Es sollte ein Zeichen sein und es verfehlte seine Wirkung nicht: 41 Jugendleiterinnen und Jugendleiter der evangelischen Kirchengemeinde Freimann treten im Herbst vergangenen Jahres geschlossen von ihren Ämtern zurück. Menschen, zwischen 15 und 26 Jahren, die in der knapp 3000 Mitglieder starken Gemeinde im Münchner Norden aufgewachsen und sozialisiert sind und hier teilweise seit vielen Jahren Konfirmanden- und Kinderfreizeiten organisieren. Es ist die Folge eines Zerwürfnisses mit ihrem diensthabenden Pfarrer, dem sie schwere Vorwürfe machen: Es geht um Machtmissbrauch und sexuelle wie verbale Übergriffe. Die evangelische Landeskirche in Bayern hat inzwischen ein Disziplinarverfahren gegen den Seelsorger eröffnet.
Im Herbst 2023 ist für die Gruppe der Ehrenamtlichen das Fass übergelaufen: Einige von ihnen wollen in ihrem Jugendraum, der ihnen seit Jahrzehnten auf dem Kirchengelände zur Verfügung steht, gemeinsam Pizza essen – aber die Tür lässt sich nicht öffnen. Der Pfarrer geht auf die Gruppe zu und teilt ihr mit, dass er das Schloss ausgewechselt habe. Er fordert sie auf, unverzüglich das Gelände zu verlassen - andernfalls rufe er die Polizei. So erzählen es einige aus der Jugendarbeit.
Der Pfarrer droht der eigenen Kirchenjugend mit der Polizei?
Ein jahrelanger Konflikt zwischen Jugendlichen und ihrem Seelsorger sei damals eskaliert, berichten der SZ Gemeindemitglieder, darunter viele betroffene junge Erwachsene und auch Eltern. Den Schritt in die Öffentlichkeit haben sie gewählt, weil sie den Glauben an eine funktionierende Krisenkommunikation innerhalb der Kirchenstruktur verloren hätten, sagt ein junger Mann. Er sitzt mit einer dicken Mappe gefüllt mit Korrespondenzen bis hinauf zum Landesbischof am Tisch. Wie alle, die sich in den nächsten Wochen in wechselnden Runden zum Gespräch mit der SZ treffen, will er seinen Namen nicht öffentlich machen, „aus Sorge vor Anfeindungen in der Gemeinde“.
Sehr bald nach Amtsantritt des Pfarrers 2015 soll es schon geknirscht haben in der Kooperation mit den jungen Engagierten, darunter Lehramts- und Jurastudenten und auffallend viele, die inzwischen in Sozialberufen arbeiten. „Inhaltliche Diskrepanzen“ seien der Grund gewesen, sagen sie, vor allem was die Gestaltung der seit Jahren weitgehend eigenständig von den jungen Ehrenamtlichen organisierten und rege nachgefragten Kinder- und Jugendfreizeiten angegangen sei.
Das Evangelische Sonntagsblatt hatte das Modell noch zwei Jahre vor Amtsantritt des Pfarrers als beispielhafte Neuerung einer „kreativen Gemeinde“ vorgestellt. Statt des üblichen Konfirmandenunterrichtes würde hier innerhalb von Freizeiten eine tiefe Bindung geschaffen, die bei vielen in einem anschließenden Engagement in der Gemeinde münde. Davon können in Zeiten, in denen der evangelischen Kirche die Mitglieder davoneilen, viele nur träumen. Der Pfarrer, so seine Kritiker, hätte dieses Konzept komplett ändern wollen, „auf eine sehr autoritäre Art“.
„Und dann gab es Fälle, wo er junge Frauen sexuell belästigt hat.“ Freundinnen und Freunde berichten als Augenzeugen übereinstimmend davon oder erzählen weiter, was ihnen Betroffene anvertraut haben: Wie der Pastor sich von hinten einer jungen Frau nähert und sie umarmt, als sie in der Jugendfreizeit abgespült hat. Wie er sich bei jungen Frauen nach dem Geschmack von Sperma erkundigt oder nach ihrer Lieblingsstellung. Sie hätten länger schon über all das „reflektiert“, sagt eine junge Frau, „und überlegt: Was machen wir jetzt? Wir fühlen uns alle nicht mehr wohl unter einem Dach mit ihm.“ In einer Whatsapp-Gruppe hätten sie alle „Dinge aufgeschrieben, die nicht gingen. Damit wir das nicht vergessen.“
Und dann sei da noch die Sache mit dem Hitlergruß. „Wir hatten in der Konfirmanden-Freizeit eine Motto-Party. Da kam er, schlug die Hacken zusammen, machte den Hitlergruß mit der rechten Hand und mit der linken Hand ahmte er den Bart nach.“ Es seien so viele „komische Sachen“ vorgefallen, sagt eine Studentin, aber man habe sich lange nicht getraut, etwas zu sagen, „weil er der Pfarrer war, die Macht hatte und uns die Freizeiten verbieten konnte – damit hatte er auch immer wieder gedroht“.
