Neustart mit 58 Jahren:"Man kann auf die Menschen zugehen"

Neustart mit 58 Jahren: Mit einem Alter von 58 Jahren ist Martin Krampfl, beschäftigt bei der Neufahrner Sozialstation, ein Quereinsteiger in den Pflegeberuf.

Mit einem Alter von 58 Jahren ist Martin Krampfl, beschäftigt bei der Neufahrner Sozialstation, ein Quereinsteiger in den Pflegeberuf.

(Foto: Marco Einfeldt)

Martin Krampfl hat mit über 50 seine Ausbildung als Altenpfleger abgeschlossen und arbeitet in der Neufahrner Sozialstation. Über einen ungewöhnlichen Werdegang.

Von Thilo Schröder, Neufahrn

Martin Krampfl übt seinen Beruf mit viel Hingabe aus. Das merkt man an der zuvorkommenden, freundlichen Art, wie er einer Patientin in der Neufahrner Sozialstation den Verband am rechten Unterschenkel wechselt. Er scherzt mit ihr, schaut sie dabei an, während jeder Handgriff sitzt. Krampfl ist seit dem 29. Juli Altenpfleger und hat die Ausbildung mit der Note 1 abgeschlossen. Noch bemerkenswerter ist allerdings sein Werdegang. Denn Krampfl ist 58 Jahre alt, ein Quereinsteiger. Und er war vorher in einem Berufsfeld tätig, von dem man diesen Wechsel nicht unbedingt erwarten würde.

Aufgewachsen ist Martin Krampfl in einer Arbeiterfamilie, wie er bei einem Pressegespräch sagt, in einer "strukturschwachen Gegend" in Bayerns östlichstem Landkreis Freyung-Grafenau. Als er elf Jahre alt war, zog seine Familie in den Münchner Stadtteil Neuperlach. Schwierig sei diese Umstellung gewesen, erinnert der 58-Jährige sich. "Ich habe mich durchgebissen." Nach dem Willen seines Vaters wechselte er von der Hauptschule aufs Gymnasium. Schon damals habe er angeeckt, sei ein "Querkopf" gewesen.

Er beginnt, an seiner Karriere zu zweifeln

Nach dem Wehrdienst in den Achtzigerjahren studierte Krampfl Handels- und Betriebswirtschaft, schon dort mit einem Einser-Schnitt. Er ging in die Industrie, arbeitete sich hoch. Später war Krampfl zehn bis zwölf Jahre für Großkonzerne im Strategiebereich tätig, zuletzt als Finanzvorstand beim japanischen Brillenhersteller Charmant. Doch dann habe er angefangen, an seiner Karriere zu zweifeln, sagt er. "Zu schmutzige Regeln" herrschten ihm im Big Business. "Da läuft ein Finanzkrieg ab: Wie bescheiße ich das Finanzamt? Wie hinterziehe ich Steuern? Ich habe übelste Leute in Nadelstreifenanzug und feinste Leute in Lumpen kennengelernt."

Ende 2006 machte Krampfl sich selbständig als Unternehmensberater und Immobilienmakler. Als 2014 der Immobilienmarkt langsam zusammengebrochen sei, habe er sich erneut umgeschaut und erkannt, "dass mir die Arbeit am Menschen wahnsinnig viel gibt". Seit 20 Jahren engagiert sich der praktizierende Hindu, wie er sich nennt, in der Entwicklungshilfe, insbesondere in Indien. Als Selbständiger habe er bereits Fahrdienste für die Lebenshilfe übernommen.

Zunächst als ungelernter Pflegehelfer tätig

Über dortige Kontakte bekam er 2015 eine Anstellung als - damals ungelernter - Pflegehelfer in der Tagespflege. Nach einem halben Jahr wechselte er ins Pichlmayr Seniorenzentrum in Garching, ein privates Pflegeheim. Wenig Personal habe es dort gegeben, sagt Krampfl. Er wechselte erneut, in die Ambulante Pflege ins Heiliggeistspital nach Freising. Fast alle Arbeiten habe er übernommen, die ohne Ausbildung möglich seien. Doch auch hier hätten Fachkräfte gekündigt und man habe ihn gefragt, ob er nicht Pfleger werden wolle.

So kam es, dass Martin Krampfl schließlich eine duale Ausbildung als Altenpfleger an der Schwesternpflegeschule des BRK in Erding aufnahm. Der "Klassenopa" sei er dort gewesen, sagt Krampfl und lacht. Weil die Arbeitsumstände in Freising aber "immer schlimmer geworden" seien, wechselte er im April 2020 die Praxis-Stelle und landete in der Neufahrner Sozialstation. Dort hat er mit dem Abschluss nun einen Vertrag bekommen mit Beginn zum 1. September.

Oft die einzigen Ansprechpartner

Die Arbeit mit den Patienten hier sei "unterschiedlich, aber angenehmer, man hat Zeit und kann sich auch unterhalten, auf die Menschen zugehen". Auch hier gebe es Zeitvorgaben für bestimmte Tätigkeiten, räumt der stellvertretende Leiter der Ambulanten Pflege, Mathias Streit, ein. Aber die sehe man nicht so eng. "Als Verein sind wir auch nicht gezwungen, einen Gewinn zu erwirtschaften", ergänzt Vereinsvorsitzender Helmut Hinterberger.

Ambulante Pfleger seien für ihre Patienten oft die einzigen Ansprechpartner. Krampfl nennt als Beispiel eine suizidgefährdete alleinstehende Patientin. "Da hab ich mir viel Zeit genommen für Aufbauarbeit." Bezahlt bekommt die Sozialstation solches Engagement über das vereinbarte Maß hinaus nicht. Spenden seien darum eine Grundvoraussetzung für die Arbeit von Menschen wie Martin Krampfl, sagt Neufahrns Sozialreferentin Beate Frommhold-Buhl (SPD). "Weil das Gesundheitssystem darauf nicht ausgelegt ist", schiebt Streit hinterher.

Viele sind erschöpft, überlastet

Von manchen aus seinem Ausbildungsjahrgang weiß Krampfl, dass sie nach dem Abschluss ausgestiegen sind: zu erschöpft, zu überlastet. Verstärkte Ausfälle beim Personal hätten auch mit der Corona-Pandemie zu tun, räumt Streit ein. Eine Azubi-Kollegin in einer Klinik habe sich zwei Mal Corona eingefangen, zuletzt die Delta-Variante, sagt Krampfl.

Dass auch Menschen wie Martin Krampfl in der Altenpflege ihre Bestimmung finden, kann für die Pflegebranche ein Hoffnungsschimmer sein, angesichts des "sehr großen Fachkräftemangels", wie Hinterberger betont. Theoretisch wird Krampfl seinen Beruf bis zum 67. Geburtstag ausüben, also noch neun Jahre lang. Oder, wie er es ausdrückt: "Ich mach das, solange es körperlich geht." Nach seinen diversen Stationen ist für ihn klar, wo er selbst mal gepflegt werden möchte, sollte er darauf angewiesen sein: "nur daheim".

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