Freimann Reiter fordert mehr Mut zur Höhe

So sehe ich die Dinge: Dieter Reiter, auf dem Podium mit seiner Sprecherin Petra Leimer-Kastan, stellt sich den Fragen der Bürger.

(Foto: Michael Nagy/OH)

Bei der zweiten OB-Bürgersprechstunde spielt die Strategie im Umgang mit dem Wachstum eine zentrale Rolle

Von Julian Raff, Freimann

Er sei zwar für Hochhäuser, habe aber "koa Lust auf Hongkong in München", versicherte OB Dieter Reiter den 200 Teilnehmern seiner zweiten "Bürgersprechstunde vor Ort", die im Losverfahren eine Einladung in den Saal der Seniorenwohnanlage Kieferngarten erhalten hatten. Sieben Monate nach der Premiere in Neuperlach gastierte das neu eingeführte Forum im Bezirk Schwabing-Freimann, der an Verkehr und Verdichtung geballt abbekommt, was der Boom der gesamten Stadtgesellschaft beschert.

Die große Strategie im Umgang mit dem Wachstum spielte also, neben den Einzelschauplätzen, eine gewichtige Rolle in einer leidenschaftlichen, aber sachlichen Debatte. Reiter forderte dabei von Stadträten und Bürgern mehr Mut zur Höhe und kann sich neue Trabentenstädte an der Stadtgrenze oder gar jenseits davon vorstellen - aber eben ausdrücklich keine grenzenlose Expansion nach oben, nach außen, oder auf Kosten der letzten Grünflächen. "Wir wachsen aus uns selbst heraus", widersprach der OB Bürgern, die, wenn auch vorsichtig, Zusammenhänge zwischen Migration und Wachstum ansprachen. Geburtenrate und gestiegene Ansprüche spielen eine unterschätzte Rolle, so Reiter. Immerhin wohne der Durchschnittsmünchner heute auf 43 Quadratmetern, statt auf 21 - wie noch vor 20 Jahren. Den Ausverkauf einst geförderten Wohnraums betreibe bei alldem nicht die Stadt, sondern der Freistaat, sowie Post, Bahn und andere Unternehmen mit ihren früheren Werkswohnungen.

Mit seinem Höhen-Plädoyer rennt Reiter im Münchner Norden zumindest halboffene Türen ein. Eine Domagkpark-Bewohnerin wünschte sich ausdrücklich mehr Hochhausfassaden, statt der sie umgebenden Schachteln, sie komme sich vor, "wie im Euro-Industriepark". Nun seien echte Hochhäuser, da gab Reiter den Bauträgern ausnahmsweise recht, technik- und vorschriftenbedingt derart teuer, dass die oberen Lagen keinen günstigen Wohnraum hergäben. Er habe aber kein Problem damit, wenn dann jemand "im 18. Stock 40000 Euro pro Quadratmeter zahlt", so lange darunter, oder insgesamt, Erschwingliches entstehe. Überhaupt würden Preisrekorde medial aufgebauscht. Gleiches gelte für den Widerstand kleiner Gruppen gegen Nachverdichtungsprojekte, so Reiter, der den Münchnern beim Bauen gerne eine St.-Florians-Mentalität vorhält.

Wenig beeindruckt zeigte sich der OB auch von den frisch überreichten 1000 Unterschriften gegen die Tram durch den Englischen Garten. Die Öffentlichkeit teile sich da zu je einem Drittel in Gleichgültige, Befürworter und Gegner auf, wobei Letztere vielleicht etwas missverstanden hätten: Selbst Horst Seehofer habe sich beim Ortstermin überrascht gezeigt, dass die Tram den Garten eben nicht durchschneidet, sondern auf vorhandener Trasse läuft, erinnerte sich Reiter amüsiert.

Den drohenden gesamtstädtischen Verkehrsinfarkt wenden ein paar neue Tramlinien freilich nicht ab. Die Freimanner Arena-Anrainer versinken derart tief im Mix aus selbstproduzierten- und importierten Blechfluten, dass sich Reiter hier auch eine radikale Lösung vorstellen kann: Nach Kölner Vorbild ließen sich stadionnahe Straßen zu Spielzeiten durch bewachte Schranken absperren - teuer, aber machbar, sagte der OB unter Beifall.

Einfacher, mit nur einer Schranke plus Höhenkontrolle, wäre Zweckentfremdung auf dem Parkplatz des Ungererbades zu verhindern, der offenbar als Campingplatz für Wohnmobile herhält. Ähnliche Zustände auf einem dort angrenzenden Pendler-Parkplatz sorgen im Grün der Kleingartenanlage Nord Ost 22 öfter für höchst unappetitliche Eindrücke. Reiter räumte, auch als Antwort auf ähnliche Klagen aus Kieferngarten, eine Unterversorgung des Nordens mit Toiletten ein und versprach Abhilfe. Anderen, sonst unter dem Radar eines OB liegenden Handlungsbedarf hatte zuvor eine Ortsbeschau aufgezeigt: Beim Spielplatz am Hartweg werde eine von Drogendealern als Präsentiertisch missbrauchte Tischtennisplatte abmontiert, so Reiter.