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Altersarmut im Landkreis Freising:Hunger und Scham

Alte Hände mit Teetasse und Brotscheibe, 2010

Armut im Alter ist auch im wohlhabenden Landkreis Freising ein großes Thema. DieScham der Betroffenen ist groß.

(Foto: Catherina Hess)

Immer mehr alte Menschen sind im Landkreis Freising darauf angewiesen, sich an den Tafeln mit Lebensmitteln zu versorgen. Das Schicksal trifft vor allem Frauen, die zwar gearbeitet, aber nie etwas in die Rentenkasse gezahlt haben

Von Gudrun Regelein, Landkreis

Armut im Alter ist auch im wohlhabenden Landkreis Freising ein großes Thema. Die Scham bei den Betroffenen ist sehr groß, aber ihre Not noch größer: Immer mehr alte Menschen sind darauf angewiesen, sich bei den Tafeln mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs zu versorgen. In Hallbergmoos beispielsweise sind bereits mehr als ein Drittel der wöchentlich bis zu 280 Kunden Senioren, fast ausschließlich sind es Frauen, berichtet Leiterin Tanja Voges. "Und in diesem Alter bedeutet einmal Tafel immer Tafel", sagt die Tafelleiterin, denn an deren Situation verändere sich nur noch selten etwas.

Voges kennt viele der Besucher persönlich, von vielen hat sie die Lebensgeschichte erfahren. Bei den Rentnerinnen ähnelt sie sich zumeist in einem Punkt: Alle haben zwar ihr Leben lang gearbeitet, aber nur ganz selten gingen sie einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Im Alter mache sich das dann bemerkbar, die Rente fehlt, oder ist nur sehr gering.

Voges erzählt exemplarisch die Geschichte einer 76-jährigen Tafelbesucherin: Die Frau arbeitete viele Jahre in Norddeutschland im Unternehmen ihres Mannes mit, erledigte die gesamte Buchhaltung. Beiträge an die Rentenkasse zahlte sie all diese Jahre aber nicht. Später zog das Ehepaar dann nach Hallbergmoos, in die Nähe der Tochter. Der Mann nahm hier einen Nebenjob an, die Frau kümmerte sich um das Enkelkind. Dann ging die Tochter mit ihrer Familie ins Ausland, bald danach starb der Mann - und die Frau stand finanziell auf einmal vor dem Nichts. "Sie hatte kaum mehr das notwendige Geld zum Überleben", schildert Voges. Um über die Runden zu kommen, musste sich die alte Dame überwinden und die Tafel besuchen, aber auch dort nimmt sie sich nur das Allernötigste. "Sie hat mir gesagt, dass sie niemals gedacht habe, einmal auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Das fällt ihr sehr schwer, sie schämt sich ohne Ende." In der Generation der alten Dame sei es für Frauen noch selbstverständlich gewesen, sich um den Haushalt, die Kinder zu kümmern und nebenbei zu arbeiten, beispielsweise auf dem eigenen Bauernhof oder als Putzfrau - an die eigene Altersvorsorge aber wurde nur selten gedacht, erklärt Voges. Das sei nun, im Rentenalter, das großes Problem dieser Frauen.

Bei der Tafel in Freising sind zwar nur etwa zehn Prozent der Kunden Rentner. Tafel-Vorsitzender Eberhard Graßmann vermutet aber, dass es noch viel mehr bedürftige alte Menschen im Landkreis gibt. Die aber würden sich für ihre Armut schämen - oder irgendwie versuchen, mit ihrem wenigen Geld auszukommen, sagt er. Tatsächlich sei diese Generation das Sparen gewohnt, bestätigt Susanne Noller von der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit (Kasa) im Diakonischen Werk Freising. Häufig würde versucht, alleine zurecht zu kommen: "Das ist eine Generation, die lange braucht, bis sie sich Hilfe holt oder eine Unterstützung zulässt", sagt Noller. In ihren Beratungsgesprächen kläre sie, ob beispielsweise die Grundsicherung im Alter beantragt werden könne, oder ob eine Befreiung von den GEZ-Gebühren möglich sei. "Das sind zwar nur kleine Beträge. Aber für die Betroffenen - häufig Frauen - sind auch schon zehn oder zwanzig Euro weniger eine große Erleichterung."

Noller vermutet, dass viele bedürftige alte Menschen den Schritt in die Beratung aber erst gar nicht machen, "die Scham ist einfach sehr groß". Senioren kämen auch in die Soziale Beratung der Caritas Freising erst zu einem sehr späten Zeitpunkt, bestätigt Leiter Günter Miß. Aber deren Zahl steige. Zunehmend mehr über 60-Jährige erwartet sich Miß noch einmal für die kommenden Jahre, denn viele Beschäftigte im Landkreis seien im Niedriglohnsektor tätig, viele Menschen hätten Brüche in ihrem Erwerbsleben.

Altersarmut sei bei der Arbeiterwohlfahrt in Freising "natürlich ein Thema", sagt Vorsitzende Heidi Kammler. "Das ist ein großes Problem, gerade bei Frauen, die mit einer nur sehr geringen Witwenrente auskommen müssen." Das seien Frauen, die von weniger als 700 Euro im Monat lebten. Viele dieser Frauen versuchten, aus Scham ihre Situation zu verbergen. "Da muss man schon genau hinschauen und zuhören, um das zu bemerken", sagt Kammler.

© SZ vom 16.04.2015
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