Sie werfen ihrem Pastor Anschreien und Diffamierung als Taktik der Einschüchterung vor. „Wir haben über mehrere Jahre um Hilfe und Beistand gebeten, sowohl bei unserem Kirchenvorstand als auch dem zuständigen Dekan.“ Man habe sich aber nie ernst genommen gefühlt, es habe vielmehr eine „Täter-Opfer-Umkehr“ gegeben, in Form von Anschuldigungen, die Jugend würde den Ruf des Pfarrers „beschmutzen“ und habe überhaupt ein Alkoholproblem.
Zuletzt sei auch der Kirchenvorstand mehrheitlich hinter dem Geistlichen gestanden. Das von der Gemeinde gewählte Gremium aus Ehrenamtlichen vertritt diese und leitet sie in Zusammenarbeit mit dem Pfarrer. In den Sitzungen des Gremiums habe man, wenn überhaupt, nur kurzes Rederecht bekommen und sei aus Diskussionsrunden ausgeschlossen worden. Ein „fairer, offener und transparenter“ Austausch, so der Vorwurf, sei nicht möglich gewesen. „In der Kirchenfamilie haben wir nirgends ein offenes Ohr gefunden“, sagt eine der Betroffenen. „Im Gegenteil: Der Kirchenvorstand hat gesagt, es seien alles Lügengeschichten, die wir erfinden. Der Pfarrer ist für sie unschuldig.“ Vom Kirchenvorstand selbst findet sich trotz vielfacher Anfragen niemand, der darüber mit der SZ sprechen will.
Nachdem der Pfarrer das Schloss des Jugendraums ausgewechselt und die Ehrenamtlichen damit aussperrt hatte, kommt eine Lawine ins Rollen: Die komplette Riege der Jugendleiterinnen und Jugendleiter tritt zurück. Viele von ihnen, Eltern und andere Mitglieder der Kirchengemeinde, wenden sich jetzt mit ihren Erfahrungen an die Meldestelle der Landeskirche für den Umgang mit sexualisierter Gewalt. Als die Jugendlichen ihren Schritt auf Instagram posten, sagt eine von ihnen, „haben sich auch ältere Menschen, Frauen, bei uns gemeldet und von unangenehmen Erfahrungen mit dem Pfarrer berichtet“.

Der Pastor wird wenig später in eine andere Münchner Stadtgemeinde versetzt und ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet. Die SZ schickt jeweils einen langen Fragenkatalog an ihn, den zuständigen Dekan Felix Reuter und den ebenfalls involvierten Regionalbischof Thomas Prieto Peral, um ihre Sicht auf den Konflikt zu erfahren. Zurück kommt eine Sammelantwort im Namen aller über einen Sprecher der evangelischen Landeskirche. Das längst zu einer Spaltung der 3000-Mitglieder-Gemeinde ausgewachsene Zerwürfnis ist inzwischen ganz oben angekommen.
Zu den Vorwürfen gegen den Pfarrer äußere man sich nicht, solange das Disziplinarverfahren gegen ihn nicht abgeschlossen sei – was frühestens im Herbst 2024 der Fall sein werde, teilt der Sprecher der Landeskirche mit. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung. „Wir gehen jedem Verdacht konsequent nach. Bei Verdacht auf strafbares Handeln erfolgt eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft.“
Als Grundkonflikt wird von der Landeskirche der Dissens über die Jugendarbeit ausgemacht. Der zuständige Kirchenvorstand habe mehrfach bemängelt, dass die etablierte Jugendleiter-Gruppe beim Auswahlverfahren für neue Mitglieder in ihrem Stab „fast ausschließlich subjektive Maßstäbe angesetzt“ und damit eine offene und diverse Jugendarbeit massiv erschwert hätte. Einer vor mehr als zehn Jahren parallel eingerichteten neuen und offenen Jugendgruppe hätten die Etablierten ihrerseits den Zugang zu den Jugendräumen verwehrt. Dem widersprechen gegenüber der SZ viele der „Etablierten“ und belegen es mit Mail-Korrespondenzen. „Wir haben viel mehr ein konstruktives und zum Teil freundschaftliches Verhältnis“: So sehen sie es.
