Geschlechtsangleichung:Für sie ist die Welt nicht schwarz-weiß, sondern bunt

Alles ging gut, sie genoss ihr neues Leben, bis zu jenem Sommertag vor knapp vier Jahren, als sie nachts aus einer Bar kam und am Stachus von vier Männern erst beleidigt und dann brutal zusammengeschlagen wurde. Die Attacke war schlimm genug, sagt sie leise, "aber das Gefühl der Schutzlosigkeit war fast noch schlimmer". Niemand habe ihr beigestanden, als sie verletzt am Boden lag, nicht Passanten, nicht die Polizei, die schließlich eintraf. Während die Angreifer das Weite suchten, bekam sie sogar noch eine Anzeige wegen Körperverletzung, weil sie sich gewehrt hatte.

Aus Angst vor den Folgen - "die hätten mich am Ende in einen Männerknast gesteckt" - floh sie nach England. Doch ihre Familie wollte nichts mehr von ihr wissen. Sie kam bei einer Freundin in London unter, versuchte, das Erlebte zu verarbeiten. Doch bis heute leidet sie an dem Trauma, das diese Nacht in ihrer Seele hinterlassen hat. Sie hat Angststörungen, kann manchmal tagelang die Wohnung nicht verlassen. Trotzdem kämpft sie weiter.

Die Sonne scheint, Passanten gehen am Rindermarkt vorbei, Hannah erzählt ruhig weiter. "Nach der Attacke war ich sehr wütend, aber ich mag das gar nicht: wütend sein." Sie lächelt. Es ist ein freundliches, warmes Lächeln.

Als sie nach München zurückkam - die Trans-Community hatte Geld gesammelt, um die Strafe wegen Körperverletzung zu bezahlen -, hatte sie keinen Job, kein Geld, keine Krankenversicherung mehr. Doch sie bekam Hilfe. "Die Stadt war so gut zu mir", sagt sie. Eine Sozialpädagogin hilft ihr seither im Alltag. "Sie hat mein Leben gerettet" - und natürlich Quentin.

Quentin Rothammer, ihr Lebensgefährte, hat in all der Zeit zu ihr gehalten. Er ist ihre große Liebe. Der 28-Jährige studiert Gesundheitswissenschaften an der TU und engagiert sich im Vorstand des Vereins Vivats für Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität. Der Verein hilft bei Problemen im Alltag, mit Behörden, vor allem aber gibt er seinen Mitgliedern Halt und das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Einmal in der Woche treffen sie sich im schwulen Kommunikationszentrum Sub in der Müllerstraße.

Vor 30 Jahren wurde Vivats gegründet, seither hat sich vieles verbessert, sagt Quentin Rothammer. Aber noch immer haben Transmenschen mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Das fängt bei der Namensänderung an, dafür braucht es ein medizinisches Gutachten, der Prozess dauert oft Jahre. Jahre, in denen man mit einer Identität leben muss, die sich falsch anfühlt. Schulen, Unis, Arbeitgeber, Behördenvertreter wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Quentin Rothammer wurde als Mädchen geboren, er selbst bezeichnet sich als trans-maskulin, "weil alles andere zu kompliziert zu erklären ist". Es gebe so viele Schattierungen, sagt er. Auch manche Hetero-Männer hätten Probleme mit der klassischen Männlichkeit, die wenig Nähe zulasse. Für Quentin Rothammer und Hannah Aram ist die Welt jedenfalls nicht schwarz-weiß, sondern bunt. Wer sie anderntags in ihrer kleinen Wohnung zusammen beobachtet, sieht auf den ersten Blick: Die beiden sind ein liebevolles, harmonisches Paar. "München ist eine sehr tolerante Stadt", sagt Hannah Aram noch, "vielleicht der beste Platz zum Leben. Hier wird eine bunte Counter Culture gelebt", - abgesehen von Ausnahmen.

Ob queer oder trans, ob bi oder divers, wie man es jetzt in den Pass eintragen lassen kann - die Bezeichnungen seien nicht entscheidend, sagt Aram. Wichtig sei es, seine Identität leben zu dürfen, ohne Anfeindungen, ohne Diskriminierung, ohne schräge Blicke.

"I want to thrive not just survive", reimt sie auf Englisch: wachsen, nicht bloß überleben, das ist ihr Motto. Mit dem Skifahren hat sie einen Weg gefunden, zu wachsen. "Der Berg macht mir keine Angst, nur die Gesellschaft." Aber auch diese Angst wird immer kleiner, je mehr Hannah Aram an sich selbst glaubt.

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