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Freiham/Germering:Blüten von der Bahn

Das 20 Hektar große Biotop soll die zweite Stammstrecke ausgleichen.

(Foto: Robert Haas)

Im Münchner Westen entsteht ein 20 Hektar großes Biotop - als Ausgleich für die zweite Stammstrecke

Von Ellen Draxel, Freiham/Germering

Große Steinhaufen liegen kunstvoll drapiert neben Sandhügeln und locker aufgeschichteten Totholzstapeln am Wegesrand. Alle paar Schritte ist ein neues Segment dieses Material-Arrangements zu sehen, auf einer Länge von 230 Metern entlang des Harthauser Wegs. Was auf den ersten Blick wie Ansammlungen übrig gebliebenen Baumaterials wirkt, sind bewusst geschaffene Reptilienhabitate: Rückzugsmöglichkeiten für die streng geschützte Zauneidechse. In den Sand graben die Tiere ihre Eier ein, Stein und Holz dienen ihnen zur Wärmeregulierung und als Versteck. Auf einer Fläche von 20 Hektar, groß wie 28 Fußballfelder, entsteht so zwischen Germering und Freiham die größte ökologische Ausgleichsfläche für den Bau der zweiten Stammstrecke.

Die "Lebensraum-Mosaike" für die Zauneidechse, wie die zuständige Projektingenieurin Mona Weishaar die Stein-Sand-Holz-Konglomerate auf dem ehemaligen Acker nennt, machen dabei nur einen Teil dieses Ersatzstandorts aus. Der überwiegende Bereich sind Magerrasen-Flächen. "Wir haben dafür letztes Jahr schon den Boden ausgehagert", erläutert die 31-Jährige. Heißt: Mit Getreidepflanzen wurden dem Acker die Nährstoffe entzogen, auch das Düngen fiel weg. Dann trug ein Bagger die oberste Schicht des verbleibenden Humus ab, vorsichtig, wegen möglicher archäologischer Fundstücke im Untergrund. Das Baufahrzeug ist auch jetzt im Einsatz, das Areal ist groß. Nur wenn es länger geregnet hat, darf der Bagger nicht arbeiten - er würde einsinken. Einen Teil des "artenreichen Extensivgrünlands", wie der Magerrasen im Fachjargon genannt wird, hat das Umweltteam zudem mit Saatgut bestückt. Dort sollen im Frühjahr Pflanzen wie der Wiesensalbei, die Wilde Möhre, der Natternkopf oder die Wiesenmargerite erblühen.

Projektingenieurin Mona Weishaar erklärt, wie das Biotop für geschützte Tiere und Pflanzen angelegt wird.

(Foto: Robert Haas)

"Wir schaffen hier einen richtigen Biotopkomplex", erklärt Weishaar. "Außer der Zauneidechse wird es auf den Magerrasenflächen dank des reichen Angebots an Insekten auch Bienen, Hummeln und Schmetterlingen ausgesprochen gut gefallen." Zumal in den kommenden Wochen der Harthauser Weg und die Reptilienhabitate noch mit Sträuchern gesäumt werden sollen. Freuen dürften sich außerdem die vielen Spaziergänger, Radler und Jogger, die in der Gegend unterwegs sind. Denn der Streiflacher Weg, der vom Gut Freiham längs der neuen Ausgleichsfläche bis zum Streiflacher Gut führt, erhält bis Mitte November 26 zusätzliche Ulmen-, Eichen-, Linden- und Ahornbäume. Der bislang einseitig bepflanzte Weg wird damit an heißen Sommertagen zur schattenspendenden Allee.

Dass die Bahn die ehemals landwirtschaftlich genutzte Fläche entlang der A 99 erworben hat und zu einer hochwertigen Blühfläche umgestaltet, hat mit rechtlichen Vorgaben zu tun. Naturschutzregelungen sehen vor, Eingriffe in Natur und Landschaft und somit auch in Lebensräume von bestimmten Tierarten infolge von Bauvorhaben anderweitig zu kompensieren. Etwa in Form einer Umwandlung von Acker- in hochwertige Biotopflächen. "Natürlich wäre es am schönsten, wenn sich solche Kompensationsstandorte in der Nähe des Eingriffsort befänden und idealerweise auch noch versiegelte Flächen freigelegt werden könnten", sagt Weishaar. Aber das sei in München mangels verfügbarer Flächen meist nicht möglich.

