Angst vor einem Umzug "Vermieter möchten oft keine Flüchtlinge"

Nicht das Landratsamt, sondern der Vermieter will den Mietvertrag für die Flüchtlingsunterkunft am Söldnermoos nicht verlängern. Die Bewohner werden auf andere Heime verlegt, wenn sie nicht selbst etwas finden.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Schließung der Asylunterkunft am Söldnermoos im Januar kommenden Jahres verunsichert die 70 Bewohner. Viele sind dabei, sich in Hallbergmoos zu integrieren.

Von Aladdin Almasri und Clara Lipkowski, Hallbergmoos

Die Augen der jungen Menschen sehen rastlos aus, ratlos und fragend. Sie sind Bewohner der Asylunterkunft im Söldnermoos und wissen: Schon Anfang Januar 2018 müssen alle raus. Ihre Unterkunft wird geschlossen.

70 Menschen leben dort zurzeit, eine Familie, alleinerziehende Frauen, ansonsten alleinstehende Männer, mitten im Gewerbegebiet, gerade einmal eineinhalb Kilometer vom Münchner Flughafen entfernt. Eltern leben mit ihren Kindern im ersten Stock, die beiden anderen Etagen sind für die jungen Männer vorgesehen. Drei waren bereit zu einem Gespräch. Wird in den kommenden Monaten das Haus geschlossen, müssen sie eine neue Bleibe haben. Hallbergmooser Asylhelfer haben bereits über die Zeitung ein Hilfegesuch veröffentlicht, die Familie, die in dem Haus lebt, bräuchte dringend eine Bleibe in Hallbergmoos, weil die Kinder hier schon die Schule und den Kindergarten besuchen.

Viele der Bewohner haben angefangen sich in Hallbergmoos zu integrieren, einige sind im Sportverein oder arbeiten in der Nähe

Das Haus schließt, weil der Mietvertrag zwischen Eigentümer und Landratsamt endet. Eine Verlängerung sei nicht vorgesehen, heißt es aus dem Amt. Viele der Bewohner machen hier einen Deutschkurs, einige sind im Sportverein oder arbeiten in der Nähe. Sie haben ihre Nachbarn kennengelernt, den Ort, haben angefangen, sich zu integrieren. Als es zum Gespräch mit den Bewohnern kommt, entschuldigen sich zwei im Voraus, sie sagten sie wollen keinen Ärger mit dem Landratsamt. Die Menschen, die aus einem repressiven System geflohen sind und nach Deutschland kamen, in das Land der Freiheiten, haben jetzt Angst, ihre Meinung zu sagen.

Während Zakaria Azaizh spricht, rollt er sich eine Zigarette. Der 30-Jährige hebt langsam den Kopf und sagt: "Ja, die Unterkunft ist gut und Bus und Bahn sind in der Nähe. Ich habe angefangen, mich zu akklimatisieren. Aber wenn ich woanders untergebracht werde, macht das alles kompliziert." Azaizh hat bereits in einem Container gelebt und fürchtet sich davor, wieder in einen ziehen zu müssen. Er habe bereits ein paar Menschen kennengelernt, schon das sei schwierig gewesen, jetzt müsse er wieder von vorne anfangen.

Unter den Bewohnern kursieren viele Gerüchte. Manche denken, sie seien verpflichtet, sich selbst eine Wohnung zu suchen. Andere wissen, dass sie eine andere Unterkunft über das Landratsamt bekommen, fürchten aber, dass dort gar nicht oder nur einmal am Tag ein Bus fährt. Ganz unbegründet sind diese Ängste nicht. Fragt man beim Landratsamt nach, heißt es: "Das Landratsamt verteilt alle Personen in andere dezentrale Unterkünfte im Landkreis, niemand wird obdachlos." Und: Die Verteilung werde mit der zuständigen Sozialarbeiterin abgestimmt. Aber wohin wird verteilt? Alle dezentralen Unterkünfte im Landkreis würden in Erwägung gezogen, heißt es. Also auch solche, die viel abgelegener als das Söldnermoos sind.

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Der syrische Journalist Aladdin Almasri arbeitet bei der SZ Freising mit: über das Projekt "Newscomer" für geflüchtete Journalisten.

Der öffentliche Nahverkehr ist ein Problem, das viele hier sehen. Farid Jamal (Name geändert), 20, spricht schon fast fließend Deutsch, hat aber auch noch keine eigene Wohnung gefunden. Eine Arbeit hingegen schon. "Manchmal arbeite ich in Nachtschichten", sagt er, "und wenn ich in eine Gegend ziehen muss, wo nach sechs Uhr am Abend kein Bus mehr fährt, habe ich ein echtes Problem." Als er los muss zur Arbeit, sagt er noch: "Ich bin froh, dass sich die Helfer so sehr um uns kümmern."

"Wir dachten, das komme vom Landratsamt, aber letztlich will der Vermieter daraus wohl etwas anderes machen"

Dyari Gharieb, 27, aus dem Irak fühlt sich unwohl im Haus. "Wir sind hier wie eine Rinderherde." Das Leben sei wie in einer Viehscheune. "Der Bauer kontrolliert seinen Besitz, ohne auf das Vieh zu achten. Wir haben keine Rechte zu sagen, wie wir das finden." Und dann bricht seine Stimme. Es fehle ihm, als ganz normaler Mensch wahrgenommen zu werden. "Aber ich war zufrieden. Wird das Haus geschlossen, bringt das alles durcheinander." Im Irak hat Gharieb als Dolmetscher für Kurdisch und Englisch gearbeitet, in Hallbergmoos lernt er zurzeit Deutsch. Er wollte zur Universität gehen und seine Ausbildung zum Dolmetscher abschließen, denn, so sagt er, wenn er gut ausgebildet ist, sei er nützlicher für die Gesellschaft, wirtschaftlich und sozial.

Die neue Situation am Söldnermoos hat Birgit Funk, eine der sechs Ehrenamtlichen, aufgeschreckt: "Wir waren erst einmal geschockt", sagt sie, "wir dachten, das komme vom Landratsamt, aber letztlich will der Vermieter daraus wohl etwas anderes machen." Und das, obwohl die Polizei Neufahrn stets zufrieden gewesen sei mit dem Haus, dort sei es weit und breit am ruhigsten, hieß es.

Funk versucht nun, Wohnungen zu vermitteln, vor allem für die Familien unter den Bewohnern. "Vermieter möchten aber oft keine Flüchtlinge", berichtet sie. Das Misstrauen ist groß. "Ich gebe aber nicht auf, es gibt sicher auch woanders Leute, die wie wir denken." Auch eine Sozialarbeiterin der Diakonie Freising, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, sorgt sich vor allem um die Kinder: Sie hätten schon genug gelitten, nun seien sie angekommen, gingen zur Schule, freundeten sich mit Gleichaltrigen an - und würden wieder auseinandergerissen.

Darin sind sich viele Bewohner sicher: Wenn sie umziehen, müssen sie in vielem von vorne anfangen. Ihrer Integration könnte das empfindlich schaden. Einzig Dyari Gharieb, der Dolmetscher, blickt nicht mehr so bang in die Zukunft: Kurz nach dem Gespräch hat er ein Zimmer in einer WG in München gefunden.