Frank Ocean in München:Befriedigt ohne Orgasmus

Lesezeit: 3 min

Im Leben handelt Ocean so, wie man es von einem Künstler seines Genres nicht unbedingt erwartet. Sein Coming-Out im vergangenen Jahr sorgte im immer noch von den dämlichsten Homophobikern bevölkerten Hip-Hop-Betrieb für großes Aufsehen. Und auch musikalisch überrascht Ocean ständig, er hält sich an kaum eine Pop-Konvention.

Die Melodiebögen seiner Songs verlaufen immer anders als man glaubt, Ocean spielt mit Brüchen und scheinbar nicht zusammen passenden Versatzstücken. Manchmal laufen die Melodien einfach ins Leere. Der 25-Jährige inszeniert auch auf der Bühne musikalisches Forschen, gibt sich nicht mit einfachen, standardisierten Schemata zufrieden. Es geht ihm um den Bruch der Regel - genau im Augenblick ihrer Etablierung.

BMW_Welt_Frank_Ocean_25.6.2013; Frank Ocean in der BMW Welt

Erregung ohne Erfüllung: Frank Ocean in der BMW-Welt.

(Foto: Gudrun Muschalla/BMW AG)

In München beweist er damit, dass R'n'B im Moment das aufregendste Genre der Popmusik ist - mit ihm selbst als einem der wichtigsten Protagonisten. Das futuristische, polierte Glitzern, das das 2012er-Album "Channel Orange" schon jetzt zu einem der besten des noch jungen Jahrzehnts macht, das bringt Ocean auch auf die Bühne.

Die Palme brennt. Und brennt. Und brennt

Dabei gehorchen Popkonzerte eigentlich einer simplen Dramaturgie, an deren Ende im Optimalfall Publikum und Künstler gemeinsam zum Höhepunkt kommen. Frank Ocean geht es dagegen um die ständige Erregung ohne Erfüllung, die musikalische Beschwörung des Nichtvollzuges. Zwar steigert er die Energie den gesamten Abend über, so lange, bis die Explosion eigentlich unausweichlich ist.

Während des knapp zehnminütigen "Pyramids "zum Beispiel, diesem gewaltigen Song über die Schönheit Kleopatras und einer Stripperin in einem Las-Vegas-Nachtclub. Als in der Mitte des Liedes die Töne eines ungeheuer treibenden, eingängigen Bass-Breaks durch den Raum pulsieren, werfen die Fans - fast erleichtert - ihre Arme in die Luft. Doch nach nur wenigen Sekunden setzt schon wieder ein ruhiger Beat ein.

Der Ekstase verweigert sich Ocean. Und trotzdem: Unbefriedigt lässt er keinen zurück. Das Konzert ist ein ständiger wunderbarer Aufbruch. Auf der Leinwand ist der BMW verschwunden, eine brennende Palme ist nun zu erkennen. Wird sie jetzt kurz, heftig aufflammen - und dann in sich zusammenfallen? Nein. Die Palme, sie brennt. Und brennt. Und brennt.

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