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Boomregion Freising und Erding:Zu viele freie Jobs

In den Landkreisen Freising und Erding in Bayern herrscht praktisch Vollbeschäftigung, die Arbeitlosenquote ist die niedrigste in Deutschland. Doch das bringt auch Probleme.

Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik werden die Zukunft Europas entscheiden. Was treibt Spaniens protestierende Jugend an? Wie können Bildungssysteme voneinander lernen? Was wird aus dem Bologna-Prozess? Die Süddeutsche Zeitung widmet diesen Fragen ein Dossier, das in Zusammenarbeit mit El País , The Guardian , Gazeta Wyborcza , La Stampa und Le Monde entstanden ist. Das Dossier finden Sie auf dieser Seite.

Freisinger Dom Schmuckbild

Die Idylle trügt ein wenig: Freising hat unter den vielen freien Arbeitsplätzen auch zu leiden.

(Foto: Florian Peljak)

Der 17-jährige Claus hatte es in der Schule nicht leicht. Aus schwierigen Familienverhältnissen kommend, eckte er häufig, an, die Noten passten nicht und er stand kurz davor, von der Schule verwiesen zu werden. Doch die Freisinger Arbeitsagentur brachte ihn in einem Projekt zur Einstiegsqualifizierung unter. Claus, der eigentlich anders heißt, macht sich gut - und wird wohl im September eine Lehrstelle als IT-Systemelektroniker bekommen.

Kleine Erfolgsgeschichten wie diese sind in der Boomregion rund um den Münchner Flughafen nicht einzigartig: Im Bereich der Arbeitsagentur Freising und Erding müssen sich Jugendliche schon sehr anstrengen, wenn sie wirklich durch die Raster fallen wollen. Hier sind sie auch dann noch gefragt, wenn die schulischen Leistungen nicht stimmen.

Denn aktuell stehen den 1756 offenen Ausbildungsstellen nur 1520 Bewerber gegenüber - und das hat dazu geführt, dass die Firmen ihre Anforderungen senken und um die Lehrlinge konkurrieren, wie Agenturchefin Karin Weber sagt: "Die betreiben schon fast Marketing."

Bei einer Arbeitslosenquote von 2,1 Prozent (2011) herrscht in den Landkreisen Freising und Erding zudem im Prinzip Vollbeschäftigung. Händeringend gesucht werden Kraftfahrer, Mitarbeiter im Hotel- und Gaststättengewerbe und im Pflegebereich - aber auch und ganz besonders Facharbeiter im Handwerk.

Der Fachkräftemangel beschäftige die Flughafenregion seit bald einem Jahrzehnt, sagt Weber - und Kreishandwerksmeister Martin Reiter hat große Sorgen, weil immer weniger junge Menschen Maurer, Zimmerer oder Bauelektriker werden wollen: "Ein 16-Jähriger geht lieber im Anzug ins Büro als mit Latzhose und Sicherheitsschuhen auf die Baustelle."

Also wirbt die Arbeitsagentur nicht nur um Jugendliche. Auch Frauen, die nach einer Familienpause wieder in den Beruf wollen, werden gezielt angesprochen, ältere Arbeitnehmer, die andernorts schon als schwer vermittelbar gelten, hat man gleichfalls auf dem Radar.

Rolle des Flughafens

Natürlich trägt der nahe Münchner Flughafen viel zu diesen nahezu paradiesischen Zuständen bei. Aktuell arbeiten hier knapp 30.000 Menschen. Seit der Eröffnung 1992 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Landkreis Freising um mehr als 80 Prozent gestiegen. Am Flughafen selber wird immer gesucht: Speditionskaufleute, Lagerarbeiter, Köche, Flugzeugabfertiger oder Sicherheitspersonal.

Doch Karin Weber zitiert gerne, dass ihre Agentur schon seit 1990 im Jahresdurchschnitt die günstigste Arbeitslosenquote bundesweit hat - und seit 1987 in Bayern. Für den Erfolg gibt es neben dem "Jobmotor" Flughafen andere Faktoren, die sie sehr hoch bewertet. Den gesunden Branchenmix etwa, den es in dieser Region schon immer gab. Die zehn größten Arbeitsgeber gehören zehn verschiedenen Wirtschaftszweigen an. Und noch arbeiten mit knapp 19.000 genauso viele Menschen in Betrieben mit einem bis neun Mitarbeitern, wie in den Großfirmen mit mehr als 1000 Beschäftigten.

Auch die Lage im "Speckgürtel" der Landeshauptstadt mit ihrem Angebot an Arbeitsplätzen, kommt der Region zugute. Die in Freising angesiedelten Universitäten, die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und die TU München-Weihenstephan, heben als große Arbeitgeber den Prozentsatz an höher qualifizierten Berufen und die Umstrukturierung in Richtung Dienstleistungen ist im Agenturbezirk weit fortgeschritten: 77 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten in diesem als besonders krisensicher geltenden Sektor.