Süddeutsche Zeitung

Reisefreudiger Freisinger:Globetrotter mit Visionen

148 Länder hat Albert Richter schon bereist. Während der Corona-bedingten Zwangspause arbeitet er an seinen Bildbänden. Das nächste Ziel steht aber schon fest: Er will die 150-er Marke knacken.

Von Corinna Bail, Freising

Schon im Kindesalter erwachte die Reiselust von Albert Richter: Bilderalben der Marke Sanella ließen den gebürtigen Marzlinger gedanklich in fremden Länder reisen. "Die hab' ich verschlungen", erinnert sich Richter noch heute. Damals, so sagt er, hätte man keine andere Möglichkeit gehabt, diese weit entfernten Kulturen selbst vor Ort zu erleben. Seitdem ist viel geschehen: Über 100 Länder hat Richter bereist, die nun die Seiten von 15 Buchbänden füllen, in Eigenarbeit erstellt von dem Weltenbummler aus Freising.

Das kindliche Fernweh von Albert Richter musste jedoch zunächst hinter einem Beamtenjob anstehen: Nach seiner abgeschlossenen Lehre bei der Bayerischen Staatsbank zog es ihn der Arbeit wegen nach München. Allerdings sehnte sich der Jugendliche damals nach einem Job, "in dem man freier ist", wie Richter heute sagt. Schließlich zog es ihn zurück nach Freising, wo er über 20 Jahre lang als Verkehrsüberwacher in Eigenregie durch die Straßen der Domstadt Patrouille lief. Während seiner Zeit als Stadt-Sheriff, wie er bei manchen Freisinger Bürgern bekannt war, erlebte Albert Richter einige Kuriositäten: Neben täglichen Auskünften, wo denn das nächstgelegene Wirtshaus oder die gesuchte Straße läge, half der städtische Parkkontrolleur damals auch schon einmal bei einer Familienzusammenführung, als eine aufgebrachte Frau vergeblich nach ihrer verschwundenen Großmutter suchte. Ein kleines Kind hielt ihn einst gar für einen Mann von der See: Mit seiner blauen Uniform, dem weißen Hut und seinem bauschigen Bart wechselte der Kleine den Parküberwacher Richter doch glatt mit einem Kapitän.

20 Jahre lang durchstreifte Albert Richter als Parkkontrolleur die Straßen Freisings

Und tatsächlich zog es den Freisinger bereits während der insgesamt 20 Dienstjahre, in denen er nach eigener Aussage rund 30 000 Kilometer auf den Freisinger Straßen zurückgelegt hat, in die weite Welt hinaus. Sein erstes Ziel sei es gewesen, 100 Länder zu bereisen. Mittlerweile hat der Pensionist sogar schon in 148 Nationen seinen Fuß gesetzt. Ein beliebtes Mitbringsel sind allerhand kuriose Kopfbedeckungen. Albert Richter schwärmt von den rhythmischen Klängen der Mariachi-Musik in den Straßen Mexico Citys, einem Helikopter-Flug über den Victoriafällen, dem kunterbunten Karneval in Rio de Janeiro und dem schwindelerregend hohen Burj Khalifa in der Wüstenstadt Dubai, bei dessen Eröffnung Richter zufällig anwesend war.

Dass er bei seinen Reisen meist auf sich allein gestellt ist, bedauert der ehemalige Stadt-Sheriff nicht. Er meide bewusst große Hotels und arrangierte Gruppenreisen. "Ich mach' da mein eigenes Süppchen", erklärt Richter. Dabei sei ihm besonders der Kontakt zu den Einheimischen vor Ort wichtig, um Einblicke in die jeweilige Kultur zu erhalten. Mittlerweile, berichtet der Individualreisende stolz, habe er jeden Kontinent einmal betreten. Den nächsten Meilenstein hat der 75-Jährige auch schon im Blick: Er will 150 bereiste Staaten schaffen. Fast hätte Richter diesen Plan schon umgesetzt, wäre nicht die Corona-Pandemie samt Reisebeschränkungen dazwischengekommen. Seine Tour durch die Antarktis Anfang des Jahres habe er gerade noch abschließen können, erzählt er. Der anschließend geplante Trip nach Kasachstan musste dann aber ausfallen. Richter nimmt die plötzliche Planänderung gelassen: "Zum Glück gibt's bei uns ja auch recht schöne Sachen." Im Sommer habe er als Alternativprogramm Tagesausflüge in bayerische Regionen unternommen. Mit dabei waren unter anderem das Murnauer Moos und die Zwölf Apostel im Altmühltal.

Ob er die Bildbände mit Fotos von seinen Reisen je veröffentlicht, weiß er noch nicht

Außerdem nutzt Richter die Reisepause, um die insgesamt 15 Bücher zu überarbeiten, die er inzwischen mit Fotografien und Berichten seiner Reisen gefüllt hat. Ob die Bildbände nach dem Feinschliff veröffentlicht werden, lässt Richter noch offen. Zudem sind weitere Buchseiten denkbar: Wenn die Corona-bedingten Reisewarnungen aufgehoben werden, zieht es den Freisinger Weltenbummler nämlich wieder in die Ferne, schließlich fehlen ihm noch zwei Länder bis zum eigens gesetzten Ziel. Trotz seines fortgeschrittenen Alters und einer Darmkrebs-Diagnose vor zwei Jahren denkt Richter noch lange nicht an ein Ende seiner Reisen. Auch eine Globusumrundung innerhalb von 80 Tagen, ganz nach dem Spielfilmklassiker von 1956, hat der ehemalige Bankkaufmann schon in Planung - und zwar ganz ohne Internet. Richter verrät, dass er für seine globalen Abenteuer ganz analog auf die Informationen des Reiseressorts der Süddeutschen Zeitung setzt. Ob die große Weltumrundung im nächsten Jahr klappt, ist fraglich. Albert Richter bleibt zuversichtlich und hält sich dabei an ein chinesisches Sprichwort: "Selbst die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt." Richter fügt lachend hinzu: "Und die längste Reise hab' ich noch vor mir. Die ins Ungewisse."

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SZ vom 09.10.2020/ilos
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