Ein Versäumnis in der Krisenkommunikation kann die Landeskirchenseite bei sich nicht erkennen. Zunächst habe man sich gemeinsam mit Pfarrer und Dekan Reuter über Jahre in vielen Runden um eine Konfliktlösung bemüht – auch unter Einbindung landeskirchlicher Mediatoren. Aufgrund der gegenseitigen Verletzungen sei es nach Beobachtung der Kirchenverantwortlichen für alle Beteiligten „nicht leicht, einander zuzuhören“. Die Mutter einer Jugendleiterin nennt „Umgang, Ton und Art und Weise, wie man mit den Jugendlichen umgeht“, dagegen „traurig“. Jahrelang hätten sie „wahnsinnig viel Zeit in ihr Ehrenamt gesteckt und jetzt fällt man ihnen in den Rücken“.
„Wir hatten früher ein blühendes Gemeindeleben“, sagt der Vater einer Jugendleiterin. „Unter dem Pfarrer ist sukzessive alles zurückgegangen. Jetzt ist die Gemeinde tief gespalten.“

Missbrauch in der evangelischen Kirche:Der Aufschrei ist ausgeblieben
Vor Monaten belegte eine große Studie Missbrauch in der evangelischen Kirche - doch die Empörung hielt sich in Grenzen, selbst die Basis ist still. Das hängt offenbar auch mit den Strukturen zusammen.
Im Herbst wählen alle evangelischen Gemeinden in Bayern einen neuen Kirchenvorstand. In Freimann sieht es aktuell nicht danach aus. Nach heftigen Turbulenzen bei der Aufstellung der Wahlliste mussten sich drei Unterstützter der Jugendleiter-Seite erst über eigene Unterschriftenlisten Zugang verschaffen. Im Anschluss sah sich der zuständige Vertrauensausschuss „aufgrund der angespannten Situation in der Kirchengemeinde“, so der Sprecher der Landeskirche, nicht in der Lage, „fristgerecht einen ordnungsgemäßen Vorschlag aufzustellen“. Stand jetzt müsse die Wahl verschoben werden. Das zwölfköpfige Gremium scheint schwer gebeutelt zu sein: In den vergangenen Monaten sind aus „persönlichen Gründen“, so der Landeskirchensprecher, sieben Mitglieder zurückgetreten. Man ist gerade noch beschlussfähig.
Ein im Mai einberufener „Expert:innenrat“ soll jetzt in Freimann wieder eine konstruktive Jugendarbeit auf den Weg bringen – das Gremium ist besetzt mit Kirchenvorstehern und Jugendvertretern und wird begleitet vom landeskirchlichen Amt für Jugendarbeit in Nürnberg. Ein erstes konstruktives Gespräch habe stattgefunden, heißt es von der Kirchenleitung.
In der Forum-Studie zu sexualisierter Gewalt in evangelischer Kirche und Diakonie stellte ein unabhängiges Forscherkonsortium Anfang des Jahres fest: Betroffenen, die sich zu Wort melden, schlage sowohl in Gemeinden als auch in der Institution selbst oft eine „feindselige Atmosphäre“ entgegen. Die Reaktionen reichten von Bagatellisierung bis zur Ausgrenzung. „Viele von uns fühlen sich daran erinnert“, sagt ein Jugendleiter, „sie können nicht mehr und wollen aufhören.“
Als die Wahl des Kirchenvorstands abgesagt wurde, erzählt der Vater einer Jugendleiterin – seit Generationen engagiert sich seine Familie in der Freimanner Gemeinde – „wollte ich gleich einen Termin beim Standesamt machen, um mich von der Kirche abzumelden. Ich bin schwer enttäuscht“.
Anmerkung der Redaktion: Im April 2025 wurde das Disziplinarverfahren abgeschlossen. Laut Mitteilung des evangelischen Regionalbischofs wurden keine strafrechtlich relevanten Tatbestände nachgewiesen und auch keine disziplinarischen Maßnahmen verhängt.

