Wochen gegen Rassismus "Diese Rechte sind niemals gesichert"

Das Event interessierte auch Marga Normann, Gerda Egartner und Doris Pfeil (v.l.).

(Foto: Robert Haas)

Welche Folgen hat es für Frauen, wenn Europa nach rechts rückt? Und wenn sich Rassismus und Sexismus verbinden? Ein Diskussionsabend.

Von Anna Hoben

Man muss als nicht mehr ganz junger Mensch Anfang des 21. Jahrhunderts leider feststellen, dass mit dem technologischen Fortschritt nicht automatisch ein gesellschaftlicher Fortschritt einhergeht; dass es mitnichten immer nur vorwärts geht in den Köpfen und in der Politik. Man hätte das natürlich auch bei Simone de Beauvoir nachschlagen können. "Vergesst nicht", hat sie gesagt, "es genügt eine politische, ökonomische oder religiöse Krise - und schon werden die Rechte der Frauen wieder infrage gestellt. Diese Rechte sind niemals gesichert."

Die städtische Gleichstellungsbeauftragte Nicole Lassal setzt das Zitat an den Anfang ihres Impulsvortrags beim Frauensalon, den der soziale Trägerverein Condrobs am Dienstag zum dritten Mal veranstaltet hat. Diesmal zum Thema: "Rechtsruck in Europa - Was bedeutet das für uns Frauen?"

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Tatsächlich ist der Techniker an diesem Abend der einzige Mann im Theater Drehleier, die Frauen sind unter sich. Das Schöne an dem Format ist, dass mitunter tatsächlich sehr unterschiedliche Frauen mit sehr unterschiedlichen Lebenserfahrungen zusammenkommen. Franziska Fleischmann etwa, die sich in einem Verein für Frauen im Management engagiert, sitzt an einem Tisch mit Doris Pfeil, Gerda Egartner und Marga Normann, von denen eine ein paar Jahre vor und zwei ein paar Jahre nach dem 80. Geburtstag stehen.

"Starke Frauen", sagt Doris Pfeil erst einmal, "ich weiß nicht." Besonders emanzipiert sei sie nie gewesen, und trotzdem zufrieden. Dabei hat sie als junge Frau Ende der Fünfzigerjahre zwei Jahre allein in New York gelebt und gearbeitet - ganz unemanzipiert kann sie nicht gewesen sein. Ihre Freundin Gerda Egartner wiegt den Kopf hin und her. Sie beneide die jüngere Generation zwar nicht, "der Stress ist viel mehr geworden". Trotzdem ist sie froh, dass sie nicht nur zur Hause für die Kinder da war, sondern auch viele Jahre gearbeitet hat.

Was also bedeutet es für Frauen, wenn ausgrenzende, antifeministische Tendenzen heute wieder stärker werden? Krisen, um zu den prophetischen Fähigkeiten von Simone de Beauvoir zurückzukommen, hat es reichlich gegeben in den vergangenen Jahren, von der Finanzkrise über die sogenannte Flüchtlingskrise bis hin zur aktuellen politischen Krise Europas, die von einem starken Aufstieg nationalistischer, rechtspopulistischer und -extremer sowie antifeministischer Kräfte befördert und gekennzeichnet sei, wie Nicole Lassal eingangs analysiert. Europa sei lange ein Motor für Gleichberechtigung gewesen.

Diese Grundwerte provozierten rechtsnationale Parteien europaweit, sie widersprächen der "chauvinistischen Propaganda eines rückwärtsgewandten Gesellschaftsbildes", dessen Keimzelle die traditionelle Kleinfamilie ist mit der klar definierten Rolle von Frauen als sorgende Mutter. Das völkische Gedankengut entlarve sich, wenn es um den Fortbestand der "nationalen" Familie gehe oder sich gegen gleichgeschlechtliche Lebensweisen richte.

Frauenrechte würden einem gesellschaftspolitischen Konzept untergeordnet: Frauen sollten im nationalen Interesse keinen Zugang haben zu Verhütung, Sexualaufklärung, Abtreibung. Diese Entwicklung schreite in einigen europäischen Ländern schnell fort, etwa in Polen oder in Italien, wo im derzeitigen politischen Klima immer weniger Ärzte Abtreibungen durchführen und gerade der Freispruch eines mutmaßlichen Vergewaltigers Furore macht.

