Süddeutsche Zeitung

Inklusion:Denkmalschutz contra Barrierefreiheit?

In vielen Freisinger Restaurants, vor allem in der historischen Altstadt, gibt es kaum barrierefreie oder ebenerdige Toiletten. Das stellt Menschen mit Mobilitätseinschränkung vor große Probleme.

Von Lena Meyer, Freising

Bei einem Restaurantbesuch, sei es zum gemütlichen Mittagessen mit Freunden oder einem romantischen Abendessen zu zweit, kann es schon mal vorkommen, dass plötzlich die Blase drückt. Ein eigentlich so alltägliches Bedürfnis, dass es für viele kein größeres Problem darstellt. Herausfordernd wird es jedoch, wenn die Toiletten nicht ebenerdig und dadurch nur schwer erreichbar sind. Gerade für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, wird dann aus dieser scheinbar einfachen Notwendigkeit ein Hindernis. Die Quote von ebenerdigen Toiletten in Freisinger Gaststätten beschreibt der Behindertenbeauftragte der Stadt Franz Burger als "sehr gering".

Besonders in Restaurants, die sich in den historischen Gebäuden der Domstadt befinden, fehlt es oftmals an Barrierefreiheit. "Es gibt speziell in den älteren Gaststätten keine barrierefreien oder ebenerdigen Toiletten", sagt Kerstin Schulz von der Agenda21-Gruppe "Menschen mit Behinderung" in der Stadt Freising. Der Grund liege in der veralteten Infrastruktur. Viele der Gebäude seien immerhin mehrere hundert Jahre alt.

So wie beispielsweise die Räumlichkeiten des Augustiner in der Freisinger Innenstadt. Als das Gebäude erbaut wurde, spielte Barrierefreiheit noch keine Rolle in der Gesellschaft, sagt Thomas Sattler, Wirt im Augustiner. Mittlerweile hat sich das glücklicherweise verändert: Neubauten müssen immer barrierefrei gestaltet werden. Damit ist Barrierefreiheit im Bau längst kein freiwilliger Standard, sondern mit der Einführung in die jeweilige Landesbauordnung verpflichtend. Bei bestehenden, historischen Gebäuden sehen die Regelungen allerdings komplizierter aus - es gibt keine Pflicht diese barrierefrei umzubauen.

"Viele alte Gebäude in Freising dürfen nicht bis nur sehr sporadisch umgebaut werden", erläutert Kreisbehindertenbeauftragter Konrad Weinzierl. Hauptgrund dafür sei der Denkmalschutz, so Weinzierl, der sich in dieser Sache bereits auf Spurensuche begeben hat: "Nach meiner Erfahrung und nach einigen Gesprächen mit den Betreibern und den Besitzern der Gaststätten ist der Denkmalschutz in Freising ein großer, wenn nicht der Hauptgrund für Probleme beim barrierefreien Umbau mancher Gaststätten."

Im denkmalgeschützten Asamgebäude behilft man sich mit Rampen

Aus diesen Gründen sei es beispielsweise nicht möglich gewesen, in den Räumen der Gastwirtschaft Augustiner einen entsprechenden Aufzug zu installieren, der das Treppensteigen zu den Toiletten erspart, erklärt Thomas Sattler. Die Toiletten ebenerdig in den Bereich der im Erdgeschoss gelegenen Schenke unterzubringen, sei ebenfalls nicht realisierbar. "Die Gäste wollen nicht unbedingt neben einer Toilette sitzen", weiß Sattler. Man sei sich des "Problems bewusst", so der Wirt und versuche, die Gäste zu unterstützen. "Wir bemühen uns, diejenigen hoch zu begleiten, die Hilfe brauchen. Bei uns ist jeder willkommen", betont Sattler. Mehr sei jedoch nicht möglich.

Franz Burger, Behindertenbeauftragter der Stadt Freising, zeigt sich skeptisch, wann immer der Denkmalschutz als Bremse für einen barrierefreien Umbau angeführt wird. Es sei durchaus möglich, barrierefreie Lösungen in historischen Bauten zu schaffen, so Burger und verweist auf das Asamgebäude, in dem mithilfe von Rampen eine Möglichkeit zur Barrierefreiheit geschaffen wurde. Diese dürfe nicht unter dem Denkmalschutz leiden. "Barrierefreiheit ist mindestens so wichtig wie Denkmalschutz", erklärt Franz Burger.

Schnelle Lösungen seien für Wirte kaum realisierbar, sagt die Stadt

Fragt man bei der Stadt nach, verweist Pressesprecherin Christl Steinhart auf die Pflicht zum barrierefreien Ausbau, welche nur Neubauten betreffe. "Den Gastronominnen und Gastronomen ist nach unserer Erfahrung ausdrücklich an Barrierearmut beziehungsweise Barrierefreiheit gelegen, wie sie nicht nur Gehbehinderten, sondern auch Familien entgegenkommt", so Steinhart. Schnelle Lösungen seien allerdings kaum realisierbar.

So bleibt für viele Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, nur eines: Das Restaurant zu verlassen und sich zum Marienplatz in Freising zu begeben. Hier stehen immerhin öffentliche Toiletten, die auch barrierefrei sind. Aufgrund der anhaltenden Bauarbeiten kann sich der Weg dorthin allerdings verzögern: Die ohnehin schmalen Wege sind teilweise noch enger geworden, die ausgestellten Waren der umliegenden Geschäfte stehen oft im Weg und behindern die Passanten zusätzlich. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen wird der Gang zur Toilette dadurch zu einer regelrechten Herausforderung, die nicht nur Zeit, sondern auch Nerven kostet und zuweilen die romantische Abendessensstimmung, die man im Restaurant genossen hat, verpuffen lässt.

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