Bundestagswahl im Landkreis Freising:Ruhig bleiben und lächeln

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Bundestagswahl im Landkreis Freising: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Johannes Huber will zum Jahreswechsel seine Partei verlassen.

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Johannes Huber will zum Jahreswechsel seine Partei verlassen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der 34-jährige Johannes Huber aus Nandlstadt will für die AfD zum zweiten Mal nach 2017 in den Deutschen Bundestag einziehen. Dass ihm das gelingt, ist nach den aktuellen Prognosen auch wahrscheinlich.

Von Alexandra Vettori, Freising

"Es war von 0 auf 100" beschreibt Johannes Huber seinen Start im Deutschen Bundestag. Als 30-Jähriger hatte er vor vier Jahren für die AfD im Wahlkreis 214 kandidiert, zu dem auch der Landkreis Freising gehört, auf ungewissem Landeslistenplatz 13. Es wurden dann 14 Mandate in Bayern, und für Johannes Huber begann quasi von heute auf morgen ein neues Leben. Eine Woche Nandlstadt, wo er mit sechs Geschwistern auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, eine Woche Berlin. Raus aus der Finanzbuchhaltung, wo er als Diplom-Soziologe mit Nebenfächern Betriebswirtschaft, Recht und Psychologie davor arbeitete, rein in den Bundestag. Diesmal steht Huber auf Listenplatz sechs, "dieses Mal", sagt er mit einem Lächeln, "kann ich besser planen".

Mittlerweile hat der 34-Jährige drei Wohnsitze, den ersten in Nandlstadt, den zweiten gemeinsam mit seiner Frau in Freising und dann natürlich Berlin. Anfangs habe er eine Wohnung dort gehabt, erzählt Huber, "aber dann hab ich gemerkt, dass ich da eigentlich nur von 23 Uhr bis 7 Uhr bin", und er zog wieder in ein Hotel. Er war dann der erste der AfD-Fraktion, der in einen Ausschuss gewählt wurde, den Petitionsausschuss.

Huber trägt in der Regel Hemd und Anzug, spricht leise und gewählt

"Ein super Ausschuss, um sich in die parlamentarische Arbeit einzufinden", sagt er. Weitere Betätigungsfelder waren der Familienausschuss, wo er Vorsitzender der Kinderkommission war, und der Landwirtschaftsausschuss. "Die Tage in Berlin sind lang, Sitzungen, Veranstaltungen, Vorberatungen, Gespräche", seine Wähler und Wählerinnen lässt er über soziale Medien daran teilhaben, "jeden Tag ein Post".

Huber trägt in der Regel Hemd und Anzug, spricht leise und gewählt, das Bild des AfD-Rabauken passt auf ihn nicht. Er bleibt auch ruhig auf die Frage, wie er das sieht, wenn sich etablierte Parteien beklagen, dass mit der AfD die Zahl der Ordnungsrufe im Bundestag stark zugenommen hat: "Wenn ich im Plenum sitze, kann ich mir schon vorstellen, dass es vor der AfD konsensualer war. Aber mit unserem Einzug ist die gesamte Bevölkerung abgebildet. Das sind jetzt echte Debatten, das sieht man auch an den TV-Einschaltquoten."

"Ich stehe zum Parlamentarismus, obwohl wir eine direkte Demokratie haben wollen"

Und er fügt an: "Natürlich ist es nicht von der Regierung gewünscht, dass es abweichende Meinungen gibt." Er selbst, betont, Huber, halte sich an die Spielregeln: "Ich stehe zum Parlamentarismus, obwohl wir eine direkte Demokratie haben wollen." Dass er auch härter kann, war vergangenes Jahr zu sehen. Man warf ihm vor, in einer von Sicherheitsbehörden als verfassungsfeindlich eingestuften Telegram-Gruppe aktiv gewesen zu sein. Huber erklärte das damals damit, dass seine Posts geteilt worden seien und so in diese Gruppe gelangten.

Später wurde ihm vorgeworfen, Abgeordnete anderer Parteien gegen ihren Willen gefilmt zu haben, auch das lässt er so nicht stehen. Man habe ihm als Vorsitzendem des Petitionsausschusses 200 000 Unterschriften einer privaten Petitions-Plattform überreicht, "und ich habe die Box angenommen und wollte sie vor der Abstimmung im Bundestag der Mehrheit noch mal zeigen". Er sei auf dem Flur vor den SPD und CDU-Räumen gewesen, "und nachdem die Fraktionen die Kiste nicht annehmen wollten, habe ich sie mit ins Plenum genommen".

Die fortwährende epidemische Lage: "eine willkürliche politische Entscheidung"

Gefilmt habe er selbst nicht, doch er macht keinen Hehl daraus, wie er die Situation von damals sieht: "Es schadet den Bundestagsabgeordneten nicht, dass sie in ihrem Elfenbeinturm von Bürgern bedrängt werden, das sind sie aus den letzten Jahren nicht mehr gewohnt."

Wahlserie, Teil 7

In einer Serie zur Bundestagswahl am Sonntag, 26. September, wird die Freisinger SZ in den kommenden Tagen nicht nur alle Bundestagskandidatinnen und -kandidaten des Wahlkreises vorstellen. Es soll auch anhand einiger Beispiele beleuchtet werden, wie sich demokratische Entscheidungen auf Bundesebene konkret auf die Kommunalpolitik auswirken. Heute: Johannes Huber von der AfD.sz

Es ging damals im aufgeheizten November 2020 um das dritte "Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite", ein Thema, bei dem Huber nach wie vor deutlich wird. "Wissen Sie, welche Kriterien der endemischen Lage zugrunde liegen?", fragt er herausfordernd. Und er gibt auch die Antwort: "Keine. Es ist eine willkürliche politische Entscheidung. Wenn die Mehrheit des Bundestags heute beschließen würde, wir haben eine Pest, dann haben wir eine Pest." Und deshalb, und das nicht nur beim Thema Corona, sei seine Partei für bundesweite Volksabstimmungen. "Artikel 20 des Grundgesetzes sagt, alle Staatsgewalt geht vom Volke aus", er lacht, "aber nur auf dem Papier".

Huber möchte künftig in den einflussreichen Haushaltsausschuss

Dass ihr Eintreten für das Ende der Corona-Regeln der AfD laut Prognosen bisher den erhofften Wählerzuwachs nicht beschert, ficht Johannes Huber nicht an. Auch nicht, dass jüngst zu einer Wahlkampfveranstaltung in Moosburg mit dem bayerische Spitzenkandidaten gerade mal 40 Interessierte kamen. Er erklärt er mit der allgemeinen Unsicherheit wegen der Corona-Regeln, "die übrigens bei politischen Veranstaltungen nicht gelten", und dem schönen Wetter an dem Abend. "Bei der Gegendemo waren auch nur 50 Leute", sagt er mit einem Lächeln. Mit prognostizierten 11,5 Prozent für die AfD ist sein Wiedereinzug in den Bundestag wahrscheinlich. Und Huber hat auch schon ein Ziel vor Augen. Er hat Interesse am einflussreichen Haushaltsauschuss, "ich glaube", sagt er selbstbewusst, "dass ich dafür gut ausgebildet bin".

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