Der Große Brachvogel ist selten geworden im Freisinger Moos. Wenn ein Küken des vom Aussterben bedrohten Vogels flügge wird, ist das eine kleine Sensation. Sind es gleich drei, wie auf einer 20 Hektar großen Ausgleichsfläche der Deutschen Bahn bei Pulling, ist die Freude umso größer. Das Modellprojekt einer innovativen Beweidung mit Rindern und Schafen zeigt dort den erhofften Erfolg und stößt auf Interesse weit über die Region hinaus. Er bekomme immer wieder Anfragen für Führungen, sagt Landwirt Martin Bartl.
Gemeinsam mit seinem Bruder Hubert bewirtschaftet er mehrere Flächen im Freisinger Moos. Die extensive Beweidung durch Rinder und zum Teil Schafe soll die Biodiversität fördern und zugleich den Moorboden schützen, denn er ist ein wichtiger CO₂-Speicher. Die Weidetiere pflegen das Grünland auf natürliche Weise und schaffen strukturreiche Lebensräume, Bodenbrüter schätzen diese offenen Stellen im Gras.
Die zehn Mutterkühe für die Bahn-Flächen hätten sie zu diesem Zweck angeschafft, erzählt Martin Bartl. Dazu gesellen sich inzwischen sieben Kälber. Drei der auf der Weide vereinten Rinderrassen gelten selbst als vom Aussterben bedroht. Murnau-Werdenfelser gelten als robuste alte Landrasse, die Rinder sind relativ leicht und verursachen wenig Trittschäden. Zur Herde zählen zudem Pinzgauer und Pustertaler Sprinzen. Auch bei seinen Schafen hat sich Bartl auf bedrohte Rassen wie das Schwarze Bergschaf spezialisiert, um deren Erhalt zu sichern.
Die 20 Hektar bei Pulling sind eine Ausgleichsfläche der Bahn für den Bau der Neufahrner Spange. Bis 2014 wurde sie als Mähgrasland genutzt, was zu eher nährstoffreichen und artenarmen Beständen führte, wie Fabian Eichhorn vom Landschaftspflegeverband erklärt. Die Bahn ließ dann gezielt regionales Wildkräutersaatgut aufbringen und das Areal durch ein auswärtiges Unternehmen mähen. Der erwünschte Erfolg zur Verbesserung der Artenvielfalt habe sich aber nicht eingestellt, schildert Sebastian Jagmann, der bei der Deutschen Bahn für Kompensationsflächen zuständig ist.


2023 übernahm der Betrieb Bartl aus dem nahen Sünzhausen die extensive Bewirtschaftung. Der Landschaftspflegeverband Freising schloss einen Pflegevertrag mit der Bahn ab, der weitere fünf Jahre mit Option auf eine Verlängerung läuft. Sie betreut das Projekt zudem. Trotz der zu Beginn hohen Kosten für die Einzäunung sei das Angebot aus Freising finanziell attraktiv gewesen, sagt Jagmann.
Familie Bartl hat mit der Weidetierhaltung viel Erfahrung. Vor etwa 30 Jahren habe sein Vater wieder damit angefangen, nachdem sie im Freisinger Moos fast in Vergessenheit geraten war. Die sichtbaren Ergebnisse, wie der Bruterfolg des Brachvogels, „ist das, was uns antreibt“, sagt Martin Bartl, auch wenn diese Art der Bewirtschaftung sehr aufwendig sei. Zudem gibt es nach wie vor wenig Wissen darüber. „Wir tasten uns an das Ganze heran.“ Das Projekt habe Modellcharakter. Mit anderen Landwirten, die ebenfalls Flächen beweiden, tausche er sich regelmäßig aus. Fabian Eichhorn vom Landschaftspflegeverband würde gern noch weitere Ausgleichsflächen für Beweidungskonzepte gewinnen, etwa von Kommunen oder der Autobahndirektion. Davon würden wiederum regionale Landwirte profitieren und die Pflege sei dadurch besser planbar.

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Neu angebrachte Tafeln informieren bei Pulling über das Konzept der „Wilden Wiese für Wiesenbrüter & Co.“ Das Areal ist eingezäunt, damit Spaziergänger und Hundehalter nicht hineinlaufen. Werde die Fläche nur einmal zur falschen Zeit an der falschen Stelle betreten, „ist der Bruterfolg für das Jahr hin“, sagt Bartl. „Wenn man das den Menschen erklärt, haben sie auch Verständnis.“ Beutegreifer wie der Fuchs würden durch den Elektrozaun und die Kuhherde ebenfalls draußen gehalten. Auch Rehe legten dort deshalb gern ihre Kitze ab.
Die Rinder bleiben von März bis November auf der Weide. Dann kommen sie in einen Strohlaufstall. Es sei allerdings „kein starres Konzept“. Mit Rücksicht auf die Eiablage der Bodenbrüter könnten die Rinder auch später auf die Weide getrieben werden. Die Brutplätze werden zum Schutz der Vögel ausgezäunt. Die Deutsche Bahn begleitet das Projekt mit einem jährlichen Monitoring. „Wir sind auf einem guten Weg“, bilanziert Jagmann. Fabian Eichhorn hofft, dass künftig auch Kiebitze dort brüten werden.

