Beratungsdiebstahl Mehr als nur ein Kavaliersdelikt

Das Uhrengeschäft "Zeit und Glanz" ist seit Samstag geschlossen. Ein Grund dafür sei der Beratungsdiebstahl, sagt Inhaber Markus Kraemer.

(Foto: Marco Einfeldt)

Den Geschäften der Freisinger Innenstadt bereitet Beratungsdiebstahl Probleme. Kunden informieren sich im Laden und kaufen dann im Internet.

Von Gudrun Regelein

Sein krassestes Beispiel ist wohl das Pärchen, das vor Weihnachten etliche Male in seinem Geschäft war und sich ausführlich über eine hochpreisige mechanische Uhr beraten ließ. Im Januar sind die beiden dann noch einmal gekommen, damals dann mit der Uhr, erzählt Markus Kraemer, der Inhaber von "Zeit und Glanz", in Freising. "Sie ließen sich alles noch einmal ganz genau erklären, wollten wissen, wie man die Uhr einstellt und bedient", berichtet er. Erst später erfuhr Kraemer von seiner Kollegin, dass das Pärchen die Uhr gar nicht in seinem Uhren- und Schmuckfachgeschäft gekauft hatte.

Kommentar

Unanständig und dreist

Wer sich erst persönlich imLaden beraten lässt und dann im Internet kauft, muss sich nicht wundern, wenn immer mehr Geschäfte schließen   Von Gudrun Regelein

Das sei ein typischer Fall von Beratungsdiebstahl, sagt Markus Kraemer. "Die Leute kommen in ein Fachgeschäft, um sich zu informieren und beraten zu lassen - und bestellen dann online, weil die Ware dort billiger ist." Oft werde das zwar als Händlerrisiko eingestuft, sagt Kraemer, aber er sehe das anders. "Wenn ich nicht das Passende in meinem Sortiment habe, dann ist das mein Problem", sagt er. Aber wenn sich ein Kunde ausführlich beraten lasse und dann im Internet nachschaue, ob es die Uhr billiger gebe, dann sei das für ihn Betrug. Beratungsdiebstahl aber werde immer mehr zur Normalität. "Die meisten bezeichnen es als Kavaliersdelikt", sagt er. Die Beratung würde als Gratisleistung angesehen.

Die Laufbandanalyse kostet jetzt etwas

Auch Thomas Gerlspeck von Schuh und Sport Gerlspeck kennt dieses Verhalten nur zu gut: Bei ihm können die Kunden bei einer Laufbandanalyse den für sie passenden Laufschuh finden. Das nimmt etliche Zeit in Anspruch. "Nicht wenige wissen zwar dann, welcher Laufschuh für sie der perfekte ist, kaufen ihn dann aber trotzdem nicht bei mir." Oft komme dann die Ausrede, dass sich der Kunde das noch einmal überlegen müsse. Aber er wisse natürlich, dass sich der Kunde den Schuh günstiger online bestellen wolle. Inzwischen kostet die Laufbandanalyse bei Gerlspeck deshalb auch 15 Euro. Wird der Schuh gekauft, wird die Summe verrechnet.

Beim Kaufverhalten gebe es keine Skrupel mehr, bestätigt Mathias Pfefferkorn vom Musikhaus Pfefferkorn. Es gebe mittlerweile auch schon Kunden, die bei ihm nach dem Ausprobieren ein Instrument abfotografierten, um es dann woanders zu bestellen. Und das nach einer ausführlichen Beratung. Nach vielen Jahren im Geschäft wisse er inzwischen meistens, wenn sich jemand nur eine Beratung holen wolle. "Dann ist das Gespräch auch bald zu Ende." Aber grundsätzlich könne er nicht verbieten, länger Instrumente auszuprobieren - rausschmeißen könne er niemanden. "Den klassischen Kunden gibt es nicht mehr", sagt Pfefferkorn. Den Kunden, der die Beratung suche und nach dem Kauf den Service wolle. Das Kaufverhalten habe sich durch die Konkurrenz im Internet komplett verändert. Und: Inzwischen mache auch er bereits 60 Prozent seines Umsatzes über den Online-Verkauf - die größte Zahl dieser Kunden komme aus Ost- und Norddeutschland. Inzwischen, so sagt Pfefferkorn, stelle er sich immer öfter die Frage, ob er noch einen stationären Handel bedienen müsse. "Für das Online-Geschäft benötigt man keinen Laden, das funktioniert von überall in der Welt aus."

"Ich wurde immer misstrauischer"

Eberhard Schnell, der Inhaber von Schreibwaren Wölfle, dagegen denkt inzwischen darüber nach, sich die Beratung zukünftig vergüten zu lassen. Bei Kauf werde das dann verrechnet. Auch Schnell kennt das Phänomen "Beratungsdiebstahl" nur zu gut, das ihm und anderen Einzelhändlern Sorgen bereitet. Markus Kraemer von "Zeit und Glanz" hat daraus Konsequenzen gezogen: Am vergangenen Samstag war sein Geschäft das letzte Mal geöffnet. Ein Grund für die Schließung sei der Beratungsdiebstahl gewesen, sagt er. "Ich hatte das Gefühl, dass meine Beratung immer schlechter wurde. Ich wurde immer misstrauischer, bei jedem Kunden dachte ich, dass er sich nur Infos holen will." Er sei aber sehr gerne in der Branche. Deshalb wird es auch bald weitergehen: Im März eröffnet Kraemer wieder, dann allerdings mit einem veränderten Sortiment. Dann wird man bei ihm hochwertige Trauringe kaufen können.