Freiham:Ein Ort, an dem man Wurzeln schlägt

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Der Freihamer Gemeinschaftsgarten markiert eine grüne Oase im Neubaugebiet, dessen Bewohner sich dort mit den Aubingern von nebenan treffen können. Mit mehr Geld von der Stadt könnte diese Initiative gestärkt werden

Von Ellen Draxel, Freiham

Freiham: Michael Bruns arbeitet zusammen mit Ulrike Wagner in den Beeten.

Michael Bruns arbeitet zusammen mit Ulrike Wagner in den Beeten.

(Foto: Robert Haas)

Slavicas Morgenspaziergang führt sie fast immer zum Freiluftgarten. Sie geht dann zu den Regentonnen hinter dem Geräteschuppen, schnappt sich eine Gießkanne und taucht das Gefäß in einen der großen, grünen Behälter. In der Hoffnung, dass noch Wasser drin ist. Zuletzt war das alles andere als selbstverständlich: In den Tonnen herrschte, trotz des vielen Niederschlags, gähnende Leere. Weil jemand in den Abend- und Nachtstunden den Hahn aufgedreht und das Gießwasser abgelassen hatte. Zugleich fanden sich Kannen, Tonnendeckel und andere Gegenstände in der benachbarten, fünf Meter tiefen Baugrube. Slavica gehörte voriges Jahr zu den ersten, die auf der Matte standen, als Freihams Gemeinschaftsgarten am 29. Mai 2020 eröffnet wurde. Weil die Neuaubingerin aber ganz in der Nähe wohnt, möchte sie angesichts der immer wiederkehrenden Zerstörungen im Garten ihren kompletten Namen lieber nicht in der Zeitung lesen.

Der Freiluftgarten, im Grünband zwischen Freiham und Neuaubing direkt gegenüber der Kunreuthstraße 53 gelegen, ist eine Oase. Der Pflanzen wegen, die das 800 Quadratmeter große Ackergelände erblühen lassen und in eine grüne Enklave in dem noch von grauem Kies und Baustellen dominierten Neubaugebiet verwandeln. Tomaten, Zucchini, Mangold und viele andere Gemüsesorten wachsen hier, Beeren, Salate und Kräuter sprießen in säuberlich abgetrennten Beeten. Es gibt Wildbienenhotels und einen kleinen Insektenteich.

Freiham: Bruns' Sohn Vincent besorgt Wasser.

Bruns' Sohn Vincent besorgt Wasser.

(Foto: Robert Haas)

Der Garten ist aber vor allem auch ein Bildungs-, Begegnungs- und Integrationsort. "Viele kommen bewusst zum Kontaktknüpfen in unseren Gemeinschaftsgarten, weil sie nach Freiham ziehen möchten, aber noch anderswo wohnen", erzählt Patrycia Marek. Die Politologin und Pädagogin leitet den Freihamer Nachbarschaftstreff unter der Trägerschaft des Vereins Kinderschutz München, zu dem auch der Garten gehört. Sie weiß: "Das gemeinsame Gärtnern schafft eine unkomplizierte Möglichkeit für sozialen Austausch, intensiviert das soziale Miteinander und ebnet den Weg für nachbarschaftliche Kontakte zwischen Bewohnern aus den Bestandsgebieten und dem Neubaugebiet Freiham." Für Ulrike Wagner ist der Garten daher der "ideale Treff, um Wurzeln zu schlagen". Wagner ist Aubingerin und arbeitet im Ökologischen Bildungszentrum. Nun, seit September, betreut die Biologin zur Freude Mareks einen Tag pro Woche den Freiluftgarten.

18 Familien, darunter viele Kinder, arbeiten momentan aktiv im Garten mit. Entschieden wird gemeinsam, man trifft sich in Arbeitsgruppen, einige haben feste Aufgaben übernommen, sind Schlüssel- oder Gerätewarte. Mohammad etwa ist wie Slavica von Anfang an dabei, er engagiert sich in der Salatgruppe. Nach der Abstimmung mit seinem Team hat er asiatischen Lauch gesetzt, "der wächst mehrere Jahre, nicht wie unser Lauch nur einen Sommer lang". Oder Michael Bruns, der gerne seinen Sohn Vincent zum Gärtnern mitnimmt. Er kümmert sich um Neuankömmlinge, die am Tor vorbeilaufen und "das Paradies" bewundern. Schilan Sheikho ist eine der "Neuen" im Gemeinschaftsgarten, die Einzelhandelskauffrau ist mit ihrem Mann Khoder und dem kleinen Avel Anfang Juli nach Freiham gezogen. Beim Spazierengehen hat sie "dieses Schild gesehen, dass man sich hier immer treffen kann". Seitdem kommt sie regelmäßig, schon wegen ihres einjährigen Sohnes, "der infolge des Abstandhaltens wegen Corona Angst vor Leuten hat". Sogar eine Kindergruppe gibt es am Freihamer Weg, die sich regelmäßig trifft und von Stefanie Picker geleitet wird.

Freiham: Guck mal, Avel: Schilan Sheikho kommt mit ihrem Sohn gern in den Gemeinschaftsgarten, denn es gibt hier viel zu sehen und zu tun.

Guck mal, Avel: Schilan Sheikho kommt mit ihrem Sohn gern in den Gemeinschaftsgarten, denn es gibt hier viel zu sehen und zu tun.

(Foto: Robert Haas)

Alter, Herkunft, Bildungsstand, Beruf, Religion - im Garten ist all das sekundär. Da werkelt die Ärztin neben dem Friseur, der Programmierer neben dem Lehrer, der Sozialarbeiter neben der Verwaltungsangestellten. "Die Menschen definieren sich bei uns über ihr gemeinsames Interesse an der Wiedereroberung des zum Teil verloren gegangenen Wissens über die natürliche Nahrungsmittelproduktion und über die Suche nach nachbarschaftlichen Kontakten und Erholung", sagt Marek.

Umso trauriger finden die Gärtner den mutwilligen Vandalismus, der seit einigen Wochen den Freiluftgarten trifft. Blumenbehälter, das Tomatenhaus und der Schaukasten wurden schon zerstört. Das Insektenhotel, Ergebnis eines aus dem Fonds "Lasst uns mal ran" finanzierten Kinderprojekts, wurde mehrfach beschädigt. Eine Wildbienen-Forscherstation der Technischen Universität fanden sie verwüstet vor. Für Marek sind diese Zerstörungen ein Indiz dafür, dass Integration an diesem Standort noch intensiver als bisher forciert werden muss. Doch dafür braucht es ausreichend Personal. Mit den 19,5 Stunden, die Marek zur Verfügung hat, sei der Aufbau des Nachbarschaftstreffs und die parallele Bespielung des Freiluftgartens allein nicht zu machen, sagt die Treffleiterin. "Die Zuschaltung von personellen und finanziellen Ressourcen ist unabdingbar, um bei der Realisierung der städtischen Ziele wie Inklusion und Bildung zur nachhaltigen Entwicklung mitwirken zu können." Marek hat "kein Verständnis" dafür, wenn von Verwaltungsseite Freiham als Standardfall betrachtet wird. "Denn das ist es nicht. Wir haben hier eine Riesenbaustelle. Und es gibt ein Bestandsgebiet, das ins Boot geholt werden muss." Der Bezirksausschuss Aubing-Lochhausen-Langwied sieht das ebenso.

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