Süddeutsche Zeitung

1275 Jahre Zolling:Vieles ist heute schwieriger als früher

Die Gemeinde Zolling feiert heuer ihren 1275. Geburtstag. Karl Toth koordiniert die Festivitäten zum Jubiläum, die auch dazu dienen sollen, die Menschen zusammenzubringen. Denn das Leben im Ort hat sich verändert

Zolling dreht auf. Zahlreiche Veranstaltungen organisieren Gemeinde und Vereine in diesem Jahr, der Grund: der 5000-Einwohner-Ort im Zentrum des Landkreises wird 1275 Jahre alt. Wie geht es einer Gemeinde wie Zolling, wo man doch allerorts hört, dass so viele vom Land in die Städte ziehen und sich junge Leute nur noch selten in ihrer Ortschaft engagieren? Karl Toth, Organisator der Jubiläumsveranstaltungen, Zollinger Gemeinderat und Zweiter Bürgermeister, spricht über Klischees und Realität.

Wie sind die Veranstaltungen zum Jubiläumsjahr bisher angenommen worden?

Sehr gut, alle Veranstaltungen sind super über die Bühne gegangen. Wir hatten den Silvesterball, am Ehrenabend sind drei Ehrenbürger ausgezeichnet worden, es gab ein Waldfest mit Sommerbiathlon und den Tag des Baumes. Außerdem hat der Theaterverein vier Aufführungen organisiert - die waren alle ausgebucht, der Titel war "Dorfjubiläum". An dem Festsonntag im Juli haben sich über 20 Vereine beteiligt und beim anschließenden Bürgerfest waren sogar weit über 1000 Leute dabei.

Wer organisiert die Veranstaltungen?

Die Gesamtorganisation liegt bei der Gemeinde, ich versuche es zu koordinieren. Zusätzlich beteiligen sich viele Vereine.

Gab es zur 1250-Jahr-Feier eine ähnlich große Feier?

Damals gab es unter anderem einen historischen Festzug und eine Ausstellung. Und wir haben die Gemeindechronik fortgeschrieben, genau wie heuer: Da arbeiten wir jetzt die vergangenen 25 Jahre ab. Immer mehr Zeitzeugen sterben, jetzt kann man sie noch fragen. Die neue Chronik erscheint Ende Oktober: Wir wollten den Festsonntag noch verarbeiten und ihn nicht erst in weiteren 25 Jahren in die Chronik schreiben.

Sie selbst sind in der Gemeinde sehr aktiv, sind Zweiter Bürgermeister und sitzen im Gemeinderat. Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Das ist schwierig zu sagen, wenn man Tag für Tag vor Ort ist. Es gibt mehr Wohnbebauung, mehr Gewerbegebiete. Früher hatten wir mehrere Schweinezüchter, heute gibt es nur noch wenige aktive Landwirte.

Die Rolle von Gemeinden ändert sich. Zollings Bürgermeister Maximilian Riegler ist der Meinung, die Bürger seien heutzutage nicht mehr so sehr in ihrer Gemeinde verwurzelt - anders als früher. Sehen Sie das auch so?

Die Frage ist immer: Sind Neubürger bereit, sich zu integrieren? Wenn ja, geht das am einfachsten über die Vereine. Es liegt aber in erster Linie am Bürger: Wer will, hat keine Probleme. Aber es gibt auch viele, die das nicht wollen. Genau deshalb wollten wir zum Gemeindejubiläum wieder mal etwas Größeres machen: Um die Leute zusammenzubringen.

Engagieren sich weniger Menschen in Vereinen als früher?

Die Leute bleiben heute meist nur noch solange in einem Verein, wie sie ihn brauchen, dann treten sie aus. Früher ist man geblieben, sobald man einmal Mitglied war. Ich war über 25 Jahre Vorsitzender des Tennisvereins Spielvereinigung Zolling, zu den besten Zeiten hatten wir in der Tennisabteilung etwa 650 Mitglieder - heute sind es circa 300. Vor allem aber wird es zunehmend schwieriger, Führungskräfte für Vereine zu finden.

Und wie ist das mit ehrenamtlichem Engagement, wird das weniger?

Auch das gestaltet sich schwieriger als früher. Man merkt es auch an Kandidaten für den Gemeinderat, der nächstes Jahr neu gewählt wird: Man muss länger auf die Leute einreden, ob sie nicht Lust darauf haben. Wir versuchen auch, die Jugend zu erreichen. Die haben ja Vorteile von politischem Engagement, sie lernen etwas, außerdem binden wir junge Leute so an unsere Gemeinde. Aber junge Menschen haben heutzutage so viele Möglichkeiten - das macht es schwieriger, sie für ehrenamtliches Engagement zu begeistern.

Merken Sie in Zolling etwas davon, dass so viele Leute vom Land in die Städte ziehen?

Wir haben viele Pendler, die woanders arbeiten - es gibt nicht viel Gewerbe in Zolling. Und viele junge Leute gehen zum Studieren weg oder zum Arbeiten. Deshalb müssen sich die Gemeinden anstrengen, Bauland zu bekommen. Es ist wichtig, die jungen Leute im Ort zu halten: Das wird in Zolling eine der Hauptaufgaben des nächsten Bürgermeisters sein. Wenn die Kinder der Gemeinde älter werden, eine Familie gründen und dann kein Bauland bekommen - dann ziehen sie weg. Wir müssen so viel bauen, dass unsere Jugendlichen bleiben können.

Haben Sie Angst, dass Zolling irgendwann ausstirbt?

Da mache ich mir absolut keine Sorgen. Zolling hat alles, was man braucht - außer einem Schwimmbad, aber das haben viele andere Gemeinden auch nicht. Die Busanbindung ist gut, die Schule in perfektem Zustand. Die Kindergärten sind voll und bis ich mitbekommen habe, dass jemand aus seiner Wohnung auszieht, ist die schon längst wieder neu vermietet.

Veranstaltungen zum 1275. Jubiläum: 28./29. September und 3. Oktober: drei Aufführungen des Kindermusicals, Bürgerhaus; 21. September: Tag der Offenen Tür bei öffentlichen Einrichtungen (Rathaus, Kindergärten, Kläranlage, Feuerwehr, Bauhof, Shuttle-Dienst mit Bussen). 20. Oktober: 30 Jahre Zollinger Kammerkonzerte, Pfarrheim; 31. Dezember: Silvesterball des Musikvereins

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Quelle:
SZ vom 12.08.2019
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