Jetzt bringen die Essensretter Schulkindern bei, nachhaltig mit Lebensmitteln umzugehen.

Von Gudrun Regelein, Freising

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„Heute: Grünes Curry, Apfel-Streusel-Kuchen und Kräuter-Schorle“ steht mit Kreide auf der großen Schiefertafel neben dem Eingang des „Café Übrig“ geschrieben. Alle Gerichte und alle Kuchen, die es hier gibt, werden aus geretteten Lebensmitteln hergestellt. „Es läuft richtig gut“, sagt Caro Stanzl, die den gemeinnützigen „Verein Übrig“ Ende 2020 gemeinsam mit elf anderen engagierten Freisinger Essensrettern gegründet hat. „Wir wollten damals mehr Bewusstsein für die Lebensmittelverschwendung schaffen und ein Foodsharing-Café eröffnen“, erzählt Stanzl. Inzwischen sei es beliebt und bekannt, es habe sich in Freising etabliert.

Schon kurz nach der Gründung des Vereins konnte das Konzept im „Spot Shop“ in Freising ausgetestet werden – mit Erfolg. Der Verein wollte aber eigene Räume und startete ein Crowdfunding, nach kurzer Zeit waren die dazu notwendigen 12 000 Euro gesammelt. Bis zu der Eröffnung des neuen Cafés an der General-von-Nagel-Straße dauerte es aber viel länger als geplant. Die ausufernde Bürokratie kostete viel Zeit, erst im Januar 2023 konnte Eröffnung gefeiert werden.

In den vergangenen Jahren hat der Verein viele neue Unterstützer gefunden, mittlerweile zählt er knapp 200 Mitglieder, erzählt Stanzl. Etwa 25 von ihnen bilden den harten Kern, sie engagieren sich ehrenamtlich und übernehmen zum Beispiel eine Schicht im Café. Marina, 39 Jahre, hilft an diesem Abend hinter dem Tresen mit. „Das Konzept ist voll super“, sagt sie. „So viele Lebensmittel werden weggeworfen, wir machen hier etwas daraus.“ Neben den Ehrenamtlichen gibt es mittlerweile auch bezahlte Mitarbeiter, vier werkeln im Café in Teilzeit mit. Anders würde es nicht mehr gehen, sagt Caro Stanzl.

Kunden und Kundinnen gebe es aus ganz verschiedenen Altersgruppen und Berufen. „Es sind Menschen ohne Obdach, die bei uns einen Kaffee trinken, oft kommt aber auch ein Immobilienmakler auf ein Feierabendbier.“ Daneben gebe es viele Stammkunden, unter den Studenten sei das Café beliebt. „Es kommen nicht nur Gäste aus der Öko-Blase, sondern auch Passanten, die gar nicht wussten, dass wir kein normales Café sind“, erzählt Stanzl. Mit denen käme man häufig ins Gespräch – und darum gehe es ja auch: „Aus der Blase zu kommen und in die Öffentlichkeit zu gelangen.“

Marco Einfeldt

Auf dem selbst geschreinerten Bartresen steht ein polierter Siebträger, in den Schränken stapeln sich Teller, Tassen und Gläser. Im Durchgang steht der „Fairteiler“ mit gespendeten Lebensmitteln, die jeder mitnehmen kann. An diesem Tag ist er mit Brotlaiben, Äpfeln, Salat und Joghurtbechern gefüllt. Der hintere Raum ist mit Sofas, Stühlen und Tischen möbliert, alles ist bunt zusammengewürfelt, die Wände sind grün gestrichen.

Viele der Sachen stammen von Großeltern der Mitglieder. „Old fashioned, aber heimelig“, sagt Stanzl. An einem der Tische sitzen Gerti und Kathrin, die beiden Freisingerinnen haben sich im Café kennengelernt. „Das ist ein wunderbar zwangloser Treffpunkt für alle, hier findet man immer jemanden zum Quatschen – selbst wenn man nicht verabredet war“, sagt Gerti. Sie selbst helfe manchmal mit, oder bringe einen selbst gebackenen Kuchen vorbei, erzählt sie.

Auch Schweinebraten wurde schon angeboten

Über zu wenig Lebensmittelspenden könne man sich nicht beklagen, sagt Caro Stanzl. „Wir bekommen vieles von Supermärkten und Bäckereien.“ Manche Cafés bieten ihre Kuchen an, die sie nicht verkauft haben. „Vor ein paar Wochen hat uns ein Gastronom angerufen und gefragt, ob wir Schweinebraten, der von einem Fest übrigblieb, haben wollen. Den gab es dann zwei Tage lang bei uns.“ Das Café sei inzwischen bekannt, „das hat sich rumgesprochen.“ Bezahlen muss der Gast im ersten Foodsharing-Café in Bayern übrigens nur einen selbst gewählten Preis für die Getränke. Für die angebotenen Gerichte und das Gebäck darf aber natürlich etwas gespendet werden.

Sogar Fernsehsender kamen schon zu Besuch, auch die überregionale Presse hat über das erste Foodsharing-Café in Bayern berichtet. Auszeichnungen gab es auch schon einige. So bekam der Verein vor zwei Jahren den Tassilo-Sozialpreis der Süddeutschen Zeitung verliehen, in diesem Jahr wurde man für den bayerischen Klimaschutzpreis nominiert. „Die große Anerkennung freut uns natürlich sehr.“

Großes Ziel der Essensretter sei, ein Bewusstsein für das Problem der Lebensmittelverschwendung zu schaffen. Deshalb finden im Café Übrig immer wieder Bildungs- und Kulturveranstaltungen statt. „In diesem Jahr hat die Bildungsarbeit noch einmal an Fahrt aufgenommen, inzwischen haben wir dafür sogar eine eigene Referentin“, berichtet Stanzl. Diese organisiert unter anderem Workshops und arbeitet viel mit Schulklassen, um schon Kinder und Jugendliche zu einem nachhaltigeren Denken und Handeln zu inspirieren.

Älteres Obst wird zu Smoothies verarbeitet

Die Klassen werden besucht oder ins Café Übrig eingeladen. „Bei den Treffen wird dann darüber geredet, wie man sorgfältig mit Lebensmittel umgeht“, erzählt Stanzl. Es gehe aber nicht nur um die Theorie, sondern werde auch anschaulich. Schon älteres Obst, das zu Hause im Abfall landen würde, werde gemeinsam geschnippelt und zu leckeren Smoothies verarbeitet. Oder eine schon schrumpelige Karotte wird in ein Glas Wasser gestellt – und ist nach ein paar Minuten wieder knackig.

Die Bildungsarbeit sei der Schlüssel zur gesellschaftlichen Veränderung, „und die ist unsere Vision“, sagt Stanzl. Lebensmittel zu retten, bedeute nur einen Tropfen auf den heißen Stein. „Wir wollen ein neues Bewusstsein schaffen, langfristig etwas verändern und für zukünftige Generationen eine lebenswerte Welt schaffen.“ Das wolle man aber nicht mit erhobenem Zeigefinger erreichen: „Wir wollen zeigen, dass es richtig Spaß machen kann, bewusster zu leben.“

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