Das ist schön:Mit Anarchie aus der Kunstblase

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Das Freie Theater München hat Geburtstag und erobert die Stadt als Bühne.

Von Sabine Leucht, München

Das Freie Theater München (FTM) feiert an diesem Wochenende endlich sein Jubiläum nach - 50+1 - , unter anderem mit einem Reenactment seiner "Schwarzen Prozession" von 1973. Am Samstag zieht die auf Stelzen und Holzrädern am Odeonsplatz los - um 12 Uhr oder sobald sich die anarchische Mixtur aus Freie-Szene-Urgesteinen und jüngeren Gruppierungen eingeruckelt hat, die alle auf dem fruchtbaren Mist der am 29. April 1970 von George Froscher und Kurt Bildstein gegründeten Theatergruppe gewachsen sind, die international so bekannt ist wie das Living Theatre und Jerzy Grotowski. Ja, München hat so was! Und wer glaubt, "diese Stelzenläufer kenn' ich doch vom Tollwood", der verkennt die reduzierte und doch expressive Bildsprache dieser sehr besonderen "Narren", die Friedrich Luft schalt und Benjamin Henrichs als Vorbild hochhielt - zu Zeiten, in denen Theaterkritiken auch noch ein anderes Gewicht hatten.

Zur Generalprobe mussten die Prozessionsteilnehmer mit ihren langen Schleppen, gravitätischen schwarzen Hüten und der archaischen Anmutung des gar nicht aufmerksamkeitsheischenden Für-sich-Seins vor dem Regen in die MUCCA-Halle fliehen. Am Samstag und Sonntag geht es hoffentlich erst für die Werkschau, anschließende Tischgespräche und spätabendliche Live-Acts aufs Kreativquartier-Gelände (www.pathosmuenchen.de). Am 23. September gibt es die Wiederaufnahme von Kurt Bildsteins jüngster Inszenierung "Pop Amok", die der grassierenden political correctness die Freiheit der Kunst entgegenhält. Blöd nur, dass der FTM-Geburtstag wegen dieser komplett unkorrekten Pandemie nun ausgerechnet auf das Wochenende fällt, an dem gefühlt die ganze Kulturwelt wieder erwacht. Das neue Schwere Reiter wird eröffnet, das Büro Grandezza begeht "The 2051 Munich Climate Conference", ganz zu schweigen vom Saisonstart an Kammerspielen, Staatsoper und Resi. Konnte man da wirklich keinen anderen Slot finden - oder wenigstens schnell noch einen Selbstteilungstrank für Kulturinteressierte brauen?

Gerade bei der übergeschäftigen Betriebsnudelei, die jetzt wieder losgeht, täte es gut, zu erfahren, dass man politisches, streitbares Theater zwischen Stilisierung und Selbstverausgabung nicht neu erfinden muss. Am Samstag jedenfalls kann man den Ausläufern dieses Theaters zwischen Odeons-, Wittelsbacher-, Karolinen-, Königs- und Stiglmaier-Platz auch jenseits der Kunstblase begegnen, und zwei Theater-Müllmänner mit Pappmaché-Masken räumen hinter ihnen auf. Ist das nicht schön?

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