Seit 85 Jahren gibt es in Freising die Adler-Apotheke an der Oberen Hauptstraße 62. Josef Müller führt den Familienbetrieb in dritter Generation, doch jetzt hat er den Entschluss gefasst, die Apotheke zum 31. Dezember zu schließen. Schon seit längerem forderten bürokratische Tätigkeiten immer mehr Zeit und Kraft, sagt der 56-Jährige. Er will sich nicht länger mit immer neuen Verordnungen und Formularen herumschlagen, sondern wieder ausreichend Zeit haben für die Beratung der Kundschaft. Er hat einen Weg gefunden. Ab Februar verstärkt er als angestellter Apotheker das Team der Marien-Apotheke.
Eines will Josef Müller vorweg klarstellen: Es schließe die Apotheke nicht aus finanziellen Gründen - auch wenn in den vergangenen Jahren "Gesundheitspolitiker jeglicher Couleur die Apotheken in ihrem wirtschaftlichen Ergebnis eingeschränkt haben", zuletzt wieder mit der Erhöhung des Rabatts, den sie den Krankenkassen gewähren müssen. Dass er jetzt den Familienbetrieb zehn Jahre früher aufgibt als geplant, habe vor allem diesen Grund: "Die bürokratischen Anforderungen haben eine toxische Überdosis erreicht."

Im Gespräch zählt er zahlreiche Beispiele von administrativen Tätigkeiten auf, deren Sinn und Umfang er immer weniger verstehe. Beispiel Nummer eins: die sogenannte Präqualifizierung, ein Zertifikat, das alle fünf Jahre erworben werden muss, um bestimmte zusätzliche Hilfsmittel an Kundschaft abgeben zu können, etwa die Kanüle für einen Diabetiker-Pen. Dazu müsse er eine Betriebserlaubnis nachweisen unter anderem mit Grundbuchauszug und Grundriss der Apotheke samt Fotos.
Oder die Betriebshaftpflicht. Hier habe er jahrelang Formulare ausfüllen müssen, in denen gefragt wurde, wie viele Gabelstapler er besitze, die schneller als 25 Stundenkilometer fahren. Oder wie viele "Pferde inklusive Ponys" er sein Eigen nenne. "Aber was soll man machen, sonst gefährdet man ja seine Lizenz".
Immer neue Bestimmungen und Verordnungen - "eine 60 Stunden Woche reicht da nicht mehr"
Immer neue Bestimmungen, verschärfte Verordnungen, die unterschiedlichen Konditionen der verschiedenen Krankenkassen - das alles muss gelesen, beachtet, dokumentiert werden. "Eine 60 Stunden Woche reicht da nicht mehr, um den ganzen bürokratischen Tätigkeiten hinterher zu kommen", sagt Josef Müller. Das halte auf Dauer niemand aus. "Allen Kollegen in der Branche geht es so."
In den nächsten Jahren werden noch einige Apotheken schließen, davon ist er überzeugt. Drei sind bereits verschwunden: 2017 schloss die St.-Korbinian-Apotheke, 2019 die Isar-Apotheke und dieses Jahr die Stadt-Apotheke. Damit liegt die Große Kreisstadt im Trend. Laut Bayerischem Apothekerverband geht die Zahl der Apotheken weiter zurück. Ende 2021 lag sie im Freistaat bei 2967. Das ist der niedrigste Wert seit 1983. Von seinen Kindern, das steht schon länger fest, wird keines die Apotheke übernehmen. "Ich würde sie auch keinem meiner Kinder geben, das trägt nicht noch eine Generation", sagt Josef Müller.
Jetzt kann er sich wieder auf die Beratung konzentrieren - mit geregelten Arbeitszeiten
Die Zeit, die die Bürokratie von ihm fordere, fehle ihm für die Beratung, das habe ihn zunehmend gestört. Gerade der persönliche Kontakt habe ihm immer Freude bereitet, "das war auch der Grund, warum ich vor 30 Jahren den Beruf ergriffen habe". Eine Apotheke sei schließlich eine "Anlaufstation für Menschen in Not, in Sorge". Den Abschied von der Selbständigkeit empfinde er deswegen aktuell als erleichternd. Er freue sich, dass er sich von Februar an in der Marien-Apotheke wieder auf die Beratungsfunktion konzentrieren kann - mit geregelten Arbeits- und Urlaubszeiten. Nahezu alle seiner Stammkunden zeigten Verständnis, ja Anerkennung für die Entscheidung. Als Ansprechpartner werde er für sie weiter da sein, nur eben dann 200 Meter weiter Moosach-abwärts.
Bleibt die Frage, was mit dem Haus der Familie Müller an der Hauptstraße 62 passiert. Es ist ein besonderes Gebäude, ein Stück Freisinger Stadtgeschichte, wohl 1403 erstmals erwähnt. Dort lebte von 1582 bis 1595 der kurfürstliche Kapellmeister Anton Goswin, ein Schüler des berühmten Komponisten Orlando di Lasso. Am 12. Mai 1937 eröffnete Großvater Josef Müller die Apotheke, damals war es die dritte in Freising, neben Hof- und Marienapotheke. Den Bombenangriff im April 1945 überlebte das Haus, nur ein Schaufenster ging damals zu Bruch.
Was wird aus dem geschichtsträchtigen Gebäude? Das weiß er auch noch nicht
Am 1. April 1963 übernahm Fritz Müller. Er beauftragte den Freisinger Künstler Karl Huber mit den Schwarz-Weiß-Zeichnungen für den Verkaufsraum. Sie zeigen neben mehreren Heilpflanzen auch frühes Apothekerhandwerk, so ist auf einem Bild ein Mann mit mehreren Schlangen zugange. Karl Huber hat unter anderem auch den Bärenbrunnen in Freising gestaltet - sowie den Adler, das Geländer und die Wetterfahne der Adler-Apotheke. Kein Wunder, dass der bekannte bayerische Autor und Regisseur Georg Lohmeier auf die Apotheke aufmerksam wurde. Er hat hier vor einigen Jahren einen Film gedreht.
Sehenswert ist der Verkaufsraum mit dem wandhohen Regal mit unzähligen kleinen und großen braunen Standgefäßen. Eine weitere Besonderheit ist das Labor der Adler-Apotheke, das sich in einem Gewölbe befindet. Dort wachen Cosmas und Damian, die Schutzpatrone der Apotheker, auch sie stammen aus der Hand von Karl Huber.
Was wird jetzt aus dem Gebäude? Josef Müller weiß es selbst noch nicht. Er will sich jetzt erst einmal auf seine neue Arbeitsstelle konzentrieren und dann in aller Ruhe überlegen, was in der Adler-Apotheke einziehen könnte, "raumverträglich und zum Stadtbild passend".