Das Gericht hatte sein Urteil damit begründet, das Opfer, eine Migrantin, sehe männlich aus und sei nicht attraktiv genug. "Ein Beispiel, in dem Rassismus und Sexismus zusammenkommen", so Lassal. Andererseits werde der Feminismus auch instrumentalisiert, etwa zur Begründung von Fremdenfeindlichkeit. Zur Zustandsbeschreibung gehört natürlich auch, was die Kabarettistin Maria Peschek erfrischend unakademisch auf den Punkt bringt, nämlich "dieses rosarote Scheiß-Prinzessinnengetue", das heute bei kleinen Mädchen so angesagt ist.

"Dieses Bild hab' ich so noch nie gesehen", sagte die Moderatorin des Abends, Journalistin Özlem Sarikaya. Zur Veranstaltung waren nur Frauen eingeladen.

(Foto: Robert Haas)

Was bringt Frauen dazu, so gegen ihre eigenen Interessen zu denken und zu handeln? Die Frage taucht immer wieder auf an diesem Abend, das Interesse nach psychologischen Erklärungen ist groß. Dieses starke Individualisieren sei jedoch der falsche Weg und führe nicht weiter, findet Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD), dahinter stehe schließlich eine Ideologie.

"Empowerment" - sich gegenseitig stärken, nicht nur die Privilegierten

In einer Stadt wie München sei die bei Rechten beliebte Mär vom "Austausch" der Bevölkerung jedenfalls schon gelungen, resümiert sie ironisch; 42 Prozent der Menschen in München haben einen Migrationshintergrund (und da sind nicht etwa jene dabei, die aus der Maxvorstadt nach Giesing gezogen sind), in Berlin ist es nur jeder Dritte. Tatsächlich ist es ja so, dass einem das oft erst mal keiner glaubt, wenn man diese Zahlen zitiert. Diese Vielfalt könnte etwas sein, worüber sich die Stadt viel stärker definieren und vermarkten könnte, wie Miriam Heigl anregt, Leiterin der Fachstelle für Demokratie. Denn die Frage ist ja, was man aus den Analysen macht, was man der skizzierten Entwicklung entgegensetzt.

Heigl etwa schwebt die Vision eines neuen und inklusiven "Wir" vor. Immer wieder fällt der Begriff des "Empowerment": sich gegenseitig stärken und unterstützen, und zwar alle Frauen, nicht nur die privilegierten. Geflüchtete Frauen öfter mal anlächeln, schlägt Rebecca Schreiber vor, die eine Flüchtlingsunterkunft leitet und mit jenen Frauen arbeitet, die Anfeindungen oft am eigenen Leib erlebten und "nicht das Privileg haben, sich selbst zu wehren". Auch Nuschin Rawanmehr, Sozialpädagogin, Iranerin, Feministin, wünscht sich vor allem, dass Migrantinnen gestärkt werden. Dazu müssten freilich soziale Ungleichheiten abgebaut werden. Sie kenne viele Frauen, die gern an einer Veranstaltung wie dieser teilnehmen würden, aber nach ihrem Erstjob zum Zweit- oder Drittjob müssten, um sich die Miete leisten zu können.

Was sie positiv stimme, sagt die grüne Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel später: dass viele junge Frauen sich für einen neuen, zeitgemäßen Feminismus interessierten. Frauen müssten Zuschreibungen häufiger hinterfragen, etwa das Idealbild von der Powerfrau. Ob schon mal jemand gehört habe, dass jemand als Powermann bezeichnet wurde, weil er alles so gut meistere? Zum Schluss spielt die Münchner Singer-Songwriterin Ami Warning, die eine tolle Musikerin ist, auch ohne dass man sie als Powerfrau bezeichnen muss. Vor dem letzten Lied überlegt sie hin und her und entscheidet sich für "Stay Alive". "Das passt vielleicht besser heute."

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