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Auf Dauer sehr belastend:Auf Kante genäht

Die Schuldnerberatung der Caritas Freising betreut jährlich etwa 450 Menschen. Grund für die finanziellen Nöte sind schlechte Bezahlung und hohe Lebenshaltungskosten, aber oft auch unüberlegtes Konsumverhalten

Rund 450 Menschen kommen jährlich zur Freisinger Schuldnerberatungsstelle der Caritas, weil sie nicht mehr mit ihrem Geld auskommen. Jeder Vierte muss letztlich sogar ins private Insolvenzverfahren. "Es gibt viele Haushalte, die leben wirtschaftlich auf Kante genäht. Wenn dann irgendetwas passiert, einer wird arbeitslos, man lässt sich scheiden oder die Miete wird erhöht, dann bricht das Kartenhaus zusammen", sagt Günter Miß, Fachdienstleiter der Sozialen Dienste im Caritas-Zentrum Freising: "Und das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten."

Ursache sind nach Meinung von Miß mehrere Faktoren. Zum einen die gängige Konsumhaltung: "Man ist sehr schnell dabei, gewisse Bedürfnisse zu befriedigen und dafür einen Kredit aufzunehmen. Beispielsweise für einen größeren Fernseher oder ein Auto." Oft werde dafür bis an die finanzielle Grenze gegangen. "Das funktioniert so lange leidlich, bis etwas dazwischen kommt. Ein Verlust des Arbeitsplatzes, eine teure Reparatur." Dann, so Miß, sei man schnell in der Situation, dass Raten nicht bezahlt werden könnten. Im schlimmsten Fall werde sogar ein neuer Kredit aufgenommen, um kurzfristig Schulden abdecken zu können. Man setze auf die "Selbstheilungskräfte", dass alles schon wieder gut werde, verdränge die Situation oder erkenne sie nicht und sei dann schnell in einer Schuldenspirale, die oft mit dem Gang zur Schuldnerberatung ende. In vielen Fällen zu spät. "Die Zahl der überschuldeten Personen ist gewiss höher, als die, die wir beraten, aber mit unserem Personal können wir keine höhere Nachfrage betreuen", sagt der Fachdienstleiter.

Ein zweiter Faktor seien die hohen Lebenshaltungskosten in der Region München. "Viele Haushalte müssen bei uns mit Mindestlöhnen auskommen", sagt Miß. Dass sei bei den hohen Mieten schon schwierig. Er kenne eine Familie, in der beide als Krankenpfleger arbeiten, "einer von beiden aber nur für die Miete". Aber auch die Altersarmut rücke bei der Schuldnerberatung eine immer mehr in den Fokus. "Momentan spielt sie bei uns noch nicht die ganz große Rolle, aber wir sind da erst am Fuße des Berges. Das Thema wird mit dem Absinken des Rentenniveaus erst richtig drängend werden", befürchtet Miß. Viele würde der Weg dann zum Sozialamt führen, um die Grundsicherung im Alter zu beantragen, obwohl sie vielleicht ein Leben lang gearbeitet haben.

Dass Schulden nicht nur ein wirtschaftliches Problem sind, sondern auch oft gesundheitliche Auswirkungen haben können, beweist die Studie "Armut, Schulden und Gesundheit" der Universität Mainz. Sie zeigt, dass überschuldete Menschen im Vergleich zu anderen ein höheres Risiko haben zu erkranken. Krankheiten wiederum könnten auch Ursache von Überschuldung sein. "Viele Menschen sparen dann bei den Lebensmitteln, um von den Schulden herunter zu kommen. Das kann zu Mangelerscheinungen führen, das Immunsystem leidet und man wird schneller krank", sagt Miß. Dazu komme der permanente Druck, der Stress wegen der Schulden. Die Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen des Diözesan-Caritasverbands, darunter Freising, beteiligen sich deshalb auch noch bis Freitag, 10. Juni, an einer bundesweiten Aktionswoche mit dem Thema "Schulden machen KRANKheit macht Schulden".

Für jeden vierten Überschuldeten, der zur Schuldnerberatung in Freising kommt, bleibt nach Auskunft von Miß letztlich nur der Weg in die Privatinsolvenz. Sechs Jahre lang müssen die Betroffenen sich dann, egal wie viel sie verdienen, mit dem Existenzminimum begnügen, ehe ihre Schulden gestrichen werden.

Mehr Informationen zum Thema Überschuldung und der Aktionswoche sind unter www.aktionswoche-schuldnerberatung.de erhältlich. Ansprechpartner ist Fachdienstleiter Günter Miß, Caritas-Zentrum Freising, Bahnhofstraße 20, 0 81 61/5 38 79-10. E-Mail: guenter.miss@caritasmuenchen.de.