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Freimann:Metamorphose eines Siedlungsraumes

Eine kleine, aber feine Ausstellung in der Mohr-Villa lenkt den Blick auf die besondere Architekturgeschichte in Freimann, das sich in 100 Jahren vom Dorf zum industriell geprägten Stadtviertel entwickelte

Der britische Stadtplaner John Thompson hat Freimann einmal als Ansammlung von Inseln bezeichnet, "getrennt von feindlichen Gewässern". Eine treffende Analyse war das damals vor 20 Jahren, als die Ergebnisse des groß angelegten Bürgerworkshops "Perspektive Freimann" vorgestellt wurden. Die Zeitläufe haben diesen heute 77 000 Einwohner zählenden Stadtteil im Münchner Norden in quasi abgekapselte Stadtstücke zergliedert, durchzogen von Verkehrsadern, Kasernen und wuchernden Gewerbeanlagen. Architekturhistorisch, so die verbreitete Auffassung, hat dieser von der Industrialisierung so brutal zurrechtgebogene Stadtteil wenig zu bieten. Weit gefehlt, wie jetzt eine kleine, aber feine Ausstellung im Kulturzentrum Mohr-Villa in Erinnerung ruft.

Denn eben weil sich vor mehr als 100 Jahren die Krupp'schen Geschützwerke, dann die Reichsbahn, schließlich die Bundesbahn hier mit ihren gigantischen Betrieben breit machten, lässt sich an Freimann und seinen Siedlungen der Wandel des Wohnens ablesen. Es ist die erstaunliche Metamorphose einer dörflichen Kommune im Orbit der großen Stadt zu einem Maschinenraum der Metropole, heute bürgerlicher Lebensraum, Boomregion. Und zu jeder Zeit hausten beziehungsweise residierten die Menschen anders, wie die Schau "Wohnbauten in Freimann früher und heute" des Mohr-Villa-Stadtteilarchivs zeigt.

Kuratiert hat die Ausstellung eine profunde Kennerin der Freimanner Historie: Brigitte Fingerle-Trischler, Leiterin des Stadtteilarchivs und Autorin einer umfangreichen Gesamtdarstellung der Geschichte Freimanns ("Freimann im Münchner Norden. Vom Dorf zum Stadtviertel der Gegenwart", Volk Verlag). Auf mehr als ein Dutzend Tafeln hatte sie Fotos und Grundrisse aus hundert Jahren für den Tag des offenen Denkmals zusammengestellt, doch die Ausstellung läuft noch bis 6. Oktober.

Die Besucher bekommen zunächst einen Eindruck von den bäuerlichen Lebensverhältnissen Ende des 19. Jahrhunderts und den sichtbaren Klassenunterschieden: Gutsbesitzer Heinrich Groh konnte es sich leisten, eine repräsentative Villa für sich und seine Familie zu bauen und zu bewohnen; Tagelöhner und Handwerker mussten sich mit kleinen, einfachen Gebäuden begnügen, wurden deshalb auch "Kleinhäusler" genannt. Als in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg der Wachstumsmotor zu brummen begann, entdeckten Immobilienspekulanten den idyllischen Flecken Freimann. Es herrscht Wohnungsnot in der Kernstadt, also raus ins Grüne - so das Motto der "Gartenstadt"-Bewegung, der aus England stammenden Idee einer planvollen Stadtentwicklung im Umland. Plötzlich wuchsen also stattliche Bürgerhäuser auf den Wiesen empor, die ersten zwischen 1910 und 1913 unweit des Ausflugslokals Aumeister, gefolgt von der Villensiedlung "Am Blütenring". Stolze Kaffeemühlenhäuser waren das, wie man sie heute noch etwa in Harlaching findet - deren Bewohner die Altfreimanner indes als Drei-Quartel-Privatiers verspotteten.

Das Krupp-Werk und vor allem das Eisenbahnausbesserungswerk veränderten die Wohnverhältnisse. Es galt, Hunderten Angestellten ein Obdach zu bieten; sie kamen unter in großen Genossenschaftsblöcken beim Frankplatz, die bis heute vollständig erhalten sind. Über die Jahrzehnte erschlossen sich aber auch immer wieder Eigenheimer konsistente Wohn-Inseln mit Gärten, umrankt von Gewerbearealen: Kieferngarten- und Grusonsiedlung, Kaltherberge et cetera - allesamt bis heute organisiert in separaten Siedlervereinigungen. Hier lässt sich seit langem das grassierende Phänomen der Verdichtung studieren: Kleine Häuschen weichen Zwei- oder Dreispännern, gern auch mal im Landhausstil. Dazu legt die Freimanner Architekturlandschaft Zeugnis ab von der immer noch lebendigen Planungsidee, ganze Großsiedlungen auf freie Flächen zu pflanzen: Entweder mit Reihenhausblöcken wie am Carl-Orff-Bogen oder mit Hochhäusern wie an der Burmester- und Bauernfeindstraße.

Das nächste Großprojekt läuft unterdessen gerade an: Die ehemalige Bayernkaserne soll in zehn Jahren in eine Heimat für 15 000 Menschen verwandelt sein. Da haben die Bauherren die Chance, der Architekturgeschichte Freimanns wieder neue bleibende Zeitzeugnisse hinzuzufügen.

Die Ausstellung im Rückgebäude der Mohr-Villa, Situlistraße 75 kann bis 6. Oktober dienstags von 13 bis 16 Uhr und donnerstags von 17 bis 19.30 Uhr sowie während der Archiv-Öffnungszeiten (Mittwoch 10 bis 12 Uhr und Freitag 15 bis 17 Uhr) besichtigt werden. Der Eintritt ist frei.