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Freiraum für Kreative:Platz da

Die von Kündigung bedrohten Künstler und Kleingewerbler schlagen vor, sich das als Gasteig-Interimsquartier vorgesehene Stadtwerke-Gelände mit dem Kulturbetrieb zu teilen

In Sendling werden die Gasteig-Umzugspläne äußerst kritisch gesehen. Das musste Gasteig-Chef Max Wagner im Bezirksausschuss (BA) erfahren, wo er die Machbarkeitsstudie für das Areal am Flaucher kurz vorstellen wollte. Daraus wurde eine mehrstündige Befragung - und das, obwohl die anwesenden, am meisten Betroffenen eines Einzugs, 40 derzeitige Mieter, meist Künstler, Kunstschaffende und Kleingewerbler, mit Ausnahme von einigen Minuten Redezeit gar nicht zu Wort kamen. Diese nutzten die knappe Zeit dann letztlich dafür, einen eigenen groben Entwurf für das Areal vorzulegen, das eine Gruppe von Architekten in wenigen Tagen kurzfristig erstellt hatte. Das Besondere daran: Der Gasteig und auch die meisten derzeitigen Mieter finden gemeinsam Platz.

Vor allem die Grünen/Mut lehnen ein Gasteig-Interimsprojekt auf dem Gelände der Stadtwerke neben dem Heizkraftwerk Süd entschieden ab. Ziehe der Gasteig ein, könne auf dem Areal keiner der dort ansässigen Künstler weiterarbeiten. Auch verteuere der Einzug des Münchner Kulturzentrums das Viertel. "Das wollen wir nicht", sagte Fraktionssprecher Rene Kaiser. "Das Schöne an dem Areal ist, dass dort Kunst und Gewerbe zusammengefunden haben und sich gegenseitig befruchten", sagte Jan Erdmann (Mut). "Hochkultur brauchen wir dort nicht anzusiedeln."

Zusammenrücken: Eine gemeinsame Lösung für das Künstler- und Kleingewerbebiotop und den Gasteig auf dem Areal beim Heizkraftwerk - dieses Konzept stellen sich die derzeitigen Mieter vor.

(Foto: Clemens Bachmann Architekten)

Für vier bis fünf Jahre und von Ende 2020 an will der Gasteig auf das Gelände an der Hans-Preißinger-Straße 8 ziehen. Vor allem die Technik des Gebäudes an der Rosenheimer Straße müsse saniert werden, erläuterte Gasteig-Chef Wagner. Man habe 35 Standorte in München geprüft, auch Riem und die ehemalige Paketposthalle hätten sich als ungeeignet und zu klein erwiesen. Viele Möglichkeiten gebe es nicht. Es gebe nur drei Standorte innerhalb des Mittleren Ringes, die mehr als 5000 Quadratmeter Fläche böten. Bislang geht man davon aus, dass im Interims-Gasteig 1800 Besucher Platz finden.

Benedikt Schwering, Leiter des Bereiches "Zukunft" im Gasteig, betonte, der Gasteig stehe nicht nur für Hochkultur, sondern für Ausgewogenheit. Schließlich seien unter seinem Dach nicht nur die Philharmoniker, sondern auch die Musikhochschule, die VHS und die Stadtbibliothek. Man müsse sich von 81 000 Quadratmetern auf einen "Rest-Gasteig" von 35 000 Quadratmeter beschränken. Doch die Lage des Geländes am Flaucher sei ideal: die grüne Umgebung, die Insel, das große Flächenpotenzial. Die denkmalgeschützte Halle, die einen Teil des Areals belegt, sei ein Identifikationspunkt. Und dann begrüße man sehr, wieder einen Platz an der Isar zu beziehen. "Ein Gasteig am Wasser ist für uns eine schöne Idee", sagte Schwering.

(Foto: Clemens Bachmann Architekten)

SPD-Sprecher Ernst Dill wäre es lieber gewesen, die Machbarkeitsstudie auf dem Tisch zu haben, er warnte davor, einen Steg zum Flaucher zu legen - eine Idee, die die Machbarkeitsstudie offenbar aufnimmt. Der BA werde keinen Maßnahmen zustimmen, die einer Eventisierung des Flauchers Vorschub leisten. Fast alle Stadtviertelpolitiker misstrauten der Einschätzung der Studie, dass mit wenig Problemen wegen der Parkplatzsuche im Viertel zu rechnen sei. Dies sei mit einem verbesserten MVV-Takt und Shuttle-Bussen zu regeln, so die Gasteig-Vertreter. Alle Fraktionen forderten dringend, den Verkehr herauszuhalten, die CSU plädierte für den Bau eines Parkhauses. Der Gasteig an der Rosenheimer Straße sei mit öffentlichen Verkehrsmitteln hervorragend erreichbar, sagte CSU-Sprecher Andreas Lorenz. Das sei "mitnichten" mit dem Angebot in der Flaucher-Gegend gleichzusetzen.

Am meisten beschäftigt die Lokalpolitiker das Schicksal der derzeitigen Mieter. Margot Fürst (CSU) sprach von "Vertreibung". Die Mieter hätten Mietverträge, teils bis über 2020 hinaus. Dill mahnte rechtsverbindliche Zusagen an, forderte großzügige Entschädigungen, Lorenz verlangte, das Nutzerbedarfsprogramm auf das Notwendigste zu reduzieren, damit Künstler und Gewerbe bleiben könnten. Das Grobkonzept einer gemeinsamen Nutzung, das die Clemens Bachmann Architekten, selbst Mieter auf dem Areal, dann öffentlich vorstellten, stieß jedoch auf große positive Resonanz. Selbst Max Wagner zeigte sich nicht unbeeindruckt.

Die Mieter selbst hatte der Gasteig-Chef vor dem Donnerstagabend offenbar noch nicht kennengelernt - außer einem Sprecher am runden Tisch. Auf Nachfragen sagte Wagner, er wisse von den Stadtwerken von 69 Mietern auf dem Areal. Sie seien auf Kündigungen gefasst, wenn das Gelände in einigen Jahren für Wohnungsbau zur Verfügung gestellt werden solle. Die Mieter selbst berichteten von mehr als 300 Nutzern. Auf Kündigungen seien sie bis zum Auftritt des Gasteig-Teams keinesfalls gefasst gewesen.

© SZ vom 07.10.2017
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