Süddeutsche Zeitung

1300 Jahre Korbinian in Freising:Impulse für ein lebenswertes Freising

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Die Ausstellung "Landschaft - Bild - Wandel" ermöglicht den Vergleich alter Ansichten des Malers Valentin Gappnigg aus der Zeit um 1700 mit dem Ist-Zustand. Daraus ergeben sich erstaunliche Erkenntnisse - selbst Folgen des Klimawandels lassen sich darin ablesen.

Von Petra Schnirch, Freising

Selbst vielen Kunstliebhabern ist der Maler Valentin Gappnigg kein Begriff. Dennoch ist die Wirkung seiner Landschaftsbilder nicht zu unterschätzen - sie verbinden, damals wie heute. Das zeigt eindrucksvoll eine Wanderausstellung im Pop-up-Store des Asamgebäudes, die die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) angestoßen hat und wissenschaftlich begleitet. Aufschlussreich sind die Veduten heutzutage weniger aus kunsthistorischer Sicht, sondern durch ihre detailreiche Wiedergabe. Durch den Vergleich mit der Gegenwart ergeben sich interessante Einblicke in die Entwicklung der Landschaft und sogar auf Folgen des Klimawandels.

Der Pop-up-Store "1300 Jahre Korbinian" am Marienplatz 7 ist der erste Laden im sanierten Erdgeschoss des Asamgebäudes, der schon genutzt werden kann. Bis zum 14. Juli ist dort die interaktive Ausstellung "Landschaft - Bild - Wandel" zu sehen. Natürlich sind dort nicht alle 32 Landschaftsbilder Gappniggs ausgestellt, die er zwischen 1698 und 1702 im Auftrag von Fürstbischof Johann Franz Eckher von Kapfing und Liechteneck anfertigte.

Sie zeigen die Besitzungen des Hochstifts Freising und hängen im Fürstengang am Domberg, allerdings nur in Kopie. Die lichtempfindlichen Originale befinden sich geschützt im Archiv des Diözesanmuseums.

Mindestens ebenso anregend wie ein Blick auf die Gemälde im Fürstengang, die im Übrigen aus Anlass der Landesausstellung bis November ohne Führung zugänglich sind, ist ein Besuch im Pop-up-Store. An Bildschirmen können durch Wischen alte Ansichten und neue Fotos vom gleichen Standort aus unmittelbar verglichen werden. Weiterer besonderer Aspekt der Ausstellung "Landschaft - Bild - Wandel" sind Textilarbeiten der Künstlerin Barbara Standke.

Sie wählte einen überraschenden Ansatz und spannt den Bogen von Gappniggs Motiv "St. Peter am Kammersberg" 2023 noch weiter. Es wandelt sich bei ihr zum "Blick auf Damaskus" aus Textilfragmenten mit der Verwendung traditioneller Stickereien aus Palästina. Im Frühjahr 2023 gestaltete Barbara Standke zudem, inspiriert durch Gappniggs Ansicht "Freising von Osten", gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Dom-Gymnasiums eine Textilcollage, zum Teil aus Kleiderspenden und Stoffresten, die aktuelle Bezüge aus ihrer Lebenswirklichkeit einbrachten.

"Landschaft - Bild - Wandel" ist durch eine Kooperation der HSWT mit den Städten Freising und Waidhofen an der Ybbs in Niederösterreich entstanden und wird als transnationales Leader-Projekt durch die EU gefördert. "Das ist eine gelebte europäische Partnerschaft, die selten ist", sagte Freisings OB Tobias Eschenbacher bei der Vernissage. Dies ist einer der Bögen, die mit der Ausstellung gespannt werden - zu einer der früheren Besitzungen des Hochstifts und der fruchtbaren Zusammenarbeit mit zahlreichen freundschaftlichen Kontakten in der Gegenwart.

Auch die Wissenschaft ist eingebunden, denn Gappniggs Darstellungen bringen aufschlussreiche Erkenntnisse, wie HSWT-Professor Jörg Ewald, Initiator des Projekts, schilderte. An Ansichten aus dem Werdenfelser Land beispielsweise kann abgelesen werden, wie sich die Waldgrenze durch den Klimawandel bereits verschoben hat. An der HSWT sind mehrere Abschlussarbeiten auf der Grundlage der Gappnigg-Bilder entstanden. Karl-Heinz Einberger, bildender Künstler und Dozent an der HSWT, spricht von einer "fast schon trockenen Präzision" des österreichischen Malers. Auch durch die großräumige Verteilung der Motive bis nach Südtirol und Slowenien mache das die Bilder "für eine Auseinandersetzung im Vergleich mit den heutigen Zuständen der Landschaften besonders wertvoll", schreibt er in der Begleitbroschüre zur Ausstellung.

"Jeder, der Freising kennt, wird Anknüpfungspunkte finden", sagte Ewald. Freisings Kulturreferentin Susanne Günther lobte die Ausstellung als einmalig und grenzüberschreitend, sie ermögliche es, zurückzublicken, aber eben auch in die Zukunft zu schauen. Denn das gehört zum Konzept: Das Projekt will nicht nur Landschaft damals und heute vergleichen, sondern einen Ausblick wagen. Den Raubbau, der in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten an der Natur begangen wurde, sehe man durch den Bild-Vergleich mit "unglaublicher Wucht", sagte Günther. Doch dadurch lassen sich auch Ideen ableiten, wie eine lebenswerte Region aussehen soll.

Bei einem ersten Workshop - es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm zur Ausstellung - äußerten die Teilnehmenden ihre Wünsche für Freising, wie einen botanischen Wanderweg, einen Isar-Wildkräutergarten, etwas "Wildnis", mehr Wertschätzung für den Isar-Auwald oder eine offene Moosach vom Domberg bis Neustift. Dies zeigt, wie wichtig den Freisingern und Freisingerinnen eine erlebbare Natur ist. "Lieblingsplätze" seien oft alte, gewachsene Orte, sagte Günther und sie attestierte: "Wir gehen in Freising seit Jahren einen guten Weg." Die Ausstellung könnte weitere Impulse geben.

Informationen zur Ausstellung und zum Programm mit Führungen, Fahrradtour und Workshops gibt es im Internet unter gappnigg.eu.

Ausstellung "Landschaft - Bild - Wandel" im Pop-up-Store, Marienplatz 7, Freitag 10 bis 14 Uhr, Samstag 10 bis 16 Uhr, Sonntag 12 bis 16 Uhr, der Eintritt ist frei, bis 14. Juli.

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