Haidhausen "Meinen Glühweinstand, den geb' ich nie her"

Erwachsene bekommen hier seit mehr als 40 Jahren auch Hochprozentiges.

(Foto: Stephan Rumpf)

Seit mehr als vier Jahrzehnten arbeitet Annemarie Franz auf dem Christkindlmarkt am Weißenburger Platz. In dieser Zeit haben sich nicht nur das Viertel, sondern auch die Kunden verändert.

Von Sophie Kobel

Die Reifen des Rollators quietschen, als Annemarie Franz ihn über das nasse Kopfsteinpflaster am Weißenburger Platz schiebt. Der Schneeregen stört sie nicht auf ihrem Weg zur Arbeit, den kennt sie seit 43 Jahren. Denn so lange schon geht die Seniorin jeden Dezembermorgen bis Heiligabend den Weg vom Rosenheimer Platz zu ihrem Stand am Haidhauser Christkindlmarkt und schenkt dort Glühwein aus. "Angefangen hat alles mit dem Sommerfest 1976, auch hier auf dem Platz. Ich hab' Bratwürstl verkauft, aber es war ein schlechtes Geschäft. Die Würstl sind mir ständig verbrannt", erzählt die 82-Jährige und schmunzelt. "Als es dann hieß, dass es einen Weihnachtsmarkt im Glasscherbenviertel geben soll, hab ich mich lieber mit Glühwein eingetragen. Haidhausen war damals ein wenig beliebter Stadtteil", sagt sie, "darum wurde ich überhaupt gefragt".

Sechs kleine Stände aus Holz wurden damals auf dem Weißenburger Platz aufgebaut, heute sind es mehr als 50. Annemarie Franz hat miterlebt, wie der Markt gewachsen ist. Und während jedes Jahr ein paar Hütten mehr eröffneten, erweiterte sie fleißig ihr Sortiment. Der rote Glühwein um knapp zwei D-Mark bekam bald Gesellschaft vom Jagertee, weißen Punsch und in den Achtzigerjahren dann vom heißen Caipirinha. Verändert haben sich ihre beiden Standard-Getränke im Laufe der Jahrzehnte kaum: Der Punsch ist ein Rezept von der Großmutter, und der rote Tropfen für den Glühwein kommt aus der Flasche, nicht aus dem Kanister. Darauf ist Franz stolz: "Den Bauernwein aus Südtirol kauf' ich seit 43 Jahren vom selben Winzer. Am Anfang waren das nur sechs Zwei-Liter-Flaschen pro Tag, die konnte ich selbst einkaufen und zum Stand tragen. Heute kommt die Weinlieferung drei Mal am Tag, die erste schon um 6.30 Uhr", sagt die Münchnerin.

Das Rezept stimmt: Für die Kinder aus der Weilerschule füllt Annemarie Franz in ihrer "Glühwein-Hütt'n" Kinderpunsch aus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ihren Glühwein rührt Annemarie Franz noch selbst an, serviert allerdings wird inzwischen von ihren Mitarbeitern. Weil sie Angst hat, dass sie mal aus Versehen das heiße Getränk den Kunden über die Ärmel schütten könnte. Früher allerdings war das Ausschenken nicht nur im Dezember, sondern ganzjährig ihr Beruf: Die gebürtige Neuhauserin stand bei Veranstaltungen im Deutschen Theater und im Haus der Kunst regelmäßig hinter der Bar, und als Bedienung auf dem Oktoberfest trug sie zehn Keferloher auf einmal durchs Schottenhamelzelt. Ein paar Jahre später bekam sie dann den lang ersehnten eigenen Stand vor dem Winzerer Fähndl und nach einer Weile auch einen auf der Auer Dult.

"Sechs Meter lang war unsere Hütte. Brezen, belegte Brote und Limonaden hatten wir", erzählt die gelernte Verkäuferin. "Wir", das waren ihr Mann Willi und sie. Dem allerdings wurde das Leben in der Gastronomie mit der Zeit zu viel, und auch der gemeinsame Sohn wollte die Stände nicht übernehmen. "Irgendwann hab' ich es dann eingesehen und das Meiste abgegeben. Aber meinen Glühweinstand, das hab' ich schon damals gesagt, den geb' ich nie her", erzählt sie und schiebt sich eine hellbraune Haarsträhne hinter das Ohr.

Und so machte Annemarie Franz weiter. 2006 erlitt ihr Sohn beim Skifahren einen plötzlichen Herzstillstand, die Ärzte konnten ihn nicht mehr retten. Drei Jahre später starb ihr Ehemann, es war in der Vorweihnachtszeit. Zwei Tage nur blieb die Glühweinhütte zwischen Weißenburger- und Metzstraße geschlossen, dann zog Annemarie Franz die braunen Rollläden wieder nach oben und rührte erneut Orangenschalen, Zimt, Kardamom und Nelken in den dampfenden Kupferkesseln an.

Allein, das war sie allerdings nie. Denn seit 2009 wurde aus der Franzhütte Stück für Stück ein Familienbetrieb. Die beiden Enkelkinder, Roxy und Lucas, sind zwar viel im Ausland unterwegs, studieren in Berlin und London. Im Dezember allerdings kommen sie nach München zur Oma. "Selbst als die Roxy in Kolumbien war, kam sie rechtzeitig zum Christkindlmarkt zurück. Das freut mich schon immer sehr", erzählt Franz.

Jetzt sind die beiden Enkelkinder auch offiziell in das Geschäft eingestiegen. Der inzwischen 30-Jährige stellte Bekannte zusätzlich an den Ausschank, führte Früh- und Spätschichten ein und organisierte zuletzt den Anbau eines überdachten Unterstands für die Gäste. Dort, zwischen Stehtischen, Barhockern und Strohsternen, hängen zwei gerahmte Collagen. Auf Schwarzweiß- und Farbfotos in Sepiatönen sind Menschen in Wollpullis und Pudelmützen zu sehen. Mal auf Krücken, mal mit Baby im Arm, stehen sie alle vor derselben Hütte. Und mittendrin Annemarie Franz, in ihrer windigen Heimat: "Hinter dem Tresen habe ich mich schon immer wohlgefühlt, weil man da so viel mitbekommt", sagt sie. Und die Kälte macht ihr nichts mehr aus.

Ob sie etwas vermisse zu früher? Franz nickt: "Das Ratschen mit den Stammkunden. Heuer sehe ich jeden Tag wieder, wie viele Menschen abends von der S-Bahn-Station hochströmen, bei uns bestellen, ihren Glühwein runterkippen und weitergehen. Kaum jemand nimmt sich noch die Zeit, ganz in Ruhe auszutrinken", bedauert die Münchnerin und deutet auf acht dunkelblaue Tassen mit eingebrannten Vornamen, die säuberlich geordnet an der Rückwand der Holzhütte hängen. Die lässt die Standbetreiberin für ihre Stammkunden extra auf der Auer Dult anfertigen, für die Leute, die sich die Zeit für einen Ratsch nehmen.

"Wir hatten hier früher über 40 Tassen hängen. Unsere meisten Kunden waren Handwerker, einfache und nette Leute. Wenn manche kein Geld übrig hatten, haben sie mir als Zahlung einen neuen Kupferdeckel gegossen oder ein Kunstwerk geschenkt", sagt sie und lacht. Was sie sich für die Zukunft ihres Standes wünsche? "Ich würde gerne wieder mehr Tassen beschriften lassen", antwortet sie. Glühwein trinkt Annemarie selbst übrigens nicht mehr. Sonst könnte der Rollator auf dem Heimweg ins Schlingern geraten.

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