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Freimann:Offenheit statt Vorurteile

Zur Internationalen Woche gegen Rassismus: Schüler der Mittelschule an der Situlistraße sprechen in der Mohr-Villa über ihre Meinungen zu Diskriminierung.

(Foto: Robert Haas)

80 Prozent der Schüler der Mittelschule an der Situlistraße kommen aus ganz unterschiedlichen Kulturen. Sie vertragen sich, haben aber auch Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Was man dagegen tun kann, wollen sie in einem Gespräch herausfinden

Sie sind nervös. Schon eine Viertelstunde vor Beginn des Podiumsgesprächs über Rassismus und Demokratie sitzen sie da, die sechs Zehntklässler der Mittelschule an der Situlistraße. Es ist kein einfaches Thema, über das sie sprechen wollen. Vier von ihnen haben griechische, türkische und rumänische Wurzeln. Und alle sind schon einmal mit dem Thema Rassismus konfrontiert worden.

Da ist zum Beispiel Bertan Semiz. Er erzählt, dass er mit seinen Freunden schon einmal von der Polizei angehalten worden sei, als sie mit dem Auto unterwegs waren. Eine Routinekontrolle. Aber der Schüler vermutet, dass ihr ausländisches Aussehen der Auslöser war. "Wir haben aber gar nichts gemacht", sagt er. Später will er selbst einmal Polizist werden und wünscht sich, die Sache ganz anders anzugehen. Mit Gesprächen. Mit Offenheit. Darius Damean erzählt eine andere Geschichte. Im Bus habe sich eine Frau neben ihn gesetzt. Sie habe ihn angesprochen und plötzlich angefangen, über Ausländer zu lästern. Seine rumänischen Wurzeln hat sie ihm nicht angesehen.

In den letzten Jahren haben rechtsextremistisch motivierte Straf- und Gewaltdelikte laut der polizeilichen Kriminalstatistik in München zugenommen. Während 2010 noch 253 rechtsextremistische Straftaten erfasst wurden, waren es 2017 schon 459 - eine Steigerung um 45 Prozent. Bei Gewaltdelikten konnte sogar ein Anstieg um 81 Prozent verzeichnet werden. "Rassismus wird offener artikuliert", sagt Miriam Heigl, Leiterin der Fachstelle für Demokratie. Im Jahr 2018 hat die Münchner Beratungsstelle "Before" 79 Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt und 95 Personen, die diskriminiert worden sind, beraten.

Im Vorfeld zum Podiumsgespräch hat sich Brigitte Fingerle-Trischler, Vorsitzende des Mohr-Villa-Vereins, schon mit den Schülern zusammengesetzt. "Eine wichtige Frage war: Was macht Rassismus mit uns?", sagt sie. Das Thema Rassismus wollte sie einmal aus einer anderen Perspektive angehen und habe deswegen bewusst Schüler angesprochen.

Die Jugendlichen machen sich an diesem Abend auch Gedanken darüber, wie Rassismus entsteht. Jasmin Nefzger glaubt, dass viele Kinder schon im Elternhaus mit Rassismus konfrontiert werden. Sie will später einmal ihre Kindern deswegen vorurteilsfrei erziehen. "Na klar", sagt Emily Laubmayer, "man kann Rassismus nicht abschaffen, aber man kann einen Beitrag leisten".

An der Mittelschule in Freimann haben fast 80 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, erklärt Rektor Armin Sochor. Aber gerade die kulturelle Mischung beuge Rassismus im schulischen Raum vor, glaubt Bertan Semiz. "Dass man gemeinsam die sechs Schulstunden durchsteht", sagt er, bringe die Kulturen noch näher zusammen. Um den Jugendlichen zu zeigen, wie sehr Beleidigungen Menschen verletzten können, hat Lehrer Christian Streit Referate halten lassen. Das habe den Schülern geholfen zu verstehen, was eigentlich hinter solchen Äußerungen stecke, sagt Emily. Es fange mit Sprache an. "Erst kommen beleidigende Worte, dann Schläge", sagt Streit.

Es sei "cool", wenn die Jugendlichen sich auch auf Snapchat oder Instagram gegen Rassismus einsetzen würden, findet eine Zuhörerin. Da hat Schüler Umutcan Sipahioglu eine Idee: Wenn die Challenge #trashtag gut im Internet ankomme, könne man doch auch eine gegen Rassismus starten.

Am Samstag, 23. März, spricht die Journalistin Dunja Ramadan anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus von 19.30 Uhr an über ihr Buch "Khalid und das wilde Sprachpferd" in der Mohr-Villa, Situlistraße 75, Villa Dach. Danach findet eine Diskussion über Sprache und Integration statt. Der Eintritt kostet acht Euro.