Frameworks Festival im MUG:Klangkunst im Münchner Untergrund

Wenn sogar die Zuschauer improvisieren müssen: Das Frameworks Festival im MUG zeigt, dass die elektronisch-experimentelle Musikszene vor Kreativität und Vielfalt sprüht.

Franziska Dürmeier

Meditativ und in Schwingung versetzend - so wirkte das Klangspektakel am Wochenende im MUG (Münchner Untergrund im Einstein). Hunderte leuchtende Origami-Kraniche wiesen den Besuchern den Weg vorbei am Jazzclub Unterfahrt in den MUG. Auf dem Bühnenbereich in der Mitte des unterirdischen Tonnengewölbes präsentierten acht Bands auf drei Abende verteilt ihre musikalischen Experimente.

Frameworks

Die isländische Sängerin und Klangkünstlerin "Kira Kira".

(Foto: Franziska Dürmeier)

Der MUG ist Teil des Kulturzentrums Einstein beim Max-Weber-Platz und will experimentelle Musik, Klangkunst, zeitgenössische interdisziplinäre Projekte und musikalische Forschungsprojekte vereinen und besteht bereits seit über zehn Jahren.

Bis vor einigen Monaten noch unter dem Namen "Klanggalerie t-u-b-e" bekannt, bietet der MUG einen Veranstaltungs- und Produktionsort für musikalische Projekte. Mit dem Frameworks Festival wurden Musikkünstler verschiedener europäischer Subkulturen zusammengeführt, die sich musikalisch zwischen Abstraktion und Songstruktur bewegen.

Eröffnet wurde das Festival am Freitagabend mit dem Auftritt der isländischen Sängerin und Klangkünstlerin "Kira Kira". Kristín Björk Kristjánsdóttir, die gemeinsam mit dem Trompeter Eiríkur Orri auf der Bühne erscheint, trägt ein auffälliges Bühnenoutfit und bedient kniend Laptop, Kalimba und Spieluhr. Mit hoher Gesangsstimme und ausgelassenem Tanz begleitet sie die elektronischen Klänge, während Eiríkur auf seiner Trompete jazzige Sounds kreiert. Zwischen den Stücken erzählt Kristín von ihren Assoziationen wie roten Tänzern und dem Klang von Licht.

Der Raum hat sich inzwischen bis an die Grenze gefüllt als das Trio "To Rococo Rot" auf die Bühne tritt. Drei sympathische, doch konzentriert wirkende Männer greifen zu ihren Instrumenten: Schlagzeug, Bass, Klavier, Laptop und Tenori-on sollen die nächste Stunde ausfüllen.

Wie ihr Name, der ein Palindrom ist, wirken auch die Stücke: Wie endlose Wiederholungen mit minimalen Variationen. Schon nach wenigen Takten der langen, steten Melodien wird die Menge mitgerissen und tanzt - wenn auch größtenteils sitzend - zu der Musik, die an Krautrock angelehnt ist und an Bands wie Can erinnert.

Mit einem steten kräftigen Schlagzeugsound, darüber dem Basslauf und Klaviereinlagen sowie dem gleichmäßigen Sound des Tenori-ons spielen die drei Musiker das Publikum in Trance. Der Cellist "Fello", auch genannt "Springintgut", spielt am zweiten Festivaltag mit einem Cellobogen, der dank eines eingebauten Bewegungssensors einer Nintendo Wii gleichzeitig Effekte und Videos steuern kann.

Durch die hastigen Bewegungen des Cellisten überlagern sich Loops, Delay und einzelne Geräusche. Aufgrund des raschen Wechsels unterschiedlicher Passagen sind die einzelnen Sequenzen etwas kurzweilig, man hätte sie gerne länger auf sich wirken lassen.

Anschließend tritt der Franzose Sylvain Chauveau auf die Bühne, wortkarg und mit schmucklosen Klängen, die er mit Akustikgitarre, Kofferradio, Laptop und Xylophon herstellt, widmet er sich akribisch minimalster Geräusche, über die er intime, melancholische Gesangsmelodien legt. Wie ein Wissenschaftler arbeitet er in aller Ruhe auf der Bühne und produziert dezente bis grelle Minimalsounds, welche in ihrer Frequenz die Grenze des Hörers auszutesten scheinen.

Die dritte und letzte Performance für Samstag wurde von den beiden Musikern Jan Jelinek und Masayoshi Fujita bestritten, die zu zweit ein beeindruckendes Zusammenspiel entwickelten. Die Spannung des musikalischen Dialogs bestand aus Jelineks elektronischen Samples, Loops und Geräuschen sowie Fujitas live am Vibraphon erzeugten Klängen, die er teilweise durch Hilfsmittel verfremdete und das Vibraphon zu einem All-Round-Instrument umwandelte.

Während Jelinek in seine große Auswahl an elektronischem Equipement vertieft ist, nimmt Fujitas Spiel einen chaotischen Verlauf, indem er Mallets, Streicherbögen, Spielzeug und Alufolie auf das Vibraphon wirft und virtuos darauf herumschlägt.

Der letzte Festivaltag wurde von dem jungen Finnen Olli Arni eingeleitet, der unter dem Künstlernamen "Nuojuva" auftritt. Zwischen Klavier, Sampler und Synthesizer fügt er Samples alter finnischer und sowjetischer Folksongs und instrumentaler Aufnahmen zu feinfühligen Kompositionen zusammen. Aus einem schmalen Notizbuch singt er Texte vor, die mit melancholischen Melodien versehen sind.

Die Unklarheit und Verzerrung der Aufnahmen und des Gesangs, die an das Knistern alter Schallplatten erinnern, lassen die Distanz zwischen Hörer und Musiker sowie das elektronische Medium dazwischen spürbar werden. Die Künstlichkeit der verfremdeten Klänge wird durch seine Klaviereinlagen gebrochen, die wieder mehr Klarheit zulassen.

"Lokai" ist ein österreichisches Duo, das mit E-Gitarre, Klangschalen, Streicherbogen, Synthesizer, Sampler und Melodica eine Soundkulisse entwickelt, die sich zwischen Abstraktion und Songstruktur bewegt. Wie ein eingespieltes Team wirken die beiden Musiker, die sich immer wieder leger zunicken. Bis zu einer lauten, vibrierenden Soundkulisse steigern sich die Melodien und Geräusche, die von einem subtilen Rhythmus gestützt werden.

Völlig in seiner Musik aufblühend beschließt der Künstler Nils Frahm das Frameworks-Festival mit seinen professionellen Kompositionen an Klavier und Synthesizer. Elemente der Klassik und der elektronischen Musik finden sich in seinen Kompositionen wieder. Er holt spontan einen Zuschauer auf die Bühne, welcher zaghaft zu den Melodien des Musikers improvisiert. Nils Frahms virtuoses Klavierspiel gipfelt in sich überschlagenden Klavierläufen, zu deren Rhythmus seine Füße ekstatisch tanzen.

Abseits von großen Konzerthallen und überteuerten Events zeigte das Frameworks Festival eine breite Auswahl authentischer zeitgenössischer Musik, welche von Innovation und Kreativität gekennzeichnet ist. Das abwechslungsreiche Programm und die Räumlichkeit machten das Frameworks Festival zu einem beeindruckenden Ereignis.

© Süddeutsche.de/sonn
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