Süddeutsche Zeitung

87 unbesetzte Stellen:Landkreis sucht dringend Lastwagenfahrer

Auch im Landkreis klagt die Logistik-Branche, dass es zu wenig Lastwagenfahrer gibt. Für den anstrengenden Beruf finden sich immer weniger Bewerber.

Schlechte Bezahlung, Arbeit unter Zeitdruck und dazu Verantwortung für 40 Tonnen Ladung - das Image des Berufskraftfahrers hat in den vergangenen Jahren stark gelitten. Laut dem Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) und dem Bundesverband Güterverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) fehlen in der Logistikbranche darum mittlerweile deutschlandweit rund 45 000 bis 60 000 Lastkraftwagenfahrer. Zunehmende Onlinebestellungen verstärken die Engpässe. BGL-Vorstandssprecher Dirk Engelhardt spricht laut dpa sogar von einem bevorstehenden "Versorgungskollaps".

Diese Entwicklung spüren auch die Spediteure im Freisinger Landkreis. Im Mai 2019 wurden der Agentur für Arbeit Freising 87 unbesetzte Stellen in der Berufskraftfahrer-Branche gemeldet. In den Nachbarlandkreisen liege diese Zahl bei rund 30 unbesetzten Stellen, was allerdings damit zusammenhänge, dass die Lager- und Logistikindustrie in Freising stark vertreten sei, so Kathrin Stemberger von der Agentur für Arbeit. Die Spedition Kochtrans in Neufahrn nimmt diesen Negativtrend stark wahr. Früher habe man auf viele junge Leute zurückgreifen können, die bei der Bundeswehr einen Lkw-Führerschein gemacht hätten, erklärt Speditionsleiter Heinz Wirler. Der Führerschein koste heutzutage mindestens 3000 Euro, was viele Leute vom Beruf abhalte. Vor allem Quereinsteiger finde man schlechter. Neben dem kostspieligen Führerschein, so Wirler, sei außerdem eine intensive Gefahrenschulung nötig. Darüber hinaus sei der Beruf des Lastwagenfahrers kein leichter. Kathrin Stemberger von der Agentur für Arbeit erklärt, dass die Fahrer extrem stressresistent und belastbar sein müssten. Auch Wirler teilt diese Meinung. Vor allem der Nahverkehr in der Stadt sei anstrengend: "Ehrlich gesagt, würde ich das auch nicht mehr machen. Die Straßen sind eng und die Auslieferungen werden durch den Online-Versand immer mehr", gibt Wirler zu.

Das größte Problem laut Wirler: Der zunehmende Online-Handel

Als größtes Problem sieht er die Zunahme des Online-Handels. Während die Anzahl der Azubis bei den Lastwagen-Fahrern immer weiter abnehme, boome der Versand. Ein bestelltes T-Shirt von einem Anbieter aus Hamburg durchlaufe insgesamt vier Lastwagen-Stationen, bis es beim Endkonsumenten im Freisinger Landkreis lande, erläutert Wirler: die Abholung beim Versender, mindestens zwei Zwischenstationen im Stafetten-Fernverkehr und die letztendliche Auslieferung mit einem kleineren Zwölf-Tonnen-Transporter in der Stadt. Falls das T-Shirt dann doch nicht passe, könne man das ja ganz einfach und vor allem kostenlos zurückschicken, so Wirler. Weiter erklärt er, dass ein 40-Tonner 25 bis 30 Liter auf 100 Kilometer verbrauche - auch das müsse man beachten. "Es ist schön, dass sich junge Leute engagieren und für den Klimaschutz auf die Straße gehen. Aber solange man jederzeit von überall einfach alles günstig bestellt und nicht an die Folgen denkt, bringt das nichts. Man darf nicht nur an sich selber und die zehn Euro denken, die man bei der Online-Bestellung spart, sondern auch daran, wie und unter welchen Bedingungen das Parket zu einem kommt", mahnt Wirler.

Um einem Kollaps in der Logistik-Branche entgegen zu wirken, sollen nun mehr Frauen rekrutiert werden. Laut BGL liegt der Frauenanteil bei den Fahrern derzeit bei 1,7 Prozent. Obwohl man als Berufskraftfahrer häufig mehrere Tage von der Familie getrennt sei, sei weibliche Unterstützung in der Lastwagen-Branche wünschenswert, so Wirler. Je nach Lebenslage könne man sich mit dem Chef absprechen, wie und wann man zur Verfügung stehe und welche Strecken am passendsten sei. "Außerdem können Frauen das Fahrzeug natürlich genauso gut fahren, wie Männer. Die körperlich schweren Arbeiten, wie das End- und Beladen, werden heutzutage durch Technik so erleichtert, dass kein großer Kraftaufwand bei notwendig ist", erklärt der Speditionsleiter. Kathrin Stemberger glaubt zwar, dass sich viele technikaffine Frauen in diesem Beruf wiederfinden könnten, dafür müssten allerdings neue Rahmenbedingungen geschaffen werden. Eine Lösung für den Fahrermangel sei dies nicht.

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