Süddeutsche Zeitung

Bundestagswahl im Landkreis Freising:Aus tiefer Überzeugung

Lesezeit: 3 min

Emilia Kirner, 23, kandidiert für die ÖDP für den Bundestag. Dass sie den Einzug schafft, erscheint eher unwahrscheinlich. Die Studentin der Lebensmittelchemie bewirbt sich aber aus Idealismus, nicht aus Machtstreben. Ein Porträt.

Von Thilo Schröder, Freising

Es ist Emilia Kirners "spezieller Wunsch", so drückt es Neufahrns ÖDP-Ortsvorsitzender Felix Bergauer aus, dass es zum Frühschoppen vegane Weißwürste gibt. Kirner ist Direktkandidatin der Ökodemokraten und an diesem Samstag Ende August stellt sie im Gasthof Maisberger ihre politischen Schwerpunkte für die Bundestagswahl vor. Es sei eine "historische Bundestagswahl", man habe "gute Chancen, ein gutes Ergebnis zu erzielen". Kirner würde gerne vieles verändern in der Politik, Neues ausprobieren, und die veganen Weißwürste stehen stellvertretend dafür.

Drei Herzensthemen hat Kirner, wie sie sagt: Mobilität, Transparenz und Gleichberechtigung. Den Nahverkehr im ländlichen Raum und Zugstrecken zwischen Landshut, Freising und München wolle sie ausbauen, smarte und einfach buchbare Mitfahrangebote fördern, auch Menschen ohne Führerschein besser einbinden. Es brauche mehr Transparenz in der Politik und stärkere Lobbyregeln, um Korruption zu bekämpfen. Und es gebe "zu wenig Frauen in der Politik und in Führungspositionen".

Sich vorwiegend pflanzlich zu ernähren, war Kirner von klein auf normal

An einem anderen Tag sitzt Emilia Kirner in einem Freisinger Café und erzählt von ihrer Kindheit in Hohenthann, einer 4000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Landshut. "Es war sehr ruhig, sehr behütet, der Zusammenhalt im Dorf war sehr stark, man kannte sich", sagt die 23-Jährige. "Meine Großeltern haben vor Ort gewohnt, ich hatte viele Freunde vor Ort. Landleben halt. Man war sehr viel draußen, ich war im Waldkindergarten. Der Schulweg dauerte 20 Minuten mit dem Bus." Wer später als 16 Uhr Unterricht hatte, erinnert sie sich, musste sich abholen lassen, weil dann kein Bus mehr fuhr.

Sich - vorwiegend - pflanzlich zu ernähren, war für die Lebensmittelchemie-Studentin von klein auf normal. "Meine Eltern sind beide Vegetarier. Früher hab ich noch Fleisch gegessen, bis ich zwölf, 13 war, und dann ein paar Jahre später vegan. Das war ungewöhnlich und viele haben nicht verstanden, warum ich das mache. Es war damals auch noch schwieriger. Ich hatte aber immer Freunde, die damit kein Problem hatten. Freundinnen haben vegane Muffins für mich gemacht bei Parties."

"Wenn ich auf einem Konzert bin, schau ich: Gibt's hier Plastikbecher?"

Mit 17 tritt Kirner der ÖDP bei und gründet die Jungen Ökologen Landshut, 2016 rückt sie in den Bundesvorstand der Jugendorganisation vor. Seit 2017 ist sie Beisitzerin im ÖDP-Landesvorstand, 2018 wird sie Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl. Und seit der Kommunalwahl 2020 sitzt Kirner im Freisinger Stadtrat. Bei der Bundestagswahl steht sie nun auf Platz zwei der ÖDP-Landesliste.

Wahlserie, Teil 3

In einer Serie zur Bundestagswahl am Sonntag, 26. September, wird die Freisinger SZ in den kommenden Tagen nicht nur alle Bundestagskandidatinnen und -kandidaten des Wahlkreises vorstellen. Es soll auch anhand einiger Beispiele beleuchtet werden, wie sich demokratische Entscheidungen auf Bundesebene konkret auf die Kommunalpolitik auswirken. Heute: ÖDP-Kandidatin Emilia Kirner. SZ

Zuweilen wird Kirner nachgesagt, die Nachwuchshoffnung der ÖDP zu sein. Wer mit ihr spricht, hat das Gefühl, eine durch und durch politische Person vor sich haben. Kann sie die Politik im Alltag überhaupt ausblenden? "Das fällt mir schon manchmal schwer", sagt Kirner und lacht. "Ich hab auch Leute im Bekanntenkreis, die anders denken. Da muss man sich schon ein bisserl zusammenreißen. Oder wenn ich auf einem Konzert bin, schau ich: Gibt's hier Plastikbecher? Wie handhaben die das mit dem Müll?"

Konsequenter Klimaschutz, Wachstumskritik, aber auch Traditionen stärken

Eine große Leidenschaft Kirners ist das Radfahren. "Ich hab mit meinen Eltern schon mein ganzes Leben lang viele Radl-touren gemacht", erzählt sie. Beim RVN Freising ist sie regelmäßig mit einer Mountainbike-Gruppe für Frauen, den "MTB Ladies", Offroad unterwegs. Leiterin Ines Siebrecht sagt über Kirner: "Sie ist total offen für alles, lustig, motiviert." Politik sei bei den Touren kein großes Thema, bei einem Vereinstreffen im Corona-Kontext habe sie mal ihre Unterstützung als Stadträtin angeboten.

Dem Petitionen-Engagement ihrer Partei folgend, treibt Kirner die Verkehrswende in Freising als Vertreterin des Radentscheids voran. Ein weiteres Merkmal der ÖDP ist, ökologische Politik mit konservativem Anstrich zu verbinden. So sagt Kirner: "Alle Klimaprogramme der Parteien, die gerade im Bundestag vertreten sind, führen nicht zum 1,5-Grad-Ziel. Wir sind die einzige Ökopartei, die echten Klimaschutz ins Parlament bringt." Auch Kritik an Wachstum und Konsum seien zentral. Zugleich sind ihr jedoch Traditionen und Identität ein Anliegen: "Mir ist wichtig, Kultur und Traditionen zu bestärken und nicht als unwichtig abzustempeln. Ich spiele etwa gerne Schafkopf, auch die Volksfeste sind schöne Traditionen."

Die ÖDP ist bislang bekanntlich nicht im Bundestag vertreten, auch heuer scheint ihr Einzug eher unwahrscheinlich. "Die Leute bei der ÖDP machen das aus tiefer Überzeugung", sagt Emilia Kirner. "Ein bisschen Idealismus ist sicher dabei. Keiner macht das aus Machtstreben oder Profilierungsgründen." Beim Frühschoppen in Neufahrn fällt das Feedback zur veganen Weißwurst derweil überwiegend positiv aus: "Selbst ohne Senf genießbar", meint eine Frau. "Man kann's schon essen", sagt ein Landwirt aus Hallbergmoos; es ist als Lob gemeint. Allerdings sitzen auch hier primär die üblichen Parteimitglieder und langjährigen Sympathisanten.

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SZ vom 08.09.2021/ilos
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