Transformation eines Ackers.

(Foto: Robert Haas)

Für den Bau der zweiten Stammstrecke muss die Bahn insgesamt rund 35 Hektar landschaftspflegerisch bearbeiten - weshalb es außer diesem Areal an der Stadtgrenze noch andere Naturschutz-Maßnahmen gibt, Baumpflanzungen zum Beispiel. In der Maxburgstraße, der Maximilianstraße, auf dem Marienhof, im Bereich der Milchstraße/Kellerstraße und in den Maximiliansanlagen sollen neue Bäume in die Erde gesetzt werden. Allein am Marienhof wuchsen bis zum Umbau 35 japanische Schnurbäume, die man mit der größten in Europa verfügbaren Ballen-Stechmaschine ausgehoben und in die städtische Baumschule nach Allach transportiert hat. Dort sind sie inzwischen wieder angewachsen. Weitere Ausgleichsflächen mit Rückzugsräumen für die Zauneidechse und Magerrasenstandorte hat man im Bereich der Eisenbahnüberführung Leuchtenbergring sowie zwischen Laim und der Donnersbergerbrücke angelegt. In der Langwieder Haide entsteht eine "Salbei-Glatthaferwiese" mit bis zu 60 Pflanzenarten. Und nach dem Ende der Bautätigkeiten sollen an der Friedenheimer Brücke Gras- und Krautflure sowie an der Truderinger Straße artenreiche Extensivwiesen entwickelt werden.

Logistikareal für die Aushub-Massen

Sieben Kilometer Tunnel, vier Kilometer oberirdische Strecke und drei komplett neue unterirdische Bahnhöfe: So sieht die zweite Stammstrecke nach ihrer Fertigstellung aus. Den äußersten Westen erreicht die neue S-Bahn-Route zwar nicht, sie endet in Laim. Betroffen von dem Großprojekt ist der Stadtbezirk Aubing-Lochhausen-Langwied aber dennoch. Und das nicht nur, weil an der Stadtgrenze die größte ökologische Ausgleichsfläche für den Bau entsteht. Dort befindet sich auch die wichtigste Logistikfläche für die zweite Stammstrecke - neben dem Hüllgrabengelände im Münchner Osten. Situiert ist diese Logistikfläche auf dem ehemaligen Strassergelände an der S-Bahnstation Langwied. Das Areal ist Umschlagplatz für die Massen an Aushub- und Abbruchmaterial, die von den Baustellen in der Innenstadt abtransportiert werden sollen. Damit dies möglich ist, müssen der Erdaushub und anderes Material erst per Bahn oder Lastwagen die rund 65 000 Quadratmeter große Lagerfläche erreichen. Dort werden sie untersucht, in verschiedene Bodentypen eingeteilt und in getrennten Schüttgutboxen zwischengelagert. Millionen Tonnen an Boden und Kies sind das in den kommenden Jahren. Der Abtransport des Materials erfolgt nahezu ausschließlich über die Schiene. Dafür wurde extra ein neuer Gleisanschluss auf dem Strassergelände gebaut. Ein spezieller Stapler hievt die Container vom Lkw auf den Zug, das reduziert die Staubentwicklung und die Schall-Immissionen. Pro Zug wird Aushub- und Abbruchmaterial im Umfang von 27 voll beladenen Sattelschleppern abtransportiert. Wobei rund die Hälfte der anfallenden Massen laut Auskunft der Bahn wiederverwertet werden. Wie lange das Logistikareal in Betrieb bleibt, ist offen. Der Zeitpunkt für den Rückbau ist aber abhängig vom Baufortschritt. eda

© SZ vom 17.10.2020

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