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Arbeitsmarkt:Besonders stark betroffen

Weil im Landkreis vor der Krise praktisch Vollbeschäftigung herrschte, wirkt sich die Pandemie besonders drastisch aus

Von Petra Schnirch, Freising

Die Zahl der Arbeitslosen ist in diesem Jahr deutlich gestiegen, der Grund dafür ist natürlich in erster Linie die Corona-Krise. Diese Entwicklung wird sich nach Einschätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) 2021 fortsetzen: im Arbeitsagenturbezirk Freising, zu dem auch die Landkreise Dachau, Ebersberg und Erding gehören, sogar ausgeprägter als in anderen Regionen in Oberbayern.

In seiner Herbstprognose geht das Institut für 2020 bis zum Jahresende von insgesamt etwa 9900 Erwerbslosen im Agenturbezirk Freising aus. Im Vergleich zum Vorjahr sind das 3100 mehr, ein Plus von 45,6 Prozent. Für das kommende Jahr prognostizieren die Experten einen weiteren Zuwachs um 1100 Arbeitssuchende in der Region auf etwa 11 000, das wäre ein Anstieg um 11,1 Prozent - und etwa ein Viertel des vorausgesagten Zuwachses für ganz Oberbayern.

"Wir erleben derzeit einen seit über zehn Jahren nicht mehr gesehenen Anstieg der Arbeitslosigkeit", sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW). Bei einer noch schlechteren wirtschaftlichen Entwicklung, im Negativszenario der IAB-Prognose, würde die Arbeitslosigkeit in Freising 2021 nach seinen Worten sogar noch deutlich stärker um 18,2 Prozent beziehungsweise 1800 Personen steigen. "Das bereitet uns Sorge - und noch ist das weitere Pandemie-Geschehen völlig offen. Der derzeitige teilweise Lockdown ist in den Zahlen noch nicht abgebildet", kommentiert Brossardt.

Dass Freising besonders betroffen sein dürfte, sei vor allem auf die schwierige Lage in der Luftfahrt zurückzuführen. Auf den Flughafen, die Fluggesellschaften, den Non-Aviation-Bereich und die Zulieferer wirke sich die Krise sehr stark aus. Hinzu komme, dass der Arbeitsagenturbezirk Freising Teil des starken Automobilclusters um Ingolstadt und den Münchner Norden sei. Dieser Industriezweig habe ebenfalls besonders unter der aktuellen Situation zu leiden. "Wir haben einen signifikanten Einbruch der Pkw-Verkaufszahlen", sagt Bertram Brossardt, "mit einem entsprechenden Dominoeffekt auf die Automobilzulieferindustrie und auch auf andere Branchen". Außerdem gibt er zu bedenken, dass in Freising praktisch Vollbeschäftigung geherrscht habe - die Arbeitslosigkeit steige also von einem extrem niedrigen Niveau aus an. "Da wirkt sich eine Krise wie die derzeitige Corona-Pandemie besonders drastisch aus."

Sehr anschaulich zeigt dies ein Blick auf die Entwicklung der Arbeitslosenquote. Im Oktober 2020 lag diese im Landkreis Freising bei 3,0 Prozent - ähnlich hoch war sie um diese Jahreszeit mit 3,2 Prozent zuletzt im Jahr 2009, mitten in der Finanzkrise. Nach einem Anstieg bis auf 4,0 Prozent im Februar 2010 - da kam dann noch die übliche Winterarbeitslosigkeit in den Außenberufen dazu, ging es auf dem Arbeitsmarkt wieder aufwärts und die Quote fiel entsprechend, wie die Zahlen der Arbeitsagentur zeigen. Im Oktober 2019 waren es nur noch 1,9 Prozent. In den vergangenen neun Jahren pendelte sie sich im Jahresdurchschnitt zwischen 2,0 und 2,5 Prozent ein.

Die Möglichkeit, Kurzarbeit auf maximal 24 Monate - vor der Pandemie waren es zwölf Monate - zu erweitern, dürfte im kommenden Jahr weiter zur Beruhigung am Arbeitsmarkt beitragen. Allerdings ist unklar, wie es bei den beiden großen Arbeitgebern am Airport, der Flughafengesellschaft und der Lufthansa, weitergeht. Beide Unternehmen planen einen Personalabbau.

Trotz der angespannten Lage gibt es aber auch positive Meldungen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten wird laut Prognose in diesem Jahr trotz der steigenden Arbeitslosigkeit um 300 auf 217 100 zulegen, für kommendes Jahr rechnet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sogar mit einem Zuwachs um 3600 auf dann 220 700 Beschäftigte. Das mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen. Doch "zusätzliche Arbeitslosigkeit und Aufbau von Beschäftigung schließen sich nicht aus", wie Brossardt erklärt. "Die Prognose geht von einem Abflauen der Krise und einem gewissen Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt aus. Der Bedarf an gut qualifizierten Beschäftigten wird nach diesem Szenario daher wieder wachsen." Bei den Arbeitslosenzahlen aber werde man frühestens 2022 wieder das "Vorkrisenniveau" erreichen.

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft beobachtet neben den Auswirkungen der Pandemie aber auch den "industriellen Strukturwandel sowie wachsende außenwirtschaftliche Risiken mit Sorge", wie es in einer Mitteilung heißt. Dazu kämen "innenpolitische Fehlanreize", die die Wirtschaft belasteten, wie hohe Arbeits- und stetig steigende Strom- und Energiekosten.

© SZ vom 21.11.2020

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