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24 Stunden im Dienst:Mütter an der Grenze

Die Zahl psychischer Erkrankungen nimmt zu, auch im Landkreis Freising. Vor allem Mütter sind immer häufiger betroffen. Sie leiden unter der Doppelbelastung durch Familie und Beruf _ und den hohen Erwartungen an sich selbst. Burnout ist oft die Folge.

Die Zahlen sind alarmierend: Zunehmend mehr Menschen leiden unter psychischen Erkrankungen - darunter immer mehr Mütter. Mittlerweile sei das statistisch der zweithäufigste Grund für eine Krankschreibung - zehn Fehltage pro hundert Versicherten im Jahr seien zu verzeichnen, hieß es kürzlich bei der Vorstellung des Jahresberichts 2012 der Caritas Freising.

Auch im Landkreis gibt es immer mehr psychisch erkrankte oder von einer Erkrankung bedrohte Menschen, die Hilfe suchen. In der Caritas-Beratungsstelle für psychische Gesundheit beispielsweise stieg die Zahl der Fälle (Klienten und Angehörige) von 388 im Jahr 2006 auf 477 im vergangenen Jahr. Waren es 2006 noch etwa 1500 Kontakte, registrierte die Caritas 2012 bereits etwa 2460. Zunehmend kommen auch Eltern mit psychischen Auffälligkeiten oder psychiatrischen Diagnosen, wie Burnout oder Depressionen in die Beratungsstelle. Besonders auffällig ist, dass immer mehr Mütter, die unter einer extremen Überlastung leiden, Hilfe benötigen.

Johanna Sticksel, Einsatzleiterin des Familienpflegewerks, kennt viele solcher Fälle, denn ihre Mitarbeiterinnen betreuen Familien, in denen die Mütter das zeitweise nicht mehr können. Heike Sch. ist so ein Fall. Die Familie zog 2010 aus Thüringen in den Landkreis und die Mutter betreut zu Hause vier Kinder. Ihre fünfjährige Tochter ist behindert, der neunjährige Sohn lernbehindert. Sie ist den ganzen Tag für die Kinder da, ihr Mann arbeitet und ihre Familie ist weit weg. "Es gibt viele Probleme, die wir bewältigen müssen", sagt die Anfang Dreißigjährige. Sie versuche, alles zu meistern, immer "bergauf" zu gehen. "Aber irgendwann kann man nicht mehr weiter, man kommt an seine Grenzen." Ihr ging es nicht nur körperlich schlecht, sondern sie wurde zunehmend gereizt und unruhig. Heike Sch. wurde schließlich wegen körperlicher und psychischer Überlastung eine dreiwöchige Mütterkur bewilligt. Körperlich habe es ihr geholfen, sie fühle sich wieder fitter, erzählt die junge Mutter, aber psychisch gebe es noch immer viel aufzuarbeiten - denn die familiäre Situation sei unverändert.

"Das Thema überlastete Mütter beschäftigt uns seit etwa fünf Jahren immer mehr", sagt Kristina Kluge, die Leiterin der Sozialpsychiatrischen Dienste der Caritas. Der Bedarf an Beratung sei immens - ihre Mitarbeiter arbeiten am Limit und trotzdem komme es in einigen Fällen zu Wartezeiten. Bei Müttern handle es sich im wachsenden Maße um "Multiproblem-Fälle": Neben familiären seien es zumeist finanzielle und berufliche Belastungen. Einen einzigen Grund für eine psychische Überlastung oder letztendlich Erkrankung gebe es nicht, die Ursachen seien komplex: Zum einen sei der Rollenwechsel vom Beruf hin zur Mutter "krasser" als früher, so Kluge. Denn zumeist seien Frauen heutzutage schon älter, wenn sie ihr erstes Kind bekommen und die meisten hätten sich zuvor mit ihrem Beruf identifiziert, dort Erfolg gehabt und finden sich dann in der Mutterrolle wieder. Aber auch der gesellschaftliche Druck an Mütter von heute und der Perfektionismus-Anspruch, den diese - als Mutter und im Beruf - an sich selber stellen, können laut Kluge zu einer Überlastung führen. "Oft geraten Frauen mit einer entsprechenden Disposition in einer Situation, die sie als zunehmend belastend und bedrohlich empfinden, dann an einen Punkt, an dem die Erkrankung ausbricht." Häufig in Form einer Depression oder als Burnout.

In der Beratungsstelle wird ihnen zunächst eine Art Schutzraum geboten: "Hier werden sie vom Leistungsdruck weggeholt. Hier können sie auch sagen, dass sie genervt sind. Hier müssen sie nicht mehr die perfekte Mutter spielen", erklärt Kluge. Kernaufgabe sei, solche Frauen zunächst psychisch zu stabilisieren und dann für die Klientin ein Netzwerk aufzubauen - beispielsweise durch Kontakte zu einer Mutter-Kind-Gruppe. Oder durch die Anbindung an andere Stellen wie die Erziehungsberatung, die Vermittlung in das psychiatrische Netzwerk oder eine Kur.

Auch der Sozialpädagoge Bernd Sauer vom Gesundheitsamt Freising berichtet von einem erhöhten Hilfsbedarf in Familien. Es seien vor allem immer mehr Mütter, die das Ende ihrer psychischen Belastbarkeit erreichen - die Zahl habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Die Zahl der gesamten Klientenkontakte bleibe seit Jahren mit etwa 110 bis 170 im Quartal relativ konstant. Allerdings wertet Sauer die Nachfrage beim wieder eingeführten "Psychiatrischen Sprechtag" als Indiz für einen höheren Beratungsbedarf und eine steigende Zahl Betroffener. Der einmal im Monat stattfindende Sprechtag sei ein niedrigschwelliges Angebot, bei dem intensiv beraten werde. Zunehmend nachgefragt werde auch die Schwangerenberatung: "Wir haben eine wachsende Zahl an Frauen, die sich in einem Multi-Problem-Gefüge befinden und die unter einer psychischen Belastung oder Erkrankung leiden", berichtet Sauer. Das Gesundheitsamt könne zwar keine Therapien anbieten, aber hier können sich psychisch erkrankte Menschen über geeignete Hilfen informieren. Psychische Auffälligkeiten seien oft die "Spitze des Eisbergs", für die ursächlich andere Probleme ausschlaggebend seien, so Sauer. Allerdings könnten sie sich auch in einer "handfesten" psychischen Erkrankung manifestieren.

© SZ vom 12.04.2013
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